Ein Denkmal für 200 Jahre Glaskunst

HERGISWIL ⋅ Die einzige Glashütte der Schweiz hat gestern ihren grossen Geburtstag gefeiert – mit der Eröffnung des 20 Meter hohen Jubiläumsturms setzt die Glasi Hergiswil ein mutiges Statement für die Zukunft. Den Betrieb plagen nämlich auch Sorgen.
13. Mai 2017, 23:40

Christoph Riebli

christoph.riebli@nidwaldnerzeitung.ch

Zufriedene Kindergesichter auf dem Spielplatz, im Hintergrund spielt die alte Orgel des Rösslispiels direkt am Seeufer, und plötzlich tauchen sie am blauen Himmel auf: die neun Flugzeuge der PC-7-Staffel. Kommandos wie «Rauch, Querlage ...» tönen auf dem Glasi-Areal aus Lautsprechern.«Leader» Cyril Johner aus Kriens dirigiert seine «Flügelmänner» vor über 1000 Schaulustigen knapp am Loppermassiv vorbei. «Für Firmenjubiläen fliegen wir eigentlich nicht», erklärt derweil Daniel Stämpfli, Kommandant des PC-7-Teams der Luftwaffe, der das Flugprogramm vom Boden aus mitverfolgt. «Da wir aber auch am 75-Jahre-Jubiläum des Flugplatzes Alpnach ein kleines Programm zeigen, ist der Zusatzaufwand für uns hier gleich null.» So kam die noch ältere Jubilarin ebenfalls in den Genuss von luftigen «Gratulationen». Die Glasi Hergiswil blickte gestern nämlich auf 200 Jahre bewegte Firmengeschichte zurück. Als das PC-7-Team nach Alpnach abdrehte, hinterliess ihr Auftritt bei Firmeninhaber Robert Niederer Emotionen: «Ich musste etwas auf die Zähne beissen und Tränen wegstecken, die Flugshow hat mich überwältigt», gesteht er.

Keine billigen Gläser, sondern etwas Schönes

Kein Wunder, gestern war ein grosser Tag für die letzte Schweizer Glashütte: «Die Erfolgsgeschichte der Glasi ist einzigartig in Nidwalden. Kein anderes Industrieunternehmen kann auf so eine lange Firmengeschichte zurückblicken», erklärt der Nidwaldner Volkswirtschaftsdirektor Othmar Filliger in seiner Ansprache. Doch es war nicht immer nur eine Erfolgsgeschichte, wie Robert Niederer klarmacht, dessen Vater Roberto die Glasi zusammen mit der Loppergemeinde 1975 vor dem Aus rettete: «Es war ein ständiger Kampf. Sowohl ein gesundheitlicher – mein Vater erlitt fünf Herzinfarkte – wie auch ein finanzieller. Er hatte nämlich kein Geld.» Sein Sohn Robert, genannt «Röbi», nahm 1988 die Geschicke der Firma in die Hand. Der Vater sagte ihm noch kurz vor seinem Tod. «Du wirst mit der Glasi mal grossen Erfolg haben.» Und so kam es. Es folgte die eigentliche Blütezeit des Unternehmens. «Wir haben von der Gemeinde das Land zurückgekauft und im Umfeld überall Land hinzugekauft», erzählt Niederer. «Die Gemeinde ist die Glasi und umgekehrt, das ist eine erfolgreiche Symbiose», bestätigt Gemeindepräsident Remo Zberg.

Nichtsdestotrotz plagen auch Robert Niederer Zukunftssorgen: «In den letzten zehn Jahren haben wir 600 Fachgeschäfte und damit an Umsatz verloren. Wir mussten kleiner werden.» Konkret: im letzten Jahr von 100 Mitarbeiter auf aktuell noch 70. «Jetzt sind wir auf einem gesunden Level.» Nach wie vor ist er überzeugt, «wenn die Leute das glühende Glas sehen, passiert in jedem etwas. Wir müssen unsere Zukunft nicht darin sehen, billige Gläser zu produzieren. Wir wollen etwas Schönes machen, etwas, das emotionsgeladen ist.»

Nicht 20 Meter, sondern 200 Dezimeter

Und genau so etwas hat Robert Niederer mit dem 20 Meter hohen Glasi-Turm gebaut. Er besteht aus 672 Glasplatten, im Total 7 Tonnen. Feierlich eröffnet wurde er gestern von Gotte Rita Polzer und Götti Eduar Arabiano – zwei enge Weggefährten Niederers. «Es ist kein Denkmal für mich, sondern für alle Menschen, die in der Glasi gearbeitet haben. Es ist ein Dank an die Gründerfamilie Siegwart, aber auch an meinen Vater Roberto», so der Geschäftsinhaber. «Es sind nicht 20 Meter, sondern 200 Dezimeter, für jedes Jahr 10 Zentimeter.» Es gäbe Leute, denen dies nicht gefalle. «Das kümmert mich nicht so. Wir in der Glasi haben das Glück, das zu machen, was wir möchten.» Bei den Leuten schien der Turm auf jeden Fall anzukommen. «Er ist ganz speziell», meint etwa Maria Kaufmann-Kiser aus dem Entlebuch. Sie hat im Fernsehen vom Jubiläum erfahren und einen speziellen Bezug zur Glasi: «Ein Schulkollege meines Mannes hat das Haus gekauft, wo die erste Glashütte der Siegwarts stand – dort wird heute gewohnt.» 1723 zogen die «Glasi-Gründer» nämlich zuerst aus dem Schwarzwald nach Flühli-Sörenberg. Erst 1817 kamen sie nach Hergiswil. Dies, weil ihnen der Kanton Luzern damals keine Rodungsgenehmigung für die umliegenden Wälder mehr geben wollte – und genügend Feuerholz zentral war für eine Glashütte. Heute funktioniert der Ofen mit Gas und Strom.

200 Jahre Glasi Hergiswil: Mit einer grossen Geburtstagsfeier weihte die Glasi am Samstag den 20 Meter hohen Jubiläumsturm ein.


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