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Zentralbahn handelt gegen nerviges Quietschen

NIDWALDEN ⋅ Züge, die in Kurven einfahren, verursachen oft einen ohrenbetäubenden Lärm. Das Problem ist der Zentralbahn bekannt. Derzeit läuft in Hergiswil ein Pilotprojekt.

Ein Zug der Zentralbahn fährt durch Hergiswil. Da die Strecke kurvenreich ist, ist oft ein ohrenbetäubender Lärm zu hören. Das laute Quietschen ist auch der Zentralbahn bekannt. Sie hat für eine Testphase drei Triebzüge auf beiden Seiten mit je einer Spritzdüse, einer Pumpe und einem Steuergerät ausgerüstet.

Der Versuch wurde im Herbst gestartet und soll bis Ende 2016 weitergeführt werden, wie die Zentralbahn in ihrem Unternehmensmagazin vom Dezember berichtet. Die Testphase beschränkt sich am Anfang auf den kurvigen Bereich bei Hergiswil.

Der Einbau kostet zwischen 30'000 bis 40'000 Franken pro Triebfahrzeug. Während dieser Zeit löst der Lokführer den Impuls an einer klar definierten Stelle aus. Falls für einen definitiven Betrieb die Ansteuerung automatisch erfolgen sollte, wird mit weiteren Kosten gerechnet.

Ist das Resultat nach Abschluss der Testphase positiv, sollen so etwa 30 Prozent aller Fahrzeuge mit solchen Einrichtungen versehen und auf dem ganzen Netz der Zentralbahn in engen Kurven eingesetzt werden.

«Mit dem Aufspritzen eines Trennmittels», so Gerhard Züger, Leiter Produktion und Rollmaterial, «erhoffen wir eine deutliche Reduzierung des Kurvenkreischens und eine Reduktion des Verschleisses zwischen den Rädern und der Schiene.» Nach der Einführung der neuen Züge habe sich die Situation des Kurvenkreischens verschärft, was auch Rückmeldungen von Anwohnern bestätigen.

Ausgelöst wird das Quietschen durch den unterschiedlichen Weg des Rades zwischen der Innen- und Aussenschiene – den sogenannten Stick-Slip-Effekt.

sda/rem

 Stationäre Schmieranlage im Bahnhof Zug

Zu den stark betroffenen Bahnhöfen gehört jener von Zug. Dort gibt es gleich mehrere ungünstige Rahmenbedingungen: Einerseits fahren die Züge in einer Kurve in den Bahnhof ein, andererseits befinden sich Anwohner nahe an den Gleisen und müssen diesen Lärm wohl oder übel schlucken.

Der Lärmpegel ist stark witterungsabhängig: Bei kühlem und trockenem Wetter ist es am Schlimmsten, während beispielsweise Regen wie ein natürliches Schmiermittel wirkt. Die SBB hat bereits vor zehn Jahren an den beiden Zürcher Bahnhöfen Flughafen und Stadelhofen sowie beim Bahnhof Bern stationäre Schmieranlagen eingerichtet, um das Quietschen zu dämpfen.

«Diese Anlagen der ersten Generation liefern aber nicht die gewünschten Resultate, so dass sie aus technischen Gründe teilweise und in Zürich Stadelhofen ganz abgeschaltet werden mussten», sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer auf Anfrage.

Inzwischen stehen weiterentwickelte Anlagen zur Verfügung. Eine davon wird nun als Pilotprojekt beim Bahnhof Zug erprobt. Verläuft der Versuch erfolgversprechend, so sollen auch andere Bahnhöfe damit ausgerüstet werden. Billig ist das nicht: Eine solche Anlage kostet je nach topografischer Lage des Bahnhofs und dem Kurvenradius im Durchschnitt etwa 300'000 Franken.

Physikalisches Problem

Das Kurvenkreischen entsteht beim Fahren parallel geführter Radsätze durch enge Kurven. Das bogenäussere Rad wird durch den anlaufenden Spurkranz zu einer kontinuierlichen Querbewegung gezwungen, wie Meyer erklärt. Dies führt zu Reibungskräften zwischen den Laufflächen von Rad und Schiene.

Neben der Witterung sind andere Faktoren entscheidend für die Lautstärke des Quietschens - wie etwa die Qualität der Drehgestelle oder die Fahrgeschwindigkeit. Eingedämmt werden soll der Lärm nun im Bahnhof Zug mit einer Schmieranlage. Dabei wird eine dünne Flüssigkeit auf die Schienen gesprüht, die von den Rädern über die Schienen verteilt wird. Zusätzlich verfügt jeder Zug heute über eine Spurkranzschmierung, die ebenfalls Lärm vermindernd wirkt.

Die Schmieranlage in Zug wurde im Juni montiert, der Versuch soll Anfang nächsten Jahres mittels Lärmmessungen ausgewertet werden. Dabei geht es nicht nur darum, wie stark die Geräusche eingedämmt werden können, sondern auch die Auswirkungen auf das Bremsverhalten der Züge muss analysiert werden. «Es darf nicht zu viel Schmiermittel auf die Schienen gelangen, sonst können die Züge nicht mehr effizient abgebremst werden», sagt Meyer.

Walliser Pionierarbeit

Pionierarbeit auf dem Gebiet der Lärmeindämmung hat die Matterhorn-Gotthard-Bahn geleistet. Dort wurden bereits 2009 Versuche gestartet, und zwar mit direkt auf den Triebfahrzeugen installierten Schmieranlagen. Die Gebirgsbahn ist besonders betroffen: Allein auf der Strecke Visp - Zermatt gibt es 125 Kurven, die besprüht werden müssten, und auf der Strecke Visp - Disentis sind es sogar 270 Kurven, wie Jan Bärwalde, Sprecher der Bahn, auf Anfrage sagte.

Die Matterhorn-Gotthard-Bahn beschäftigt sich seit 2009 innerhalb eines Projektes mit dem Thema «Eindämmung Geräuschemissionen». Der Feldversuch mit den auf den Triebfahrzeugen installierten Schmieranlagen hat Mitte 2014 begonnen und dauerte rund ein Jahr. Derzeit ist die mobile Besprühung ausgesetzt und die Bahn prüft den Einsatz von stationären Anlagen an neuralgischen Stellen.

Rund ein Fünftel der 45 Triebfahrzeuge umfassenden Flotte ist inzwischen mit mobilen Sprühern ausgestattet. Bärwalde wies darauf hin, dass sich für die Bahn die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis stellt: Allein die Hardware auf den Triebfahrzeugen kostet rund 20'000 Franken, weil es sich um Prototypen handelt, also weil keine Serienproduktion stattfindet. Dazu kommt der ganze Unterhalt.

Immerhin, einen gewissen Erfolg haben die Tests aufgezeigt: Wurden bei der eher langsam fahrenden Gebirgsbahn Quietschgeräusche von durchschnittlich 80 Dezibel Lärm gemessen, so konnten diese dank den Schmieranlagen zum Teil um zehn bis 15 Prozent gesenkt werden. Laut Bärwalde muss nicht jeder Zug die Schienen neu besprühen. Es reiche aus, wenn etwa alle zwei bis drei Fahrten einmal gesprüht werde.

Eduard Mader, sda

 
 
 
 
 
 

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Leserkommentare
  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 05.01.2016 10:01

    So neu ist die ganze Sache gar nicht und die "Pionierarbeit" der Matterhorn-Gotthard-Bahn bezieht sich wohl nur auf die Schweiz.

    Die Berliner U-Bahn hat Schmieranlangen und ganze Schmierzüge bereits ab den 1930er Jahren mit Erfolg eingesetzt.

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