Zum 50. Mal mischt er den Samichlaus-Umzug auf

STANS ⋅ Zum Stanser Samichlaus-Umzug gehören nebst Schmutzli auch Geiggel. Dass diese Tradition noch lebt, ist auch José de Nève zu verdanken – einem der dienstältesten Geiggel. Dafür nimmt er auch die «Gicht» in Kauf.
02. Dezember 2017, 05:00

Matthias Piazza

matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch

Wenn am kommenden Dienstag der Samichlaus wieder durch die Stanser Gassen zieht, begleiten ihn narrenhafte Gestalten im weissen Hemd mit Geröll (Lederband mit Schellen) und reich verzierten Mützen, genannt Schöpfe, auf dem Kopf. Wild hüpfen sie um den Samichlaus und sein Gefolge herum. Erhalten sie einen Batzen, machen sie einen Knicks, geben zum Dank eine Nuss oder ein Zältli und eilen, immer in Bewegung, weiter. Diese Geiggel sind ein fester Bestandteil beim Samichlaus-Umzug – neben den Trychlern, Schmutzli und Tschifelern.

Der Oberdorfer Künstler José de Nève ist mit dem 50. Einsatz wohl der dienstälteste Geiggel. Der heute 84-Jährige trug auch massgeblich dazu bei, dass die Tradition des Geiggelns erhalten blieb. Der erste Kontakt mit diesem Brauchtum war allerdings alles andere als angenehm, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung zurück. «Ich bin in Engelberg geboren und aufgewachsen. Als ich Anfang 1961 nach Stans zog, wollte ich mich nach den hiesigen Traditionen und Bräuchen erkundigen. Ich traf auf Schüler, die gerade dabei waren, Geiggel und Schmutzli zu wählen. Meine Anwesenheit war aber überhaupt nicht erwünscht. Sie wiesen mich weg.»

Auf einmal kam er den Stansern gerade recht

Ein oder zwei Jahre später wurde er von Marie Odermatt-Lussy angefragt, bei der Jury des Unüberwindlichen Grossen Rates zu Stans teilzunehmen, um die schönsten Schmutzli, Geiggel, Tschifeler und die schönste Trychlergruppe zu küren. «Zu fünft sassen wir auf der Terrasse des ehemaligen Kronen-Restaurants», erinnert sich José de Nève zurück, der in Engelberg als Samichlaus durch die Strassen zog, als er noch dort wohnte. Er kam gerade zur rechten Zeit nach Stans. Denn dort, in seiner neuen Heimat, war die Fortsetzung der Samichlaus-Tradition gefährdet. «Bisher organisierten immer die Gewerbeschüler den Samichlaus-Umzug. Doch die Zeiten änderten sich. Immer mehr Lehrlinge gingen auswärts in die Gewerbeschule. Der Bezug zum lokalen Brauchtum ging damit auch etwas verloren.»

Unter dem damaligen Stanser Gemeindepräsidenten und späteren Regierungsrat Bruno Leuthold nahm eine Gruppe Erwachsener das Zepter in die Hand. José de Nève wurde für die Geiggel zuständig. «Die Zuschauer hatten unglaublich Spass an der neuen Umzugsform. Viele wollten aktiv den Samichlaus begleiten.» Die Tradition lebte 1968 wieder auf. Sie erfuhr später eine Änderung, indem Frauen mitmachen durften. «Heute ist die Mehrheit der 30 Geiggel weiblich», erzählt er.

«Wir Geiggel lieben das Herumtänzeln»

Ansonsten habe sich nichts geändert. Auch heute noch unterhalten die Geiggel die Leute und sammeln fleissig Geld, um die Unkosten des Umzugs zu decken – und zwar erfolgreich. «Den Beutel müssen wir während des Umzugs zweimal leeren. Am anderen Tag spüre ich es in den Armen. Wir sprechen auch scherzhaft von Geiggel-Gicht.» Auch nach bald 50 Jahren hat er nicht genug. «Wir Geiggel lieben es, umherzutänzeln und die Leute zu unterhalten. Das ist für mich ein Höhepunkt im Jahr.»

Warum der Geiggel auch die Funktion des Narren innehat, erklärt sich José de Nève so: «Früher lenkten die Narren durch ihren Tanz und ihr Spiel die Leute ab, wenn etwa ein Fürst mit seinem Gefolge durch die Stadt zog. Dadurch wollte man verhindern, dass die Leute beim genauen Hinschauen hätten erkennen können, dass der Fürst zum Beispiel kleingewachsen ist oder schiefe Zähne hat. Dieses Ablenkungsmanöver hat sich auf den Geiggel übertragen.»

Jedes Jahr ein neuer Schopf ist Ehrensache

Alle Geiggel sind weiss und tragen einen Schopf. Und trotzdem unterscheiden sie sich bei genauerem Hinsehen. Denn für einen Geiggel sei es Ehrensache, dass er jedes Jahr einen anderen Schopf baue. «Das ist der Stolz eines jeden Geiggels.» Und so gehören zum Brauch auch die Vorbereitung und das Bauen des Geiggelschopfs, der aus mit Stoff bezogenem Karton besteht, zusammengenäht, angemalt, verziert und manchmal mit Lichtern geschmückt wird. Oft hat er ein Thema. Der Schopf ist gar zum Nidwaldner Kulturgut geworden. So sind im Nidwaldner Museum rund ein Dutzend dieser speziellen Schöpfe von José de Nève archiviert.

Die Lust am Geiggeln sei ihm noch immer nicht vergangen. Selbst vergangenes Jahr kam er seiner Passion nach, trotz einer Hüftoperation zwei Monate davor. «Trotz Bedenken im Vorfeld ging es gut – mit einigen Pausen dazwischen.» Und mit Blick in die Zukunft meint er: «Solange ich kann, mache ich weiter.» Übrigens: Woher der Geiggel stammt und warum er nur in Stans existiert, ist nicht vollständig geklärt, wie das Nidwaldner Museum schreibt. Der Narr sei eine Figur aus dem Mittelalter, welche seit dem 15. Jahrhundert mit der Fasnacht verknüpft sei. Darum ist es denkbar, dass der Ursprung in der Fasnacht liegt.


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