Behinderte haben bald überall Zugang

NID-/OBWALDEN ⋅ Die 20-jährige Übergangsfrist für barrierefreie Zugänge im öffentlichen Verkehr läuft in sechs Jahren ab. Während die baulichen Massnahmen im Bahnbereich abgeschlossen sind, stehen die Bushaltestellen erst noch an.
25. April 2017, 05:00

Christoph Riebli

christoph.riebli@nidwaldnerzeitung.ch

Bis 2023 müssen alle Bauten, Anlagen und Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs für Menschen mit Behinderungen, wie etwa Rollstuhlfahrer, zugänglich sein. So will es das eidgenössische Behindertengleichstellungsgesetz von 2003. Konkret gilt es, die Höhe von Rampen und Perrons entsprechend anzupassen sowie die Fahrplanaushänge gut lesbar anzubringen. Die Frist rückt näher, entsprechend gefordert sind Bahn- und Busbetreiber wie auch die öffentliche Hand.

«Im Bahnbereich sind wir sehr gut unterwegs», bilanziert Hanspeter Schüpfer, Fachstellenleiter öffentlicher Verkehr beim Kanton Nidwalden. Einzig die Haltestelle Niederrickenbach sei noch nicht barrierefrei zugänglich und deren Zukunft ohnehin noch ungewiss: Der Kanton suche diesbezüglich das Gespräch mit der Luftseilbahn, der Gemeinde Dallenwil sowie der Zentralbahn. Ein positives Fazit kann auch der Obwaldner Verkehrsplaner Harald Woermann ziehen: «Bei uns sind alle Bahnhöfe angepasst, mit Ausnahme von Alpnachstad, wo die nötigen Massnahmen voraussichtlich 2018 ausgeführt werden.»

170 Postauto-Haltestellen zur Überprüfung

Anders sieht es jedoch bei den Postauto-Haltestellen aus – rund 80 davon gibt es in Nidwalden, etwa 90 sind es in Obwalden: «Für zu hohe Rampen bei den Haltestellen ist die öffentliche Hand zuständig», erklärte Philipp Schubiger, Leiter Planung Postauto Region Zentralschweiz, kürzlich dazu an einem Vortrag in Sarnen (wir berichteten). Postauto selbst hat die Hausaufgaben gemacht: «Bei den Fahrplänen haben wir die Höhe angepasst, und auch unsere Fahrzeuge erfüllen bereits die neuen Vorgaben.» «Nicht jede Haltestelle muss aufgewertet werden», relativiert Hanspeter Schüpfer. Sein Obwaldner Kollege Harald Woermann ergänzt: «Der Kanton hat einen gewissen Spielraum, wie weit er gehen will. Dort, wo der Kundenkreis Menschen mit Behinderungen einschliesst, etwa bei Altersheimen oder beim Spital, wird man die Anpassungen sowieso machen.»

Dort, wo die Frequenzen aber teure bauliche Massnahmen nicht rechtfertigen (Stichwort: Verhältnismässigkeit), brauche es andere Lösungen. Etwa, dass im Postauto eine mobile Rampe mitgeführt wird. Denn aufgrund von Erfahrungswerten schätzt Woermann: «Im Höchstfall muss man mit einem fünf- bis sechsstelligen Betrag pro anzupassende Haltestelle rechnen.»

Gemeinden sind finanziell gefordert

Was es bis 2023 wo umzusetzen gilt, das wird in Nidwalden jetzt über den Sommer hin analysiert. «Wir arbeiten dabei auch mit Behindertenorganisationen zusammen», erklärt Hanspeter Schüpfer, der zuversichtlich ist, dass bis 2023 sämtliche nötigen Massnahmen abgeschlossen sind. Diese Auffassung teilt auch Harald Woermann. Der kantonale Massnahmenplan dazu müsse in Obwalden jedoch noch erarbeitet werden. Es gelte dabei aber nichts zu überstürzen: «Die kantonalen Tiefbauämter evaluieren noch in Workshops die technische Ausgestaltung.» Vielerorts zeigten sich nämlich ähnliche Situationen, weshalb der Austausch mit anderen Kantonen wichtig sei. «Wir müssen das Rad nicht jedes Mal neu erfinden», findet auch Hanspeter Schöpfer.

Spätestens wenn es dann um die Finanzierung geht, sind auch die Gemeinden gefordert. «In Obwalden gilt der Grundsatz, dass jede Haltestelle Sache der Gemeinde ist», erklärt Harald Woermann und stellt sogleich klar: «Wir werden den Massnahmenplan den Gemeinden aber nicht einfach vordiktieren, sondern das Gespräch suchen.» Auch wolle man sich daran orientieren, ob eine Haltestelle an einer Kantons- oder Gemeindestrasse stehe. In Nidwalden ist ebenfalls der Strassentyp entscheidend sowie ob eine Haltestelle innerorts (Gemeinde zahlt) oder ausserorts steht (Kanton zahlt). Erste Kostenschätzungen gibt es in beiden Kantonen noch nicht.


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