Plastisch verwobene Farbvielfalt

BECKENRIED ⋅ Die Stansstader Textil- und Collagekünstlerin Carmen Annen Bonati löst zurzeit in der Ermitage grosses Staunen aus. Erstmals tritt sie zusammen mit ihrem dichtenden Mann auf.
07. November 2017, 07:53

Romano Cuonz

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

«Für diese Ausstellung in der von mir geliebten Galerie am See habe ich Bilder aus zehn Jahren meines Schaffens zusammengestellt», erklärt die in Nidwalden lebende Luzerner Künstlerin Carmen Annen Bonati. Und es ist denn tatsächlich auch die geradezu betörende Vielfalt von Collagen, Streifenbildern, Aktbildern – ja neuerdings sogar witzigen Objekten –, die Besuchern im Galerieraum der Ermitage gleich ins Auge sticht. Noch einmal zeigt die Künstlerin einige ihrer frühen, leuchtend farbigen Streifenbilder. Mit ihnen ist sie bekannt geworden.

Das Besondere daran: Carmen Annen wendet für solch reliefartige Collagen eine wohl einzigartige Technik an. Sie bemalt Leinen schichtweise mit Farben. Das entstehende Bild aber zerschneidet sie gleich wieder in dünne und dickere Streifen. Die so gewonnenen textilen Fasern leimt die Künstlerin wieder in Rastern aneinander. So schafft sie jenen Kosmos, den sie mit ihrer Kunst eigentlich anstrebt. Anders gesagt: Hier wird Malerei zerlegt, damit sie später als unverwechselbare Collage so etwas wie «Vollkommenheit» erlangt. Nicht selten erreicht sie dies, indem sie malerische Elemente oder zu Textil umgewandelte Drucktexte wie zufällig über Teile ihrer Collagen schiebt. Eine solche Eigenständigkeit, ja der starke Wunsch, etwas ganz anderes zu machen, als viele andere es tun, hat in der Kunst Bestand.

Aktzeichnen ist weitere Leidenschaft von ihr

Carmen Annens fein strukturierte Bilder leben. Der Kunstkritiker Xaver Bühlmann schildert trefflich: «Das Geheimnis besteht darin, dass der bemalte Untergrund zwischen den aufgeklebten Leinwandstreifen hindurch schimmert und so die Illusion von Bewegung und Vibration vermittelt.» Dies gelingt ihr noch mehr, wenn sie in neueren Werken von der Fläche zum Räumlichen übergeht. Die geschnittenen Farbstreifen werden nun nicht mehr aufgeleimt, sondern über einen offenen Keilrahmen gespannt und zu Netzen geknüpft. Die Künstlerin selber sagt dazu: «Jetzt atmen die Bilder frei, an der Wand entsteht ein Schattenspiel, und die Bilder treten als Objekte in den Raum hinaus.»

Mit zwei Neuigkeiten überrascht Carmen Annen in der Ermitage selbst Besucher, die sie seit Jahren kennen. Zum einen sind da geradezu wundersam verfremdete Aktbilder. «Das Aktzeichnen ist eine grosse Leidenschaft von mir», gesteht sie. Doch obwohl sie ganze Schubladen voller Skizzen besitze, habe sie noch nie welche ausgestellt. Nun tut sie es. Aber einmal mehr auf ihre Art. Nicht als Malerin, sondern als Gestalterin! Die nackte Haut bildet sie mit Hunderten von Texten aus Büchern und Heftchen nach. Wunderschön. Poetisch! Völlig eigenwillig sind auch zwei Collagen, in denen Carmen Annen Bilder des russisch-deutschen Expressionisten Alexej Jawlensky in Streifen schneidet und wieder neu komponiert. Man muss die Bilder gesehen haben, um die Faszination solchen Schaffens zu begreifen.

Ehemann veröffentlicht Katalog mit Gedichten

Ihr Ehemann Bruno Annen, der ihr Werk seit Jahren mit Gedichten begleitet und diese nun im Katalog veröffentlicht, schreibt zu einem dieser Bilder: «Jawlenskys Zauber verstreift und verrückt, zur neuen Komposition sich verwandelt, begeistert im Durchblick und zeigt sich entzückt durch Fantasie und Erfindung verzaubert.»

Hinweis

Carmen Annen Bonati – Bilder, Collagen und Objekte in der Galerie Ermitage, Beckenried, bis zum 19. November. Öffnungszeiten: Freitag, 17 bis 19 Uhr, Samstag, 14 bis 18 Uhr, Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Dazu gibt es einen Katalog mit Gedichten von Bruno Annen.


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