So kommen die Willkommenstafeln an

NIDWALDEN ⋅ Ab Sommer zieren zwei Willkommenstafeln die nördliche und südliche Kantonsgrenze der Autobahn A2. Die Meinungen zur Gestaltung gehen auseinander – bei Passanten wie auch bei Fachleuten.
19. Mai 2017, 05:00

Matthias Piazza

matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch

Eine Frau beziehungsweise ein Mann heben die Finger zum Schwur. Daneben prangt der Schriftzug «seit 1291». Im Hintergrund ist schwach die Nidwaldner Landschaft zu erkennen. Solche Tafeln im Stil einer Zeichnung werden Mitte Juli auf der A2 an der Nidwaldner Kantonsgrenze aufgestellt. Sie sollen für den Tourismuskanton werben.

Wir fragten Passanten in Stans, wie die Tafeln bei ihnen ankommen. Die Meinungen gehen auseinander. Rebekka Zweifel (31) aus Stans sprechen die Tafeln nicht an. «Warum braucht es hier Figuren? Da müsste man doch das Stanserhorn oder sonst eine Attraktion bewerben», findet sie. Anderer Meinung ist Friedrich Häcki. «Es muss ja nicht immer traditionell daherkommen. Mir gefällt die Gestaltung», meint der 68-jährige Stanser. Das Sujet des Rütlischwures findet er passend, auch wenn das Ereignis ja nicht auf Nidwaldner Boden stattfand. «Ich bin Schweizer und Rütli-Schütze. Und Nidwalden gehört zur Eidgenossenschaft.» Jennifer Bohni (29) aus Stans findet die Tafeln grundsätzlich «zeitgemäss gemacht», modern und ansprechend.

Den Bezug zum Rütlischwur nicht erkannt

Von einem missglückten Versuch, urchig zu sein, spricht Petra Jossi (45) aus Buochs. «Sujet und Aufmachung sprechen mich überhaupt nicht an. Auf den ersten Blick erkennt man auch den Rütlischwur nicht», meint sie. «Bei der Handbewegung denke ich eher an einen Jugendslogan.» Sie hat klare Vorstellungen, wie sie das Plakat gestalten würde: «Ich hätte andere Farben gewählt, mehr grün und blau, die Natur mit dem See stärker hervorgehoben.»

«Für mich sagt das Plakat nicht so viel aus», meint Marianne Amstad (47) aus Beckenried und denkt an die Autobahntafeln im Nachbarkanton. «Wenn man in den Kanton Uri fährt, sieht man auf den Tafeln wunderschöne Naturfotografien. Der Tourist erkennt sofort, dass er in Uri ist.» Die Nidwaldner Tafeln würden nichts aussagen. Auch die futuristische Gestaltung spricht sie nicht an. Und den Bezug zum Rütlischwur habe sie nicht mal erkannt.

Ein kleiner Trost für alle, die den lokalen Bezug vermissen: Fünf weitere Tafeln werden auf touristische Schwerpunkte aufmerksam machen: Hergiswil, Bürgenstock, Stanserhorn, Engelbergertal und Region Klewenalp. Sie orientieren sich am Stil der kantonalen «Vorbilder».

Künstlerische Umsetzung sei gelungen

Von einem gelungenen Ansatz spricht Urs Wagenseil, Leiter Tourismus und Dozent an der Hochschule Luzern. «Zumindest die meisten Schweizer können mit 1291 etwas anfangen.» Gelungen ist für ihn auch die künstlerische Umsetzung. Zum Bezug zu 1291 passe dieser Retrostil. «Die harten Gesichtszüge des Mannes vermitteln hingegen eine gewisse Modernität.» Mit der Zeichnung sei die richtige Form gewählt worden. «Die Zeichnung mit Menschen vermittelt eine Willkommensbotschaft. Wollte man Landschaftsbilder zeigen, würde zwangsläufig die Frage der Bildwahl auftauchen.» Dies könne man so umgehen.

«Eine gefreute Sache!», fasst Christian Brändle seinen Gesamteindruck zusammen. Er ist Direktor des Zürcher Museums für Gestaltung und hat zusammen mit Bettina Richter die Ausstellung «Macht Ferien!» kuratiert, wo Tourismuswerbung im Zentrum steht. Dies anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums von Schweiz Tourismus. «Die Nidwaldner Variante gehört definitiv zu den gut umgesetzten Tourismustafeln.» Die visuelle Sprache findet Brändle mit dem Retrostil sehr clever umgesetzt. «Mit der Zeichnung nehmen die Macher Bezug zu den historischen Vorbildern aus den 1920er- und 1930er-Jahren, als man grosse Fotos noch gar nicht drucken konnte», meint Christian Brändle. «Und die kantigen Gesichtszüge schaffen einen gelungenen Bezug zur Gegenwart.»

«Ich würde von meinen Studierenden etwas Zeitgemässeres wünschen», meint dagegen Monika Gold, Leiterin der Studienrichtung Graphic Design an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Andererseits werde der Retrostil oft genutzt, um die für den Tourismus typisch klischierten Bilder zu vermitteln. Etwas unüblich für Tourismusplakate findet sie, dass Menschen statt Landschaften in den Vordergrund gestellt werden. Diese erfasse man als Autofahrer zwar schnell, aber ob die Botschaft Tourismus rüberkomme, sei fraglich.

Hinweis: Die Ausstellung «Macht Ferien!» im Zürcher Museum für Gestaltung dauert noch bis am 9. Juli, Pfingstweidstrasse 96, Zürich.


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