Der Flugplatz ist sein häufigstes Reiseziel

NIDWALDEN/ZÜRICH ⋅ Stephan Widmer ist Chefbeamter in der kantonalen Verwaltung in Zürich. Er pflegt ein zeitintensives Hobby. Als Spotter passt er die neusten Pilatus-Flugzeuge ab, und zwischendurch bearbeitet er am Pistenrand Geschäfte des Regierungsrats.
07. Oktober 2017, 08:55

Johanna Wedl*

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Plötzlich geht es schnell. Stephan Widmer eilt Richtung Zaun. Im Nu ist seine Leiter aufgebaut und er hinaufgestiegen. Beide Hände an einem Foto­apparat, fokussiert er sein Objekt der Begierde, eine einmotorige Maschine des Typs PC 6, die der Flugzeughersteller Pilatus produziert hat. An diesem schönen Herbsttag ist ein amerikanisches Ehepaar eigens nach Stans gereist, um sein neues Transportmittel frisch ab Werk in Empfang zu nehmen, und Spotter Widmer hält das Ereignis optisch fest.

Im Kofferraum seines Autos liegen neben der Leiter stets Bergschuhe, mehrere Kameras und ein Feldstecher, und in der Mittelkonsole des Wagens steckt ein Funkgerät. Zwei halbe Tage pro Woche nimmt sich Widmer eine «Auszeit». Er tauscht Anzug und Krawatte gegen Jeans und Trenchcoat und fährt von seinem Arbeitsplatz in Zürich in die Innerschweiz nach Stans. Vor fünf Jahren ­begann der 60-Jährige, sich auf seine Pensionierung vorzubereiten. Was zuerst ein Hobby war, entwickelte sich immer mehr zur Leidenschaft. Seit drei Jahren ist Widmer «Profi-Spotter», obwohl er hauptberuflich als Generalsekretär für die Zürcher Bildungsdirektion arbeitet.

«Hoi Max, häsch gseh, dä Franzos isch i dä Luft.» Der Umgang unter Flugzeugfans ist kollegial, man teilt Informationen und Bilder in einer Whatsapp-Gruppe. Widmer verschickt regelmässig eine Art «Protokoll» mit Fotos und Notizen zu den Sichtungen. «Ich fördere diesen Austausch sehr, das ist mir wichtig. Jeder von uns hat einmal Glück und einmal Pech.»

«Da beisse ich fast in die Tischkante»

Was ihn aber ärgert, das gibt Widmer zu, ist, wenn er im Büro am Computer sitzt und auf einer Echtzeit-Darstellung im Internet sieht, dass gerade ein besonderes Pilatus-Flugzeug über Stans schwebt. «Da beisse ich fast in die Tischkante. Aber das Geschäftliche hat Priorität.» Nie würde er eine wichtige Sitzung ausfallen lassen. Umso mehr geniesst er es, dass es dank moderner elektronischer Mittel wie eines internetfähigen Mobiltelefons möglich ist, sein Büro nach Stans zu «verlegen». Um für seine Kollegen in Zürich immer erreichbar zu sein, wirft er etwa alle dreissig Minuten einen Blick auf das Handy. Nach ein paar Stunden «im Feld» fährt er wieder zurück.

Häufig sitzt er bereits um 6 Uhr im Büro und löscht das Licht erst gegen 20 Uhr. Da er zudem auch am Wochenende mindestens einen Tag im Büro verbringe, arbeite er eher zu viel als zu wenig, meint der Jurist. Diese Ansicht teilt seine Chefin, Bildungsdirektorin Silvia Steiner. «Es ist mir wichtig, dass gerade stark belastete Führungskräfte einen guten Ausgleich im Privatleben finden. Es muss darauf geachtet werden, dass die hochmotivierte Führungscrew nicht dauernd viel zu viel arbeitet. Das gilt vor allem für meinen Generalsekretär.»

In der Verwaltung ist er eine Ausnahmeerscheinung, das weiss Widmer. «Meine Kollegen finden es leicht abstrus, dass einer immer die gleichen Flieger fotografiert, aber ich bin der Meinung, im Alter darf man leicht schrullig werden.» Zudem, da ist sich Widmer ­sicher, seien seine Ausflüge die beste Burn-out-Prävention. Das Spotten lehre ihn, mit Misserfolgen besser umzugehen, und es entschleunige, weil es oft darum gehe, stundenlang zu warten. Einmal, an einem Tag im Januar, verbrachte er vier Stunden in der Kälte, um den dritten Prototyp des Pilatus-Jets PC 24 zu fotografieren. Das mache ihm gar nichts aus, meint der grauhaarige Mann. Er setze sich dann zwischendurch ins Auto, um sich aufzuwärmen, und bearbeite dort Anträge des Regierungsrats.

Beim Spotten könne er sich komplett entspannen, in eine völlig andere Welt eintauchen. Auch die Bewegung zu Fuss unter freiem Himmel entlang der Piste schätzt er. Kehre er ins Büro zurück, sei er produktiver. «Einmal hätte ich eine schwierige Rede vorbereiten sollen, aber ich hatte eine Schreibblockade. Ich fuhr nach Stans, und auf der Piste kam mir die zündende Idee. Danach war die Rede im Nu geschrieben.»

Zuweilen schon um 6 Uhr da, wenn die Lichter in den Hallen angehen

Warum aber spottet er ausgerechnet ­Pilatus-Flugzeuge, und nur solche? Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein Teil des Geländes, auf dem der Flugplatz liegt, gehört einer Bauerngenossenschaft. Deshalb ist nicht alles von Zäunen umgeben, und die Spotter nähern sich den Flugzeugen bis auf wenige Meter. Immer wieder überquert während unseres Besuches ein Traktor die Wiesen. Widmer stört das gar nicht, ganz im Gegenteil findet er, die Bauern seien seine Rettung. Reizvoll findet Widmer auch, dass er sich die Informationen selbst erarbeiten muss, wann welches Flugzeug fliegt. Wie Puzzleteile fügt er Bruchstücke zu einem Ganzen. Es gibt zwar einen offiziellen Flugplan, doch sind die Angaben nicht vollständig und nicht immer stimmig. Widmer prüft deshalb täglich verschiedene Websites.

Und wenn ihn einmal besonders stark interessiert, wie weit der Bau bei einem Flugzeug fortgeschritten ist, steht er sehr früh auf. Gehen um 6 Uhr in den Werkhallen die Lichter an, steht Widmer mit Feldstecher bereit und betreibt «Hallenspotting». Auf diese Art und Weise sieht er auch ausländische Immatrikulationen oder Embleme, die bei den Testflügen später wohl aus juristischen Gründen abgedeckt sind.

Offiziell pflegt der Zürcher keinen Informationsaustausch mit Pilatus. Das Unternehmen gilt als sehr zugeknöpft, von «tight lipped guys» sprechen die Spotter. Alle Mitarbeiter sind an die Schweigepflicht gebunden. Widmer beeindruckt das nicht, hat er mittlerweile doch seine ganz eigenen Methoden entwickelt, um zu den Informationen zu gelangen. Vom Erstflug des ersten Prototyps der PC 24 erfuhr er, weil an der öffentlich zugänglichen Pilatus-Kantine ein Zettel hing, der die Angestellten über das anstehende Ereignis informierte. Selbst für das Unternehmen arbeiten, das möchte Widmer bei aller Liebe dann aber doch nicht. «Ich unterläge den Restriktionen und wäre nicht mehr frei, so zu arbeiten, wie ich es möchte.»

Dabei lässt er durchaus mit sich verhandeln, wie er in einer seiner vielen Anekdoten schildert. «Eines Abends war ich in Stans, als zufällig eine PC 12 mit einer Sonderbemalung aus dem Hangar gezogen wurde.» Die Maschine, das 1500. Modell des Typs PC 12, ist im Einsatz für die Royal Flying Doctors in Australien. Sie wurde für einen Fotoflug für den alljährlichen Pilatus-Kalender in die Luft gebracht, und Widmer lichtete sie ab. Kurz darauf meldete sich Pilatus bei ihm mit der Bitte, die Bilder erst nach einem Medienanlass einige Monate später zu veröffentlichen, und Widmer, dessen Wesen von durchwegs freundlicher Natur ist, ging gerne darauf ein.

Bilder wie dieses hätte er an viele Fachzeitschriften verkaufen können. Zwar werden seine Aufnahmen regelmässig in ausländischen Fachmagazinen publiziert, doch Geld verdient er damit keines. Wichtig ist für ihn bloss, dass das Copyright vermerkt wird. Im Übrigen sieht sich Widmer auch als Informationslieferant. Als in Irland eine PC 9 abstürzte und er in Buochs eine neue PC 9 mit irischem Kennzeichen sah, war für ihn klar, dass das Militär ein Flugzeug nachgekauft hatte.

Als Jugendlicher träumte er davon, Pilot zu werden

Mittlerweile fotografiert Stephan Wid­mer seit so vielen Jahren Pilatus-Flugzeuge, dass es ihm gelingt, die Modelle am Klang zu unterscheiden (die PC 12 zum Beispiel tönt für ihn dumpf und ­leise). Rund 10000 Fotos seien es etwa, die in seinem digitalen Archiv lagerten. Aus allen möglichen Perspektiven zeigen sie die Flugzeuge, bloss Luftaufnahmen sind keine zu finden. Das hat einen ebenso erstaunlichen wie einfachen Grund: Trotz seiner Faszination für Flugzeuge ist Widmer seit 30 Jahren nicht mehr abgehoben. «Ich leide dermassen unter Flugangst, dass mich allein der Gedanke daran, in ein Flugzeug steigen zu müssen, in Panik versetzt.» Dabei nahm er als Kind oft auf den Knien seines Vaters Platz, der als Privatpilot Motor- und ­Segelflugzeuge steuerte. Und als Jugendlicher träumte Widmer junior davon, ­Militärpilot zu werden.

Stans Süd ist seine liebste Feriendestination

Heute verbringt er seine wenigen Ferien, die er macht, am liebsten in Frankreich oder in der Schweiz. Höchstens zwei Wochen am Stück verreisen er und seine Partnerin, länger hält es Widmer nicht aus. Zu gross ist seine Angst, ein wichtiges Flugereignis zu verpassen. Es kam auch schon vor, dass er einen Ferientag im Tessin unterbrach und acht Stunden mit dem Zug durch die Schweiz fuhr, um kurz in Stans zu sein. Seine Liebste teile seine Leidenschaft nicht, habe aber grosses Verständnis dafür. Schliesslich war sie es, die ihm eine Website schenkte, auf der er einige seiner Aufnahmen publiziert. Seine liebste Feriendestination, sagt Widmer und strahlt, sei sowieso das Autobahnhotel Stans Süd. Es liegt unweit der Piste, und es ermöglicht ihm, innert weniger Minuten auf dem Platz zu sein.

Das Fernziel des ambitionierten Stephan Widmer ist es, möglichst alle Pilatus-Flugzeuge zu fotografieren. Nach seiner Pensionierung möchte er ein Buch mit allen Aufnahmen veröffentlichen. Wie ein Briefmarkensammler legt er ­Serien an und hat zum Beispiel alle PC 7 der indischen Luftwaffe (75 Stück) sowie alle PC 21 des saudiarabischen Militärs (55 Stück) fotografiert. «Ich habe einen Hang zur Perfektion», gesteht Widmer ein, das ziehe sich durch seinen Beruf wie auch sein Privatleben. Wenn er ­etwas mache, möchte er es möglichst beherrschen.

Am frühen Nachmittag, kurz bevor wir unseren Besuch in Stans beenden, wird es plötzlich noch einmal spannend. Nach dem Mittagessen ziehen die Pilatus-Mitarbeiter neue Flugzeuge aus dem Hangar. Heute ist keine Überraschung dabei. Widmer wartet auf den «Heiligen Gral», die erste PC 24, die für den regulären Flugverkehr vorgesehen ist. Ein amerikanisches Lufttaxiunternehmen hat sie bestellt und möchte sie ab Ende Jahr einsetzen. Die Jagd läuft.

Hinweis

* Johanna Wedl ist Redaktorin bei der «Neuen Zürcher Zeitung». Dieser Artikel ist ein Zweitabdruck aus der Ausgabe vom Freitag mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Fotografen.


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