Göttis gesucht für Waldameisenhaufen

NIEDERRICKENBACH ⋅ Waldameisen fressen Zecken und Borkenkäfer. In einem Seminar gibt der Hergiswiler Forscher Robert Lussi Tipps für deren Pflege. Derweil hat sich Revierförster Andreas Mathis ein kühnes Ziel gesetzt.
08. Oktober 2017, 05:00

Im Alpboden oberhalb vom Pilgerort Niederrickenbach scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Zumindest die von den Waldameisen. «Wir haben rund um Wolfenschiessen sehr viele Ameisenhaufen», erklärt Revierförster Andreas Mathis vom Amt für Wald und Energie. Ein Inventar gibt über Standorte und Beschaffenheit der einzelnen Haufen Auskunft. Wie hatte der Hergiswiler Forscher Robert Lussi am Mittagstisch des Waldameisenseminars in Niederrickenbach erklärt? «Wenn es mal ein grosses Schadenjahr im Wald gibt, bleiben da, wo Waldameisen leben, grüne Inseln. Waldameisen fressen schädliche Insekten wie Borkenkäfer und Zecken und halten den Wald gesund.»

Das Seminar mit einer handverlesenen Gruppe von Forstleuten aus Ob- und Nidwalden begibt sich zum praktischen Teil in den Wald. Andreas Mathis fragt die Teilnehmer an einem Ameisenhaufen: «Wie ist der Zustand, wie hoch der Haufen, wie ist die Situation am Haufen selbst?» Es handle sich um die Kahlrückige Waldameise, die Insekten seien dabei, Steine im Haufen zu verteilen, beobachten die Teilnehmer. «Es handelt sich um ein Herbstphänomen», erklärt der Revierförster. «Die aufgewärmten Steine sollen dafür sorgen, dass die Wärme im Haufen bleibt.» Ein Ameisenhaufen habe eine Temperatur von 22 bis 24 Grad – ausser im Winter. Schnell ist die Gruppe am Fachsimpeln über die einzelnen Jobs der kleinen Tierchen: Es gibt Dachdecker, solche, die für Luftlöcher zuständig seien, Futterbringer und Arbeiterinnen.

Ameisenhaufen können älter als Menschen werden

Auch warum Ameisenhaufen in der Nähe von Nadelbäumen stehen, wird klar: Diese dienen als Futterbäume, auf denen sie ihre Läuse halten, um sie zu melken. Die Ameisen nehmen ihren ausgeschiedenen Honigtau auf.

Auf die Frage des Revierförsters, was die künftigen Waldameisenheger für diesen Haufen tun würden, schlägt Julia Müller aus Zumikon bei Zürich vor, den Farn zurückzuschneiden. «Die Krautpflanzen sind vielleicht das grössere Problem. Sie machen dem Haufen Schatten und spenden zu viel Feuchtigkeit», findet Adrian von Moos, Forstingenieur aus Sachseln. Andreas Mathis bestätigt: «Der Haufen soll regelmässig austrocknen können, alles sollte man trotzdem nicht wegschneiden, sonst hat er zu viel Sonne.» Der Nidwaldner Förster schätzt den Haufen auf etwa zehn Jahre. Ein gutes Exemplar könne pro Jahr um die 20 Zentimeter anwachsen und bis zu 100 Jahre alt werden. Unter guten Bedingungen bilde er Ableger. Dieser hier sei aber immer gleich gross geblieben. Ein Brett unterhalb könne den Haufen vor dem Abstürzen bewahren, sagt sich die Gruppe, auch könne man die zu tiefen Äste der Fichte, die ihn bedecken, abschneiden. Jeder hier hat seine eigenen Beweggründe, am Seminar teilzunehmen: Sepp Odermatt ist Förster in Stans, Hergiswil, Ennetmoos, Dallenwil und Buochs. «Ich interessiere mich für einfache Mittel, um Ameisenhaufen zu erhalten.» Julia Müller, die aus Augsburg stammt und Jägerin ist, wollte sich schon lange mit Waldameisen befassen und ist bei ihrer Recherche im Internet auf Forscher Robert Lussi gestossen. Der hat sie zum Seminar eingeladen.

Der heute 85-jährige Lussi war früher Lehrer und Schulleiter. Inzwischen setzt er sich seit Jahren für den Erhalt der Tierchen ein und gründete 2012 den Schweizer Waldameisen-Schutzverband. Allein im Vorjahr seien rund 22 000 Arztbesuche wegen Zeckenbissen notwendig gewesen, sagt er und verweist auf Bilder des Fotografen Walter Hunkeler, die zeigen, wie Waldameisen Zecken auffressen. Ein Volk fresse etwa 70 Kilo verschiedener Insekten in einem Jahr.

Andreas Mathis freut sich über die Vielzahl seiner Waldameisenhaufen im Revier. Im Mittelland gibt es davon nur noch wenige, sie sind vom Aussterben bedroht. «Nur kann ich nicht zu allen schauen.» Für ihn ist die Lösung des Problems, Göttis zu finden. Damit der Wald rund um Wolfenschiessen gesund bleibt.

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@nidwaldnerzeitung.ch


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