Verständnis der Religionen geht durch den Magen

STANS ⋅ Zum Auftakt der Nidwaldner Woche der Religionen gab es am Montag eine kulinarische Entdeckungsreise. Am Esstisch fanden die Gäste Trennendes und Verbindendes.
08. November 2017, 08:25

«Was bringt Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen an einen Tisch?», fragte Mitorganisator Markus Elsener zu Beginn des Abends am Montag im «Engel» in Stans. Seine Antwort war klar: «Das Essen.» Etwa 50 Gäste hatten sich für das Beizengespräch unter dem Titel «Was uns nährt» angemeldet. Das Essen hatten die Teilnehmer aus den drei monotheistischen Religionen selbst mitgebracht.

Zwischen den Gängen fühlte die Theologin Regula Grünenfelder den Gästen zu ihren Gepflogenheiten rund ums Essen auf den Zahn. So erzählte die Kurdin Amina Haj Mohammed, wie bei ihr zu Hause das Essen begann: «Als bei uns alle am Tisch sassen, sagte der Grossvater jeweils: ‹Bismillah – im Namen Gottes.› Wir wiederholten dies und begannen zu essen.» Die Syrerin betonte den Stellenwert der Gastfreundschaft. Ihre Grossmutter habe stets gesagt: «Wenn das Herz gross ist, reicht das Essen auf dem Tisch für alle.»

Zur Vorspeise steuerte Amina Haj Mohammed Brote bei, die aus der ökologischen Produktion von Patrick Marxer aus Wetzikon stammen. Der Hauptgang kam dann aus der koscheren Küche des Baslers Albert Dreyfuss.

Strenge Vorschriften in der Küche

Die Ausführungen des Gastronomen zu den strikten jüdischen Speisegesetzen stiessen auf viel Interesse. Die wichtigste Regel: «Es dürfen keine milchigen mit fleischigen Produkten vermischt werden.» Sogar bei Küchenwerkzeugen und Geschirr herrscht strikte Trennung. Albert Dreyfuss deutete allerdings an, dass er ausserhalb der Restaurationsküche durchaus pragmatisch denkt. «Es gibt das Gesetz, und es gibt die Menschen», sagte er. Jeder müsse individuell mit Gott ausmachen, was er einhalten wolle.

Bemerkenswert findet Albert Dreyfuss, dass Juden auf der ganzen Welt jeweils die Gerichte der Region adaptieren würden und Wege fänden, die jüdischen Speisegesetze trotzdem einzuhalten. Die koschere Zubereitung von Zürcher Geschnetzeltem habe allerdings nicht auf Anhieb zum gewünschten Resultat geführt. «Als ich den Rahm wegliess, schmeckte es nicht», erzählte er lachend. «Aber zu Tofu ist Rahmsauce erlaubt, und dies schmeckt vorzüglich.»

Suche nach dem Sinn der Regeln

Patrick Marxer sucht den Ursprung religiöser Gepflogenheiten und Regeln ums Essen eher in der Zweckmässigkeit als in den Schriften. «Mich interessiert, welche Logik dahintersteckt», erklärte er. Die Logik hinter dem fastenzeitlichen Fleischverzicht sei beispielsweise gewesen, dass die Leute nicht schon im Frühling die Kühe essen sollten, deren Käse sie im Herbst der Obrigkeit abzuliefern hatten.

Für die Ablehnung des Schweinefleisches im Judentum und im Islam nennt der ehemalige Störmetzger gleich zwei Gründe: die beschränkte Haltbarkeit und der mit dem Menschen konkurrierende Speisezettel des Tieres. Amina Haj Mohammed bestätigte jedenfalls, dass in ihrer Heimat selbst Christen keine Schweine hielten. Und was sagt die Kurdin, wenn die Mahlzeit zum Abschluss kommt? «Gott sei Dank. Mögen die Hände, die ­gekocht haben, gesund bleiben.»

Fortgesetzt wird die Nidwaldner Woche der Religionen am Freitag mit einem offenen Singen in der Stansstader Kirche. Der Abschluss findet am Sonntag in der Kapuzinerkirche Stans mit dem interreligiösen Friedensgebet statt.

 

Edi Ettlin

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch


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