Mord: Kosovare kämpft gegen Auslieferung

NIDWALDEN ⋅ Ein Hergiswiler Immobilienkaufmann sitzt seit Monaten in Auslieferungshaft. Wegen Anstiftung zum Mord soll der Mann an den Kosovo ausgeliefert werden. Der Strafverteidiger des Inhaftierten, beurteilt das Vorgehen des Bundes als völlig unhaltbar.
04. November 2017, 21:20

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch

Die Nachricht von der Verhaftung des Geschäftsmannes sorgte vor Wochen in Hergiswil für gehörig Gesprächsstoff. Der Grund: In einem Artikel der «Luzerner Zeitung» vom 15. Juli wurde die stellvertretende Informationschefin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, Ingrid Ryser, mit folgenden Worten zitiert: «Es wird ihm in seinem Heimatland Anstiftung zum Mord vorgeworfen.» Und dieses Heimatland des Inhaftierten heisst Kosovo.

Der Beschuldigte lebt seit über 20 Jahren in der Schweiz, ist verheiratet und hat fünf Kinder. Bevor er im Immobilienbusiness Fuss fasste, war er im Auto­handel tätig. Als erfolgreicher und mittlerweile wohlhabender Geschäftsmann hat er sich allerdings nicht nur Freunde geschaffen, wie die «Zentralschweiz am Sonntag» im April berichtete.

Doch wie kommt es, dass der gebürtige Kosovare nun seit mehr als vier Monaten eine Auslieferungshaft erdulden muss? Die Hintergründe erläutert ein Anwalt, der den Inhaftierten derzeit in zivilrechtlichen Fragen berät.

Demnach geht die Angelegenheit in die frühen 2010er-Jahre zurück. Damals kam es bei der Übergabe einer grösseren Menge von Drogen in Gjakova zu einem Zwischenfall. Eine Person wurde dabei getötet. Zwei Jahre später gelang es der Polizei, den Täter zu fassen. Das Urteil wurde 2016 gefällt, und der Mörder erhielt eine 18-jährige Freiheitsstrafe.

Drohungen und Erpressungsversuche

Gemäss den Aussagen des Anwaltes blieb es aber nicht dabei. Der Verurteilte ging in Berufung und erzählte plötzlich eine neue Geschichte. So soll das Tötungsdelikt nicht von ihm, sondern von zwei anderen Personen begangen worden sein. Bei den beiden Killern handle es sich um gedungene Mörder, zum Verbrechen angestachelt von zwei in der Schweiz wohnhaften Kosovaren. Beim einen davon soll es sich um den in Hergiswil ansässigen Immobilienkaufmann handeln.

Im Verlauf dieser wilden Story wurde der Kosovo-Hergiswiler offenbar auch erpresst und musste zeitweilig Polizeischutz beantragen. Gemäss den Aussagen des Anwaltes drohte man seinem Mandanten, die Kinder zu entführen. Geldforderungen in der Höhe von bis zu 200 000 Franken seien gestellt worden.

So weit kam es aber nicht. Dafür sitzt der Mann nun in Lenzburg ein und versucht mit Hilfe des Zürcher Strafverteidigers Valentin Landmann, die Ausschaffung in den Kosovo abzuwenden. Der Fall liegt derzeit beim Bundesstrafgericht. Möglich, dass das Verfahren noch bis nach Lausanne weitergezogen wird. Damit verbunden wären für den Festgesetzten nochmals viele weitere Monate in Auslieferungshaft. Valentin Landmann kritisiert das Vorgehen des Bundes und sagt: «Es ist absolut unzulässig, meinen Mandanten an den Kosovo auszuliefern. Denn die Ausgangslage ist völlig diffus.» Gemäss Landmann sei die Faktenlage unzulässig dünn. Er fordert: «Die Schweiz sollte kritischer sein, wenn es darum geht, Personen an andere Staaten auszuliefern.» Ingrid Ryser kontert: «Ich mache darauf aufmerksam, dass das Bundesamt für Justiz in seinem Entscheid zum Schluss gekommen ist, dass eine Auslieferung in diesem Fall rechtmässig ist.»

Was im Fall des Hergiswiler Geschäftsmannes auch auffällt: Die Eidgenossenschaft reagiert sehr zügig auf das Auslieferungsbegehren aus dem Kosovo. Denn gemäss der «Luzerner Zeitung» vom 15. Juli vergingen zwischen dem Antrag aus dem Balkan und der Verhaftung keine 30 Tage.

Behörden im Kosovo sind weniger vorauseilend

Umgekehrt lässt man sich mitunter viel Zeit. Die Leserinnen und Leser der «Zentralschweiz am Sonntag» erinnern sich womöglich an den Fall von Vilmar Horn. Der Brasilianer wurde 2009 bei Hohenrain umgebracht. Einer der Tatverdächtigen tauchte dann in den Kosovo ab. Es dauerte schliesslich aber viele Jahre, bis die kosovarischen Beamten auf die Forderung der Luzerner Strafverfolgungsbehörden eingingen und der Tatverdächtige hierzulande einvernommen werden konnte.

Angesichts dieses Kontrastes fällt es nicht schwer, sich der Meinung des «Tages-Anzeigers» anzuschliessen. Dieser schrieb zu einem Urteil des Zürcher Obergerichtes, das internationales Recht tangierte: «Die Schweiz verhält sich oft wie ein oberkorrekter Musterschüler.»

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