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Endlager im Wellenberg ist wohl vom Tisch

NIDWALDEN ⋅ Die Bevölkerung kann aufatmen: Die Nagra hat entschieden, den Wellenberg zurückzustellen. Das ist ganz im Sinne Nidwaldens. Ganz vom Tisch ist ein Atom-Endlager im Wellenberg jedoch noch nicht.

Jura Ost und Zürich Nordost: Diese beiden Standorte schlägt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) für die Lagerung sowohl von schwach- und mittelradioaktiven als auch von hochradioaktiven Atomabfällen vor.

Nicht mehr im Rennen ist der Wellenberg im Kanton Nidwalden: Die Nagra hat entschieden, den Wellenberg «zurückzustellen». Damit wird der Standort faktisch aufgegeben und nicht weiterverfolgt. Die Nidwaldner Bevölkerung hatte in den letzten 25 Jahren viermal gegen ein geologisches Tiefenlager im Wellenberg gestimmt. (siehe Box).

Ganz vom Tisch ist der Standort Wellenberg jedoch noch nicht, denn die Nagra gibt nur Empfehlungen ab. Die Vorschläge werden nun den Bundesbehörden zur Überprüfung und den Standortkantonen zur Stellungsnahme unterbreitet. 2016 soll eine öffentliche Anhörung durchgeführt werden. Voraussichtlich Mitte 2017 wird der Bundesrat auf Grundlage aller Ergebnisse entscheiden, ob er den von der Nagra vorgeschlagenen Gebieten zustimmt. Ein definitiver Entscheid soll 2027 fallen.

Möglich sind je ein Standort für jeden Lagertyp oder ein Standort für ein kombiniertes Endlager. Danach muss noch das Parlament seinen Segen geben - allenfalls kommt es auch zu einer Volksabstimmung, falls das Referendum ergriffen wird. Ihren Betrieb aufnehmen sollen die Lager dann zwischen 2050 und 2060.

«Es ist noch keine Region definitiv ausgeschieden»

Franz Schnider, Vizedirektor des Bundesamts für Energie.

Gut und besser

Alle sechs untersuchten Gebiete erfüllten die Anforderungen, um ein sicheres geologisches Tiefenlager bauen zu können, erklärte Nagra-Chef Thomas Ernst vor den Bundeshausmedien. «Jura Ost und Zürich Nordost erfüllen die Anforderungen aber am besten.»

Bei der Untersuchung der Standorte hat sich die Nagra auf vier Hauptkriterien gestützt: Die Einschlusswirksamkeit des Gesteins, die Langzeitstabilität, die Zuverlässigkeit der Voraussagen und die bautechnische Machbarkeit eines Tiefenlagers.

Als möglicher Standort zur Lagerung hochradioaktiver Abfälle wurden neben Jura Ost und Zürich Nordost auch das Gebiet Nördlich Lägern genauer untersucht. Dieses schnitt aber wegen der schlechten bautechnischen Machbarkeit weniger gut ab, wie Ernst erklärte. Als ungünstig stellte sich das Platzangebot heraus. Zudem wird befürchtet, dass beim Bau die geologischen Barrieren beschädigt werden könnten.

Wellenberg: am meisten negative Faktoren

Für die Lagerung von schwach- und mittelradioaktivem Abfall wurden alle sechs Standorte untersucht. Auch hier schwangen Jura Ost und Zürich Nordost als einzige mit ausschliesslich günstigen bis sehr günstigen Bewertungen obenaus.

Am meisten negative Faktoren bei allen vier Kriterien weist gemäss den Untersuchungen der Wellenberg auf. Südranden schneidet bei der Langzeitstabilität bedingt günstig ab, bei Jura-Südfuss und wiederum Nördlich Lägern ist die bautechnische Machbarkeit bedingt günstig oder sogar ungünstig. Ernst sprach von «eindeutigen Nachteilen», die einen frühzeitigen Ausschluss der vier Gebiete aus Sicht der Nagra rechtfertigen.

Das letzte Wort ist damit aber noch nicht gesprochen. Laut Franz Schnider, Vizedirektor des Bundesamts für Energie (BFE), handelt es sich um einen wichtigen Zwischenschritt. «Es ist aber noch keine Region definitiv ausgeschieden.» Und auch BFE-Projektleiter Michael Aebersold relativierte: «Es ist möglich, dass man in einem Jahr zu einem anderen Schluss kommt.»

Ein Entscheid im Sinne Nidwaldens

Mit dem Entscheid der Nagra, auf den Wellenberg zu verzichten, wird in Nidwalden ein fast 30-jähriger Kampf gegen ein Tiefenlager beendet. Dem anfänglich von der politischen Opposition angeführten Widerstand hatte sich zuletzt auch der Regierungsrat angeschlossen.

Der Entscheid sei überfällig gewesen, schreibt das Komitee für die Mitsprache des Nidwaldner Volks bei Atomanlagen (MNA), das seit 1986 den bei Wolfenschiessen gelegenen Wellenberg als Standort für die Endlagerung radioaktiver Abfälle bekämpfte.

Der Wellenberg war damals von der Nagra auch wegen der damals positiven Haltung der Nidwaldner Regierung zum potentiellen Standort ausgewählt worden. Bei der Mehrheit des Volkes kam dies schlecht an. Beim aktuellen Evaluationsprozess für ein Tiefenlager hatte sich auch der Regierungsrat gegen den Standort Wellenberg ausgesprochen und seine ablehnende Haltung mit eigenen Studien untermauert.

Seit 1987 hatten sich die Nidwaldner Stimmberechtigten mehrmals direkt oder indirekt gegen das Wellenbergprojekt ausgesprochen. Die Endlagerfrage spaltete Nidwalden, die Mitsprache wurde bis vor Bundesgericht erstritten und bewirkte auch eine politische Modernisierung, der 1996 die Landsgemeinde zum Opfer fiel.

1988 verwarf die Landsgemeinde eine positive Stellungnahme des Regierungsrates zu einem Sondiergesuch Nagra für den Wellenberg. Trotzdem wurde am Projekt festgehalten.

1995 lehnten die Stimmberechtigten das Gesuch der Nagra ab. 1999 lancierte die Nagra den Wellenberg erneut als Tiefenlagerstandort, 2002 folgte, gegen den Antrag des Regierungsrates, das Nein der Stimmberechtigten zum geplanten Sondierstollen.

Der letzte Volksentscheid zum Wellenberg datiert von 2011. Damals unterstützten die Stimmberechtigten die Haltung des Regierungsrates, dass der Wellenberg von der Liste der möglichen Standorte gestrichen werden solle. Diesem Anliegen hat die Nagra nun entsprochen.

Wellenberg: Die Nagra-Begründung

Im Standortgebiet Wellenberg hat das geklüftete Wirtgestein, die Mergel-Formationen des Helvetikums,
im Vergleich zum Opalinuston ein beschränktes Selbstabdichtungsvermögen und eine beschränkte Homogenität. Dies führt zu einer weniger guten Barrierenwirkung. Die Bedingungen zur Langzeitstabilität
sind durch die Lage in den Alpen auch ungünstiger als in der Nordschweiz. Zudem ist das Gebiet von der Oberfläche aus schwierig explorierbar.

rem/sda

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