Unternehmer muss sich womöglich im Kosovo freikaufen

HERGISWIL ⋅ Nach monatelanger Haft ist ein Hergiswiler Kaufmann Ende März von der Schweiz in den Kosovo ausgeliefert worden. Der Fall wirft viele Fragen auf – ein Anwalt des Beschuldigten wittert gar eine Erpressung.
15. April 2018, 10:00

Der Anwalt, der im Kanton Aargau eine Kanzlei betreibt und den heute im Kosovo im Knast sitzenden Hergiswiler Immobilienkaufmann während Jahren in zivilrechtlichen Belangen beriet, sagt sinngemäss: Im Kosovo seien die Löhne auch von Staatsanwälten und Richtern derart tief, dass sie anfällig für Korruption seien.

Konkret befürchtet der Rechtsvertreter, dass sein Mandant im Kosovo erpresst wird. Und zwar dahingehend, dass der Hergiswiler erst wieder aus dem Gefängnis kommt, wenn er die Entscheidungsträger mit der Bezahlung von Bestechungsgeldern zum Einlenken bewegen kann. Das heisst, dass der Inhaftierte nur dank Schmiergeldzahlungen in der Höhe von womöglich mehreren hunderttausend Franken wieder auf freien Fuss kommt und dann zurück in die Schweiz reisen darf, wo er seit mehr als 20 Jahren lebt.

Bezichtigt von einem verurteilten Mörder

Dem im Kosovo gefangen gehaltenen Wahlnidwaldner wird seitens der dortigen Staatsanwaltschaft ein schwerwiegendes Delikt zur Last gelegt. Es heisst, der Hergiswiler Unternehmer habe in seinem Geburtsland einen Mord in Auftrag gegeben.

Während seines mehrmonatigen Aufenthaltes in Schweizer Auslieferungshaft engagierte der Beschuldigte einen Strafverteidiger, und zwar den Zürcher Valentin Landmann. Dieser versuchte die Abschiebung in den Kosovo zu verhindern, und er wandte sich daher schriftlich an die obersten Richter in Lausanne, um den Auslieferungsentscheid des Bundesstrafgerichtes aufzuheben. Aus diesem Schreiben ans Bundesgericht geht hervor, dass der Immobilienkaufmann im Jahr 2012 zusammen mit einem Komplizen einen Mord in Auftrag gegeben haben soll. Die angeblich gedungenen zwei Mörder hätten vom Hergiswiler Unternehmer für das Verbrechen 100 000 Franken erhalten, ist im Auslieferungsbegehren aus dem Kosovo festgehalten.

Das Verwirrende an der ganzen Sache liegt aber in folgendem Umstand: Der angeblich vom Hergiswil-Kosovaren 2012 in Auftrag gegebene Mord wurde dann im Juni 2014 im Dorf Prapaqan tatsächlich ausgeführt. Aber nicht von den beiden mit angeblich 100 000 Franken bestochenen Auftragskillern, sondern von einem Mann, der für diese Tat 2016 zu einer 18-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Dieser ging dann aber kurz nach Haftantritt in Berufung und tischte den Behörden dann jene Story mit den zwei, vom Schweiz-Kosovaren gekauften Mördern auf. Gemäss dem eingangs erwähnten Anwalt aus dem Kanton Aargau ist exakt dies die ideale Ausgangslage, um vom vermögenden Schweiz-Kosovaren aus Hergiswil für die Freilassung viel Geld zu erpressen.

Am 23. März kam es zur Ausschaffung

Wie Landmann festhält, konnte die Auslieferung «leider» nicht verhindert werden. Der Beschuldigte wurde, wie die «Nidwaldner Zeitung» am Mittwoch schrieb, «vor kurzem in sein ­Heimatland ausgeschafft». Per Flugzeug liessen die Behörden den Hergiswiler Kaufmann am 23. März nach Pristina ausfliegen.

Dort wurde er von der kosovarischen Polizei direkt in ein Gefängnis geführt. In welches? Das wissen weder Landmann noch der Aargauer Anwalt. Die kosovarische Staatsanwaltschaft hat nun bis Ende Mai Zeit, Anklage zu erheben. Gemäss Landmann wird sein Mandant im Kosovo von einem ansässigen Anwalt unterstützt.

 

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch


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