Bartgeier Alois hat das Reisefieber gepackt

MELCHSEE-FRUTT ⋅ Die ausgewilderten Bartgeier entwickeln sich prächtig. Auch Frankreich und Italien haben sie schon angeflogen. Im Sommer soll die dritte Bartgeier-Saison starten.
12. April 2017, 08:19

Matthias Piazza

matthias.piazza@obwaldnerzeitung.ch

«Die Satellitendaten zeichnen ein erfreulich detailliertes Bild von den Streifzügen des jungen Männchens in seinem ersten Winter. Nach einem letzten kurzen Aufenthalt am Auswilderungsstandort bei Melchsee-Frutt Ende Oktober 2016 war Alois im November vor allem im Wallis und von Dezember bis Januar dieses Jahres meist in Hochsavoyen unterwegs», heisst es im Blog der Stiftung Pro Bartgeier. Seit Ende Januar ist Alois wieder in der Schweiz, wo er zuerst das Wallis und anschliessend das Berner Oberland anflog, wie aus den Aufzeichnungen hervorgeht.

Am 2. Februar schien ihn das Reisefieber gepackt zu haben. Er startete in Guttannen im Berner Oberland. Rund vier Stunden später erreichte er den Säntis. «Seine mittlere Reisegeschwindigkeit betrug dabei rund 30 Kilometer pro Stunde, kurzzeitig erreichte er sogar bis zu Tempo 90. Die Bilanz am Abend zeigte, dass Alois an diesem Tag satte 212 Kilometer geflogen ist», ist weiter auf der Homepage zu vernehmen. Auch sein Kollege Cierco hat schon die Schweizer Grenze überflogen. Gleich zwei Beobachtungen vom 29. Oktober 2016 stammen aus dem Mont-Blanc-Gebiet. Er hat in seinem ersten Winter seine Flugkünste weiterentwickelt: So zeigt ein Foto ihn beim Flugspiel mit einem Adler, andere Fotos halten fest, wie das junge Männchen den Attacken eines Bartgeiers ausweichen muss.

«Bartgeier entwickeln sich prächtig»

Daniel Hegglin von der Stiftung Pro Bartgeier bestätigt den positiven Eindruck, den man beim Lesen der Blogeinträge erhält. «Die Bartgeier entwickeln sich prächtig und haben alle den für sie kritischen Winter gut überstanden.» Die Auswilderungsaktionen von 2016 und 2015 bezeichnet Hegglin als vollen Erfolg. «Der Auswilderungsstandort hat sich bewährt, auch die Zusammenarbeit mit den Leuten vor Ort war hervorragend», lobt Hegglin. Er geht davon aus, dass auch in diesem Sommer wieder zwei Bartgeier auf Melchsee-Frutt zu ihren ersten Flugversuchen abheben. Er rechnet mit einem definitiven Entscheid bis Anfang Mai.

Auch wenn die Bartgeier viele Kilometer zurücklegen, kehren sie ihrer Heimat nicht ganz den Rücken zu. «Wenn sie mit etwa sechs Jahren geschlechtsreif werden, werden sie sich oft in der Nähe des Standortes, wo sie ausgeflogen wurden, also im Raum Zentralschweiz, niederlassen.» Die Lebensbedingungen auf der Frutt werden als ideal für Bartgeier angesehen. Der Tisch ist reich gedeckt. Als Aasfresser ernähren sie sich von verendeten Huftieren, vor allem von Stein­böcken und Geissen. Es ist nicht die erste Auswilderungsaktion in der Schweiz: Zwischen 1991 und 2007 wurde der Bartgeier im Nationalpark im Engadin, zwischen 2010 und 2014 in der Ostschweiz wieder angesiedelt.

Hinweis

Mehr Infos unter www.bartgeier.ch


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