Mr. Bürgenstock-Bahn arbeitete für Jimmy Carter und Kofi Annan

BÜRGENSTOCK ⋅ Walter Odermatt (64) kennt nach 46 Jahren als Techniker auf dem Bürgenstock die Bahn, die Hotels und den Hammetschwandlift wie kein anderer. Ende Februar 2018 wird der gelernte Elektriker pensioniert. Den Berg verlässt er aber nicht.
06. November 2017, 06:55

Walter Odermatt, Sie absolvierten Ihre Lehre bei der Bürgenstockbahn, und Sie wohnen auf dem Bürgenstock. Hält Sie der beste Job der Welt oder der kürzeste Arbeitsweg dort oben fest?

Wie Sie sehen, ist allein mein Arbeitsplatz ein Highlight. Der Bürgenstock zog mich früh in seinen Bann. Wir wohnten in Obbürgen, so war ich als Bub oft mit meinem Vater da.

Die Strecke von einem Kilometer Länge und einer Fahrzeit von 4 Minuten ist nicht aufregend. Was fasziniert Sie?

Sie ist mit dem Einschnitt im Felsen atemberaubend und einzigartig. Mit 58 Prozent Steigung war sie 1888 eine der steilsten Standseilbahnen und die erste elektrische. Eine Ausweichstelle in einer 90-Grad-Kurve gibt es auch nirgends. Das Bundesamt für Verkehr wollte der Bahn deswegen die Bewilligung nicht erteilen.

Ihr Arbeitstag ist ein Rauf und Runter, im bildlichen Sinn. Wie aufregend ist Ihr Job?

Sehr interessant ist der Unterhalt. Beim jährlichen Test der Fangbremse wird der Wagen bei vollem Tempo von 3 Metern pro Sekunde auf 0 gestoppt. Die alten Wagen mit einem Gewicht von 13 Tonnen standen nach 1,6 Metern still. Das ruckelte ganz schön. Die Infrastruktur wird regelmässigen Kontrollen unterzogen. Ja – der Job ist jeden Tag aufregend.

Wie erlebten Sie Ihre erste Fahrt als Begleiter der Bahn?

An die Fahrt erinnere ich mich nicht. Unvergesslich war der Umbau der Bahn 1979/80. Damals wurde der Betrieb mit einer neuen Steuerung ausgestattet.

Was war daran speziell?

Die Bedienung. Zuvor steuerten wir den Antrieb manuell. Die Wagen wurden mechanisch gebremst und beschleunigt, mit Muskelkraft. Bei der neuen Steuerung hatte ich Bedenken, ob die mittels Knopfdruck funktioniert.

Bestimmt unbegründet.

Absolut. Die Abnahme dauerte drei Wochen. Damals wurde alles bis ins Detail vom Bundesamt geprüft. Sämtliche elektrischen Verbindungen wurden kontrolliert.

Geht das heute schneller?

Höchstens noch drei Tage. Durch die Qualitätssicherung der Hersteller sind langwierige Abnahmen nicht mehr nötig. Auch die Fehlersuche bei Störungen ist einfacher und effizienter. Früher dauerte es oft Stunden, bis man einen Defekt fand. Es war jedoch immer interessant und lehrreich, wenn man Fehler fand. Die heutige Technik zeigt Störungen konkret an. Es heisst «Fehler 305» – und wir wissen, was zu tun ist.

Heute braucht es keine Begleiter mehr auf den Wagen. Vermissen Sie das?

Ich war ja selber nicht oft auf der Bahn. Doch es war schön, wenn man mit den Touristen die Aussicht geniessen konnte. Wenigstens ist bei Fahrten mit VIPs noch eine Begleitung dabei.

Was waren Ihre Höhepunkte?

Ereignisse, die nichts mit der Bahn zu tun hatten. Ich war bis 2010 technischer Leiter Betrieb der Gesamtanlage. Inklusive Bahn, Hammetschwandlift und Hotels. Hier fanden oft Kongresse statt. So galt es jeweils, Verstärker, Simultananlagen und andere technische Mittel zu installieren.

Zu welchen Anlässen?.

Für die UNO-Konferenz 2004 mit Generalsekretär Kofi Annan mussten wir 24 Hotelzimmer mit Internetzugang ausrüsten und Kabel verlegen. Ähnlich gingen wir bei einer Bilderberg-Konferenz vor, an der US-Präsident Jimmy Carter teilnahm. Damals installierten wir noch Telefon­kabel. Die Arbeitstage dauerten oft von 5 bis 22 Uhr.

Mit Carter und Annan nennen Sie zwei Namen. Welchen Promis begegneten Sie?

Es waren viele bekannte Gesichter. An Sophia Loren oder an die Hochzeit von Kurt Felix und ­Paola erinnere ich mich. Kontakt fand aber nie statt.

Wer so lange wie Sie am selben Ort arbeitet, ist mit Herzblut engagiert. Wo hinterliessen Sie Ihre Spuren?

Ich konnte mich in einigen Punkten einbringen. Beim Eingangsbereich bei der Bergstation zum Warteraum war nur eine Schiebetür vorgesehen. Weil ich wusste, dass dort oft Durchzug herrscht, habe ich durchsetzen können, dass der Bereich geschlossen wird.

Die neue Bahn wurde im Sommer auf die Gleise gehievt. Wie erlebten Sie dies?

Ich hatte Dienst am Hammetschwandlift. Als die Wagen auf dem Nauen über den See transportiert wurden, überblickte ich die Szene. Beim Setzen auf die Gleise war ich nicht dabei.

Haben Sie etwas verpasst?

Nein, ich erlebte dieses Szenario schon, als die alten Wagen 2001 zur Revision nach Thun abtransportiert wurden. Viel berührender war, als die Kabel der alten Bahn 2012 gekappt wurden und feststand, dass die Bürgenstockbahn für Jahre nicht mehr fährt.

Sie lernten Elektriker. War die Bürgenstockbahn immer Ihr Ziel, oder wäre ein Job auf dem Bau auch in Frage gekommen?

Beides. Nach der Schule suchte ich einen Betrieb, der Elektriker ausbildet. Die Firma Frei AG, die dem damaligen Inhaber der Bürgenstock-Hotels, Fritz Frei, gehörte, stellte mich ein. Die letzten zwei Lehrjahre absolvierte ich auf dem Bürgenstock.

Was war Ihre Hauptaufgabe?

Ab 2006 war ich nur noch Betriebsleiter. Dafür absolvierte ich eine 21-wöchige Ausbildung zum Seilbahnfachmann. Zuvor war ich technischer Leiter der Infrastrukturen an Bahn und Hotels.

Mussten Sie oft grobe Störungen an der Bahn beheben?

Ab und zu ereignete sich ein Steinschlag. Nur einmal wurde ein Wagen von einem Baum getroffen und beschädigt. Personen kamen nicht zu Schaden. Heute ist der Hang mit Netzen gesichert.

Da Sie auf dem Bürgenstock wohnen, ist Ihr Ruhestand wohl relativ. Springen Sie ein, wenn Not am Mann ist?

Ganz vorbei ist mein Einsatz nicht. Ich entschloss mich, zwei Tage pro Woche zu arbeiten. Aber nur bei der Bürgenstockbahn.

Interview: Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch


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