Sie jassen seit 50 Jahren zusammen

NIDWALDEN ⋅ Die Familie Mathis jasst seit einem halben Jahrhundert einmal pro Jahr miteinander. Zwölf Spieler sitzen dann jeweils am Tisch – mit einem gewissen Ehrgeiz. Dabei sind aber nicht nur die Karten wichtig.
12. November 2017, 08:57

Eine wunderbare Sache, so darf man sagen. Seit 50 Jahren setzen sich die zehn Geschwister Mathis, aufgewachsen im Ober­englerz ob Grafenort (Altzellen) nahe der Grenze zu Obwalden, einmal pro Jahr zusammen und jassen. Bis vor einigen Jahren waren auch ihre Eltern Hans und Berta ­Mathis-Matter stets mit dabei. Das Geschlechterverhältnis: zehn Männer, zwei Frauen.

So manche Trümpfe wurden während dieser Zeit angesagt, so manches Ass abgestochen. Auch die Haare wurden zumeist etwas schütterer, grauer. Aber etwas ist geblieben: die Tradition. Die Familie Mathis lässt es sich bis heute nicht nehmen, die Familien-Jassmeisterschaft auszutragen. Es wird dabei nach den Regeln der Zentralschweizer Jassmeisterschaft gespielt. Ein Schieber also, ohne Stöck und Wyys.

Die einzige Schwester organisiert den 50. Jass

Am Samstag vor einer Woche war es wieder so weit. Zum Jubiläumsjass trafen sich die zehn Geschwister – mittlerweile zwischen 58 und 72 Jahre alt – erneut. Vater Hans verstarb vor zwanzig Jahren, Mutter Berta vor bald zwei Jahren. Diese beiden Plätze füllen seither Partner der Geschwister Mathis oder Enkelkinder. Der Einladende – jedes Jahr alternierend – darf die Gastspieler auswählen. Der Zufall wollte es, dass die jüngste Ausgabe des Familienjasses durch die einzige Schwester organisiert wurde. Bernadette Zumbühl-Mathis lud zum Jass im renovierten Pfarrhelferhaus in Wolfenschiessen. Zur Gratulation schickte gar der Gemeinderat eine Urkunde. Bernadette Zumbühl erzählt mit leuchtenden ­Augen von den Jassturnieren: «Es bedeutet mir wirklich viel.» So habe sie sich sehr gefreut, dass ausgerechnet sie das Jubiläumsturnier ausrichten durfte.

Doch was steckt hinter der Leidenschaft der Familie Mathis, dass sie auch im gehobeneren Alter noch regelmässig zusammenkommt und jasst? Der Zweitälteste unter den Geschwistern, ­Josef Mathis (70), erklärt es folgendermassen: «Es hat sich nach einem Familienfest – der silbernen Hochzeit der Eltern – so ergeben. Wir wollten uns einmal pro Jahr treffen. Es stärkt den ­Familienzusammenhalt.» Auch früher sei dieser schon sehr ausgeprägt gewesen. Komme hinzu, dass nun mal jeder gerne jasse. Schon zu Kindeszeiten sei an den Wochenenden in der Familie sehr oft gejasst worden. «Aber ich ­hätte nie erwartet, dass sich unser Hobby so entwickelt.»

Es sei allerdings nicht so, dass während des Spieltags den ganzen Tag nur geschoben und getrumpft werde. Am frühen Nachmittag wird normalerweise gestartet. Zwischendurch gibt es gerne mal eine Suppe, ein Dessert oder einen Imbiss. Auch die Partner der Geschwister sind vor Ort, dabei gibt es laut Josef ­Mathis stets viel zu besprechen: «Es ist wichtig, dass wir immer ein offenes Ohr haben und dass wir aufeinander eingehen, wenn es Probleme gibt.» Ausserdem halte der Pfarrer in der Familie – der älteste Bruder Hans – immer einen kurzen Gottesdienst, in welchem auch der verstorbenen Eltern gedacht werde. Effektiv gejasst wird dann etwa zwei bis drei Stunden.

Das erste Turnier gewann überraschend der damals mit neun Jahren Jüngste der Familie – Bernhard. Josef Mathis erklärt, dass es bis heute aber ­keinen klar besten Jasser in der Familie gebe. Dies, obwohl durchaus mit einem gewissen Ehrgeiz gejasst werde.

Die Jassturniere sind gut dokumentiert. Viele Fotos wurden aufbewahrt, die Ranglisten mit den entsprechenden Punktezahlen sind noch vorhanden. Auch familiäre Ereignisse, wie Hochzeiten und Geburten, sind in den Familienalben festgehalten: «So entstand im Laufe der Zeit eine veritable Familienchronik, die wie ein Augapfel gehütet wird», führt Josef Mathis aus. Diese wird immer abwechselnd von einem Familienmitglied nachgeführt und aufbewahrt. Momentan ist seine Schwester Bernadette an der Reihe. Sie erzählt, dass einer ihrer Brüder die drei wertvollen Alben auch schon eine Zeit lang verlegt habe. «Aber zum Glück tauchten sie dann wieder auf.»

Für genügend Nachwuchs gesorgt

Auch zu gewinnen gibt es beim Turnier jedes Mal etwas. So nimmt laut Josef Mathis jeder Teilnehmer etwas für den Gabentisch mit, von dem nach der Rangverkündigung alle etwas auswählen dürfen. Natürlich darf auch der obligate Siegerpokal nicht fehlen. Darauf wird jeweils der Name des besten Jassers des Turniers eingraviert.

Die Tradition wird auch in Zukunft weiterleben. Denn für genügend Nachwuchs ist gesorgt. Viele Nachkommen jassen laut Bernadette Zumbühl-Mathis ebenfalls leidenschaftlich gerne.

Matthias Stadler

matthias.stadler@nidwaldnerzeitung.ch


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