Wo in Nidwalden den Bauern der Schuh drückt

BERATUNG ⋅ Der Bäuerinnenverband Nidwalden hat letztes Jahr eine Anlaufstelle für Bauern gegründet. Seelsorger Marino Bosoppi konnte in 13 Fällen helfen. Er stellt fest, dass vielen Generationenkonflikte zu schaffen machen.
11. Februar 2018, 08:51

Von wegen Landidylle und Traumjob: Unter den Bauern in Nidwalden gibt es auch drückende Sorgen und Existenzängste. Der Bäuerinnenverband Nidwalden hat dem Beratungsbedarf Rechnung getragen und vergangenes Jahr eine Erstanlaufstelle für Bäuerinnen und Bauern mit sozialen Problemen gegründet. Marino Bosoppi-Langenauer weiss, wo viele Bauern der Schuh drückt. Seit er geistlicher Begleiter im Bäuerinnenverband ist, wenden sich mehr Rat­suchende aus bäuerlichen Kreisen an ihn.

Der Besucherraum im Pfarrhaus ist lichtdurchflutet. Marino Bosoppi bietet Stuhl und Getränk an und ist parat. «Meine Aufgabe ist vorwiegend zuzuhören. Vertrauen wächst vor allem, wenn man zuhört und dem andern Zeit schenkt.» In 13 Fällen konnte der Gemeindeleiter der Kaplanei Büren helfen. Die Palette der Probleme reicht weit: «Manchmal sind es Generationenkonflikte, Hof­über- oder -weitergaben, jemand hat ein Kind bei der Geburt verloren, oder es stellt sich heraus, dass jemand in jungen Jahren missbraucht wurde und darunter sein Leben lang gelitten hat.» Von Missbrauchsfällen auf Bauernbetrieben, die lange vergangen seien, höre er in letzter Zeit häufiger. «Manchmal braucht es für die Betroffenen mehrere Gespräche, um auf den Punkt zu kommen.»

Die Hemmschwelle, sich an die Beratungsstelle zu wenden, ist vielfach hoch. Eher schafften Frauen den Weg zum Seelsorger. «Männer sind da verschlossener. Sie haben vielfach das Gefühl: ‹Wir schaffen das schon.› Man kämpft einfach bis zum Gehtnichtmehr.» Das Alter der Rat­suchenden reiche von 20 Jahren bis ins hohe Alter. Teils besucht sie der Seelsorger daheim, manchmal kommen sie in die Kaplanei in Büren oder ins Pfarrhaus in Stans. Zu Beginn eines Gesprächs betont Bosoppi immer, «dass das, was hier besprochen wird, in diesen vier Wänden bleibt. Verschwiegenheit ist das A und O.» Gelernt hat er vor allem eins: «Es gibt nichts, was es nicht gibt.» Kein menschliches Problem ist ihm fern.

Wirtschaftlicher Druck auf den Bauernstand nimmt zu

Manchmal liegt die Hauptaufgabe von Bosoppi im Triagieren: Er hat ein Netz von Psychotherapeuten, die helfen, wenn jemand etwa ein persönliches Trauma aufarbeiten muss. Im Krankheitsfall muss schnell gehandelt und organisiert werden. Vielleicht muss ein Betriebshelfer her. Bei betriebswirtschaftlichen Problemen tritt Armin Niederberger auf den Plan. Er ist als Bereichsleiter der Agro Treuhand zuständig für Ob- und Nidwalden und berät mit seinem Team etwa einen Viertel aller dort ansässigen Bauern. «Wirtschaftlich wurde es für die Bauern hier enger. Die Milchpreissenkungen von 2015 und 2016 schlagen durch, auf der Kostenseite ist nicht viel passiert», stellt Niederberger fest. Die finanziellen Reserven nähmen ab, Betriebe versuchten, Investitionen aufzuschieben. Als Treuhand­firma übernimmt sein Unternehmen Buchhaltungen und Steuererklärungen für die Landwirte, macht aber auch Beratungen, etwa bei Hofübergaben.

Seit der Gründung der Anlaufstelle konnte Agro Treuhand bereits in einigen Fällen helfen. «Typische Fälle sind Unfälle oder Krankheit, aber auch finanziell schwierige Situationen. Wir analysieren den Betrieb beispielsweise auch bei Arbeitsüberlastung.» Gerade wenn nur dank Nebenerwerb der Betrieb über Wasser gehalten werden könne, kämen schnell bis zu 60 Stunden in der Woche zusammen. Die Agro Treuhand erstellt ein Betriebskonzept, falls nötig. Vielleicht müsse der Betrieb anders organisiert werden. Vielfach gehe es einfach darum, Anstösse zu geben oder zu vermitteln.

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@nidwaldnerzeitung.ch

Hinweis

Weitere Informationen finden Sie auf der Website www.baeuerinnen-nw.ch unter Vorstand/Beratungsangebote im Kanton.


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