Sie will «Abenteuer» nicht missen

NIDWALDEN ⋅ Am Freitag wurden 140 Frauen und Männer aus der ganzen Schweiz mit einer Medaille für ihren Einsatz im Kosovo geehrt. Mittendrin: Daniela Wyss (47) aus Dallenwil.
07. Oktober 2017, 05:00

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@nidwaldnerzeitung.ch

Hinter Daniela Wyss liegt ein Jahr, das sie nie mehr vergessen wird. «Man lernt viel und verändert sich. Das war eine sehr schöne und gute Erfahrung. Ja, ich könnte mir vorstellen, wieder zu gehen», lautet das Fazit der 47-Jährigen aus Dallenwil. Doch im nächsten Moment relativiert sie ihre Aussage. Daniela Wyss ist verheiratet und hat drei Kinder. Ihre Entscheidungen trifft sie nicht allein.

Am Donnerstag reiste das Swisscoy-Kontingent 36 mit 140 Frauen und Männern aus dem Kosovo zurück in die Heimat, darunter 6 Frauen und 8 Männer aus Ob- und Nidwalden. Am Morgen danach sitzen manche Soldaten zusammen, andere telefonieren mit den Angehörigen. Wenige Kilometer von hier befindet sich das Zuhause von Daniela Wyss. Gesehen hat sie bisher weder Ehemann Robi noch ihre drei Kinder Mike (23), Remo (21) und Michelle (16). Erst nach der sogenannten Medalparade am Nachmittag, an der die Soldaten für ihren Einsatz in der Friedens­förderung auf dem Dorfplatz Stans geehrt werden, kann sie zu ihren Verwandten.

Rund um die Uhr im Camp – auch in der Freizeit

Zwei Kontingente hintereinander, also ein Jahr, hat sie im Kosovo Friedensförderungsdienst als stellvertretende Chefin der Lagerlogistik geleistet. «Wir waren zuständig für Nach- und Rückschub von zuerst 25000 Produkten fürs Equipment», berichtet Daniela Wyss. Für sie bedeutete das, sechs Tage die Woche im Camp zu arbeiten, und auch am Sonntag, dem «Day-off», wie es in der Militärsprache heisst, das Camp nicht zu verlassen. Eine echte Herausforderung, die eine starke Persönlichkeit erfordert.

«Man beginnt in der Freizeit neue Hobbys, wir konnten zusammen Sport machen, haben angefangen zu tanzen, ich habe Englisch gelernt», erzählt sie. «Natürlich gibt es ein Auf und ein Ab. Aber das schweisst auch ex­trem zusammen. Man achtet auf den anderen und merkt gleich, wenn es jemandem nicht so gut geht. Die Kameradschaft ist unvergleichlich.» Manche Freundschaften bleiben bestehen. Wie die zur Soldatin Cathia Fercher aus dem Wallis, die sich noch für ein weiteres Kontingent in Bosnien verpflichtet hat.

Seit 18 Jahren beteiligt sich die Schweizer Armee an der internationalen Friedensförderungsmission der Kfor im Kosovo. Gebraucht werden Zivilisten aus den Berufen im Baugeschäft, Krankenschwestern, Juristen, Lastwagenfahrer, Kommunikationsfachleute. Das Camp der Deutschen in Prizren im Süden des Kosovo, wo die Schweizer untergebracht sind, wird aktuell aufgelöst, es geht in den Norden. Das Zügeln wird mehrere Monate beanspruchen.

Vorbereitung war für Karateka kein Problem

Vor dem Dienst im Kosovo erfahren die Swisscoy-Soldaten in drei Monaten eine intensive militärische Ausbildung. Dazu gehört natürlich auch der Sport. Für Daniela Wyss, die Karate trainiert und den schwarzen Gurt trägt, kein Problem. Auch mit dem Schiessen hatte sie bereits durchs Feldschiessen als Sportschützin Erfahrung. Sie habe sich gut vorbereitet gefühlt, erzählt sie. «Es ist zwar ein Krisenland, man fühlt sich allerdings keiner Gefahr ausgesetzt», sagt sie.

Ursprünglich war die Dallenwilerin im Einkauf von Autoersatzteilen und Nespressokapseln tätig. «Ich wollte etwas anderes erleben, ein Abenteuer.» Ihr Mann habe sich dafür nicht gleich erwärmen können. «Klar sind die Kinder gross, aber natürlich fehlt man», weiss sie. Während des halbjährigen Einsatzes gab es vier Wochen Ferien. «Es sind zwei Welten, beide haben ihren Reiz», findet Wyss, die sich nun auf die Suche nach einer neuen Aufgabe begibt. Der Abschied von ihren Kameraden aus dem Kosovo fällt schwer. Wie soll man jemandem zu Hause, der diese Erfahrungen nicht geteilt hat, vermitteln, was man erlebt hat?

Gestern Morgen haben die Swisscoy-Soldaten ihre persön­liche militärische Ausrüstung abgegeben. Nur den Taz, den Tarnanzug, trugen sie noch auf dem Leib. Nach der Medalparade haben sie auch den abgelegt – und ihre Angehörigen wieder in die Arme geschlossen.


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