Wieso lassen sich Rehe nicht mehr blicken?

NIDWALDEN ⋅ Selbst wenn sich die Rehpopulation im Stanserhornwald auf stabilem Level befindet, sind die Wildtiere weniger häufig anzutreffen als auch schon. Dies hat seine Gründe. Ein Wildhüter klärt auf.
09. August 2017, 05:00

Oliver Mattmann

oliver.mattmann@nidwaldnerzeitung.ch

 

«Wo sind die Rehe geblieben?» Ein Leserbriefschreiber hat in der gestrigen Ausgabe sein Bedauern darüber geäussert, dass im Stanserhornwald keine Rehe mehr anzutreffen oder zumindest zu hören sind. Früher sei dies öfters der Fall gewesen. «Den zuständigen Behörden sollte es doch aufgefallen sein, dass es immer weniger Rehe gibt.»

Dieser Eindruck täusche grundsätzlich nicht, sagt der kantonale Wildhüter Werner Durrer auf Anfrage. Dennoch hält er fest: «Der Rehbestand am Stanserhorn ist auf einem sehr guten Niveau.» Er stützt sich dabei auf die Bestandserhebungen, die jährlich durchgeführt werden. «Die Zahlen 2017 ähneln jenen aus dem Vorjahr.» Daher sehe man auch von tieferen Abschusszahlen für die kommende Niederjagd vom 15. Oktober bis 4. November ab.

Woran liegt es also, dass sich die Rehe offenbar den Blicken stiller Beobachter entziehen können? Mit ein Grund sind die vermehrten Äsungsflächen im Wald selber, erklärt Werner Durrer. «Durch forstliche Massnahmen sind jüngst wieder mehr Gebiete mit Jungwald entstanden. Und in diesen finden die Rehe ausreichend Nahrung.» Dementsprechend würden sie weniger «austreten», wie man im Fachjargon sagt.

Rehe bleiben bei Hitze lieber im schattigen Wald

Ein anderer Grund sei die Tatsache, dass sich das Reh und andere Wildtiere zunehmend von Wanderwegen distanzieren – auch deshalb, weil Wanderer häufiger mit Hunden unterwegs sind, die im Wald revieren gehen. Daneben sei unbestritten, dass der Luchs – wie der Leserbriefschreiber richtig einschätze – als natürlicher Feind des Rehs für eine gewisse Regulation sorge. Aber nicht im Übermass, sonst wäre der Bestand nicht auf dem Level, wie er jetzt ist, betont Werner Durrer nochmals. Der Luchs verhindere mit seiner Jagd auch ein Rudelbildung, was die Chance auf eine Begegnung mit Rehen ebenfalls schmälere.

Daneben sind Rehe nicht gerade Freunde von hohen Temperaturen und Sonneneinstrahlung. Der Wildhüter nimmt deshalb an, dass die Tiere aufgrund des heissen Sommers noch früher am Morgen respektive noch später am Abend austreten als üblich. Ausserdem bestehe unterhalb des Chalcherli auf Stanser Seite eine Schutzzone für Wildtiere – abseits von Wanderwegen. «Und wenn sich der Hirsch dort aufhält, dann steht das Reh ebenfalls in diese Zone rein», sagt Werner Durrer.

Kanton korrigiert Preis für Patent nach unten

Mehr Kopfzerbrechen bereitet dem Wildhüter die Entwicklung des Gämsbestands. Der Rückgang ist allerdings nicht ein spezifisches Nidwaldner Problem. «Das Phänomen ist im ganzen Alpenraum auszumachen», erzählt Werner Durrer. Man vermute, dass die Klimaerwärmung ihren Teil dazu beitrage, da die Tiere sehr temperaturempfindlich seien. Eine andere Ursache könnten die zunehmenden Freizeitaktivitäten von Menschen in der Natur sein. So seien heutzutage häufiger Jogger oder Biker auch in der Dunkelheit am Stanserhorn unterwegs als früher.

Mit zusätzlichen Wildruhezonen etwa im Sommer wäre es theoretisch möglich, dem Gämsschwund entgegenzuwirken, zählt der Wildhüter eine Möglichkeit auf. In Fachkreisen sei diese schon diskutiert worden, eine Umsetzung sei derzeit aber kein Thema. «Dafür ist der Leidensdruck noch zu wenig gross.» Und dennoch will man die Gämse etwas aus der Schusslinie nehmen, indem der Kanton das Patent für die reine Hirschjagd preislich attraktiver gestaltet als im vergangenen Jahr, wo diese Variante erstmals angeboten worden war. Statt 350 zahlen Jäger während der Hochjagd vom 9. bis 30. September nun noch 200 Franken. Werner Durrer: «Das Angebot ist im Vorjahr unter den Erwartungen geblieben», räumt Werner Durrer selbstkritisch ein.

 


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