Bisons erobern Obwalden

GISWIL ⋅ Sie sind für unsere Augen ein ungewohntes Bild. Nun erobern erste Bisons die Zentralschweiz. Sie sind pflegeleicht und liefern gesundes, hochpreisiges Fleisch.
03. August 2014, 05:04

Wer beim Hof Gehri an der Kleintei­lerstrasse in Giswil vorbeispaziert, stutzt wohl erst einen Moment lang. Nicht etwa Kühe kauen hier Gras, sondern Bisons. Seit rund sechs Wochen weiden hier sechs gehörnte Riesen ruhig und gelassen auf einer mit einem hohen Zaun versehenen Wiese. Den Tieren scheint es wohl zu sein, als ob sie nicht erst seit kurzem hier wären. Sie reagieren bereits schon auf Lockrufe ihres Besitzers Marcel Enz und kommen näher, wenn er ihnen Äpfel zuwirft, was sie besonders mögen. «Wir haben bis jetzt nur positive Erfahrungen gemacht», meint der glückliche Besitzer. Die Bisons auf dem Hof von Marcel und Trudi Enz sind eine Premiere in der Zentralschweiz. In der Schweiz gibt es erst rund ein Dutzend Betriebe, die dieses nordamerikanische Wildrind halten.

Alternative zur Milchwirtschaft

Dabei entstand die Idee beim Ehepaar Enz fast aus einer Not heraus. «Der Betrieb, den wir von den Eltern übernahmen, wäre mit seiner Grösse nicht überlebensfähig, entweder müssen wir expandieren oder einer Nebenbeschäftigung nachgehen», erzählt Marcel Enz. Eine zeitlich flexible Alternative zur Milchwirtschaft musste her.

Fündig wurde er am anderen Ende der Welt. In Neuseeland kam er das erste Mal mit Bisons in Kontakt. «Es funkte sofort», beschreibt er seine erste Begegnung mit den wuchtigen Tieren. Der Entscheid stand fest: «Wir stellen auf Bison-Haltung um.» Bis es so weit war, stand den beiden jedoch viel Arbeit bevor. Bisons sind Wildtiere, brauchen darum viel Platz und Auslauf. Der Stall musste umgebaut, ein Winterquartier mit einer sicheren, zwei Meter hohen Umzäunung gebaut werden, um ein Ausbüxen zu verhindern. Die gesetzlichen Bestimmungen sind streng.

Extreme Rangordnung

«Auch enge Winkel sind tabu. Bisons sind Wildtiere mit einer extremen Rangordnung. Wenn ein Tier nicht flüchten kann, kann dies tödlich enden.» Kein gutes Ende nimmt auch eine Begegnung mit einem Hund. «Bisons sehen im Hund den Wolf, ihren Feind. Kommt der in ihr Gehege, greifen sie ihn an. Auch für fremde Menschen werden Bisons gefährlich, wenn man in ihr Revier eindringt.» Bei richtigem Umfang und artgerechter Haltung würden sich diese Tiere auf einem Schweizer Bauernhof problemlos eignen. Marcel Enz musste einen sechs Tage dauernden Theoriekurs besuchen und auf einem Betrieb in der Westschweiz, wo Bisons gehalten werden, ein Praktikum von 300 Stunden absolvieren.

Fleisch gilt als Delikatesse

Auf ihrem Hof Gehri setzt sich der Bisonbestand gegenwärtig aus einem neunjährigen Stier, der ungefähr eine Tonne wiegt, und fünf dreijährigen Rindern zusammen. Marcel Enz ist überzeugt, auf die richtige Karte gesetzt zu haben. «Bisonfleisch kann man viel teurer verkaufen als Kuhfleisch.» Die Rinder werden jetzt zuchtfähig, in einem Jahr rechnet er mit Nachwuchs. Schlacht­reif werden die Tiere mit etwa zweieinhalb Jahren – was relativ spät ist, sich aber gemäss Enz positiv auf die Fleischqualität auswirkt. Bisonfleisch soll das gesündeste und nährstoffreichste Fleisch sein, das sei wissenschaftlich nachgewiesen. «So hat es etwa weniger Fett, dafür mehr Nährstoffe als Pouletfleisch.»

Er ist überzeugt, dass die Nachfrage nach diesem für Schweizer Gaumen ungewohnten Fleisch auch hierzulande vorhanden ist. Dabei will er auf Direktvermarktung setzen, zumal die Mengen zu klein seien, um mit einem Grossverteiler zusammenzuarbeiten. So will man, wenn es dereinst so weit ist, einen jährlichen Verkaufstag auf dem Hof durchführen. Auf den Ladentisch soll aber weit mehr als Bisonfleisch kommen. «Der grosse Vorteil dieses Tieres ist, dass man fast alles verwerten kann.» So soll man auch Bisonfelle, Sehnen und Knochen kaufen können.


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