Literaturhaus Zentralschweiz ehrt Dichterin Annemarie von Matt an ihrem 50. Todestag

STANS ⋅ «Freue mich, wenn Ihr Einblick tuen werdet, eines Tages in meine Unterwelt», schrieb die Dichterin Annemarie von Matt. Das Literaturhaus Zentralschweiz tat dies mit einer Hommage an ihrem 50. Todestag.
30. November 2017, 07:49

Romano Cuonz

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«Nicht alles, was vergeht, ist vergangen», schrieb Annemarie von Matt (1905–1967) in einem ihrer zahlreichen, meist nur auf kleinen Zetteln hinterlassenen Aphorismen. Damit lieferte sie dem Kenner und Literaturphilosophen Roger Perret aus Zürich (Konzept und Textauswahl) und der Luzerner Stimmkünstlerin und Komponistin Isa Wiss das Stichwort für eine späte Hommage gleich selber. Die Initiative für eine literarisch-musikalische Lesung hatte das Literaturhaus Zentralschweiz auf Initiative von Sabine Graf ergriffen. Gerne möchte man glauben, dass die oft rätselhafte, aber eben auch hochpoetische Annemarie von Matt am 50. Todestag von ihrer Wolke zum Stanser Theater niederblickte. Sie selber hatte ja einmal artikuliert, wie sehr ihr ein solcher Anlass Genugtuung verschaffen würde: «Freue mich, wenn Ihr Einblick tuen werdet, eines Tages in meine Unterwelt, wundersam, reich geheimnisvoll und pauvre geheimnisvoll.»

Die Art und Weise, wie es nun einem Trio auf der Bühne unter der sorgfältigen Regie von Buschi Luginbühl gelang, besagte Unterwelt mit Worten, Bildern und vor allem eben auch musikalischen Tönen zu beleuchten, war grosse Kunst. Das Publikum machte im vollen Saal an der Mürg keinen Hehl aus seiner Ergriffenheit.

Schillernd frische Schimpfworte

An diesem Abend lebte Annemarie von Matt – geborene Gunz aus Root im Kanton Luzern, verheiratet mit dem Stanser Bildhauer Hans von Matt – in geradezu synästhetischer Weise nochmals auf: einerseits, indem Buschi Luginbühl ihr Werk mit sparsam eingesetzten und gerade deshalb aussagestarken Bildern visualisierte. Andererseits, weil Franziska Senn als einfühlsame Sprecherin und Philipp Langenegger als mal sachter, mal polternder Erzähler ihr und ihrem Umfeld wieder eine Stimme gaben. Ganz neu war an diesem Abend, wie sich die Sängerin und Komponistin Isa Wiss der geheimnisvollen Frau – sparsam in der Wahl der Worte und mit nur wenigen Instrumenten – vor allem stimmlich näherte. Mit eigentümlichen Klängen zwischen Schreien, Flüstern und Wehklagen schilderte Isa Wiss eindringlich die Hochs und Tiefs der Frau, die auch aus den Texten herauszuhören waren. Ja, oftmals konnte man sich einer Gänsehaut nicht erwehren: wohl, weil man ihr jeden Ton glaubte. Auch Annemarie von Matts bis zu ihrem Tod geheim gehaltende «amour fou» zum Priester Josef Vital Kopp wurde zur oft schrägen Musik. Eine Liebe, die sie selber als «tödlichen Wahnsinn» bezeichnete. So gesehen vermochte die Musikerin auch das zu intonieren, was Hans von Matt damals schmerzlich und wütend empfand. Etwa, als er seine Frau in einem bitter­bösen Schmähbrief als «Schmirbfozzeltrottle, läufige Camem­bärin, verhutzelte, herumvegie­rende Ziegeunerschlottere» betitelte. Annemarie von Matt reagierte darauf begeistert. Weil, so sagte sie, jedes Wort «schillernd frisch» sei!

Genauso politisch wie lyrisch

Die Hommage im Stanser Theater brachte das verborgene Genie von Annemarie von Matt sehr schön zum Ausdruck. Aus zahlreichen der rezitierten Texte hörte man auch das frühe politische Engagement dieser Frau heraus. Etwa, wenn sie schrieb: «Hitler ist kein normaler Verrückter, er ist ein abnormaler Verrückter.» Andere Texte sind von starker Poesie erfüllt: «Pflanze mich nicht in Dein Herz, ich wüchse zu schnell.» Schliesslich blitzt in vielen Aphorismen ihr bisweilen fast skurriler Schalk und Witz auf. Dies auch aus ihren von Hans von Matt überlieferten letzten Worten. Als ihr ein Kapuziner kurz vor ihrem Tod im Spital in Stans die Sterbegebete vorlas, soll sie gesagt haben: «Chönid iär das nidemal usswändig?»


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