Blitzlicht

Vom Versagen der Lauscher

Oliver Mattmann über das Ohr.
20. Mai 2017, 10:35

«Kannst du mir mal dein Ohr leihen?», heisst ein geflügeltes Sprichwort, wenn jemand Bedarf nach einem Zuhörer hat. Für mich hat die Redewendung jüngst eine ganz andere Bedeutung erhalten. Seit das Hörvermögen wegen einer Ohrentzündung vorübergehend reduziert ist, hätte ich wahrlich nichts gegen eine Ausleihe von vollfunktionsfähigen Lauschern.

Der Arzt hat mir zu Geduld geraten. Dass nicht alles wie gewohnt durchs Ohr dringt, hat indes auch Vorteile. So kann mir mein Gegenüber noch so die ­Leviten lesen, ich quittiere dies nur mit einem Lächeln, da ich es nicht wirklich verstanden habe (und wenn doch, tue ich einfach so ...). Ein anderes Beispiel: Wenn der Nachwuchs in der Nacht kreischend aufwacht und die halbe Nachbarschaft weckt, schläft der Papi seelenruhig weiter, als ob nichts wäre. Mami muss es rund um die Uhr richten.

Doch zugegeben: Die Vorteile – wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen will – sind an einer Hand abzuzählen. Vielmehr ist es ungeheuerlich und beängstigend zugleich, wenn auf einmal das Zwitschern der Vögel in der Ferne entfällt. Oder auf dem Velo an der Kreuzung dreimal nach links und rechts geschaut werden muss, weil das heranfahrende Auto vermeintlich weiter weg tönt. Oder ein simples Gespräch grösstenteils zu einem Monolog verkommt. Eins weiss ich jetzt: Ich bin über beide Ohren in meine beiden Ohren verliebt. Und klar ist auch: Meine Bewunderung für hörbehinderte oder taube Menschen, die ihren Alltag wie selbstverständlich meistern, ist nochmals deutlich gestiegen.

Oliver Mattmann

oliver.mattmann@nidwaldnerzeitung.ch


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