Literatur-Häppchen zum Jahresausklang

STANS ⋅ Kurz vor dem Jahreswechsel lasen am siebten Literarischen Silvester im Chäslager vier Autoren aus ihren Werken vor. Freunde der Prosa kamen ebenso auf die Rechnung wie Anhänger der modernen Wortakrobatik.
03. Januar 2018, 05:00

Lea Kathriner

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

«Wie wird die Literatur reagieren, wenn sie an eine Silvesterparty eingeladen wird? Ist sie Akteurin oder Zuschauerin?», so die einleitende Frage von Martina Kuoni, die am Samstagabend durch den Literarischen Silvester im Chäslager Stans führte. 2011 von Verleger Martin Wallimann ins Leben gerufen, wird die Veranstaltung seit dessen Tod vom Literaturhaus Zentralschweiz zusammen mit der Buchhandlung von Matt und wechselnden Zentralschweizer Verlagen organisiert. Im Verlauf des Abends wird den rund 100 Besuchern klar, dass die Literatur in unterschiedlichsten Facetten im Fokus steht.

Da ist Beat Vogt mit seinem Romanerstling «Der Aussetzer», für den er einen Werkbeitrag der Zentralschweizerischen Literaturförderung gewonnen hat. Im Zentrum seines Werks steht das Schweizer Justizsystem, erzählt wird in zwei Erzählsträngen aus der Sicht zweier Paare. Es geht um Liebe, Schuld, Verantwortung und Lüge. Beat Vogt erzählt spannend, singt gar kurz eine Passage, trägt die Gedanken seiner Protagonisten ins Publikum. Er bringt vieles auf den Punkt: «Übertriebene Anklage, übertriebene Verteidigung, das Gericht entscheidet irgendwo dazwischen.»

Autorin spielt mit der Doppeldeutigkeit

Nächster Schauplatz: Judith Kellers Kurz- und Kürzestgeschichten, verpackt in «Die Fragwürdigen», ebenfalls ein Debüt. Wie sie so dasitzt, vor dem Bücherregal, den Zylinder auf dem Lesepult, Kapitelchen um Kapitelchen aus dem Hut ziehend – innehaltend. Das Publikum ist gespannt, welch lustige oder kuriose Idee wohl die nächste Kurzgeschichte bringt. Es wird viel gelacht, geschmunzelt, das Publikum hört entspannt mit. Judith Keller spielt mit der Doppeldeutigkeit, beleuchtet Redewendungen, denkt über die Gesellschaft nach, querbeet – etwa so: «Sie bat den Herzschrittmacher, leiser zu werden, damit sie den Tod hören könne» oder «Esperance ist vor ein paar Jahren übers Meer geflohen. Sie ist nicht ertrunken, aber sie lebt jetzt untergetaucht.» Eine kunstvolle Form hat die junge Autorin in ihrem Erstling gefunden.

Auf vielen wahren Begebenheiten beruht die unveröffentlichte Geschichte über Franz ­Xaver Felder, einen einfachen Mann, der auf einem Schiff anheuert. Es zieht ihn dann doch bald zurück in die Schweiz, «er wurde Vater, begann zu wohnen». Doch der Traum der Südsee bleibt. So legt ihm sein Enkel im Sarg die Muschel ans Ohr und fragt: «Hörst du sie noch?» Besonders an Erwin Kochs Erzählung ist das Zusammenspiel mit der Musik. Christian Hartmann entlockt seinem Kontrabass verschiedenste Töne und ergänzt und intensiviert so die verschiedenen Bilder. Vielen Besuchern wird die Verschmelzung zweier Kunstformen als besonderes Highlight in Erinnerung bleiben.

Literaturpreisträgerin liebt Vielsprachigkeit

Dann ist die Bühne frei für Ariane von Graffenried und ihre Wort­akrobatik aus «Babylon Park», für das sie den Literaturpreis des Kantons Bern erhalten hat. Sie performt viersprachig (Deutsch, Mundart, Französisch, Englisch). Mal beschreibt sie in Berner Prosa, wie Wölflein, Algebra, ein paar Adelige, der liebe Gott und die Schweizer Jäger «potzchridämahltonnä» die warme Stube füllen, zusammen Fendant trinken und asiatisch essen. Schell wechselt sie zu einem mehrsprachigen Gedicht über die Londoner Hooligan-Szene – «She knows, wie Verlieren geht, die ungekrönte Queen on the hooligan scene» – und schliesst mit einem Zwiegespräch zwischen einer Französin und einem Österreicher: «Bin halb Buddhist, halb Christ und von Beruf wohl eher Kapitalist.»

Ja, die Literatur ist vielfältig, glänzend, raffiniert, beglückend, «indeed, bien sûr», würde Ariane von Graffenried bestimmt dem Schlusswort der Moderatorin zustimmen. Die Autoren genossen den direkten Draht zum Publikum im Chäslager. Und manch ein Besucher hat sich wohl bereits wieder das Datum des nächsten Literarischen Silvesters in der Agenda angestrichen.


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