Das «Making-of» wäre schon ein Kinofilm

OBWALDEN ⋅ Nachts steht er in der Backstube, tagsüber hinter der Kamera als Regisseur: Am Dienstag feiert Günter Hofers «Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte» in Sarnen Premiere. Weshalb er heute vieles anders machen würde, erzählt er im Gespräch.

25. November 2016, 05:00

Eines stellt Günter Hofer (59) von den Obwaldner Filmemachern gleich zu Beginn klar: Was in den 35 Drehtagen in und um Kerns mit total 30 Beteiligten aus der Region auf die Beine gestellt wurde und ab nächster Woche in Sarnen, Altdorf, Engelberg und Meiringen im Kino läuft, ist die Arbeit von Amateuren. Mit «Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte» – die Geschichte eines Jungen, dessen Leben zeitweilig auf mehreren Ebenen aus dem Ruder läuft – hat sich der Bäcker und Regisseur aus Kerns einen Traum erfüllt. Dass seine Leidenschaft bei ihm selbst für Tränen und Leiden sorgte, ist selbstredend.

 

Gratulation!

Günter Hofer: Danke. Und zu was genau?

Sie haben es als Laienregisseur geschafft, einen fixfertigen Kinofilm in den Kasten zu bekommen. Sie müssen deswegen oft belächelt worden sein?

Ich habe nie direkt mitbekommen, dass man daran zweifelte. Im Gegenteil: Es waren eher wir, die zwischendurch an unser Limit kamen.

Was heisst das?

Wir hatten beispielsweise Mühe, Schauspieler zu finden. Bei unserem Casting konnten wir gerade mal zehn Sprechrollen besetzen, also etwa die Hälfte. Zum Glück war darunter auch Yannic Berchtold aus Engelberg. Der 16-Jährige spielt die Hauptrolle als Thomas. Zudem wurden wir noch vor unserem ersten geplanten Drehtag ins kalte Wasser geworfen: Anstatt sich mit ein paar lockeren Ausflugsszenen der Filmfamilie warm zu schiessen, ging es sofort richtig los. Und vor allem drunter und drüber. Denn für die Spitalszene konnten wir im Altersheim Huwel nur dann drehen, wenn jemand starb, sonst gab es keine freien Zimmer. Und genau so war es am Vortag.

Ans Aufgeben haben Sie nie gedacht?

Als wir die 20000 Franken in unser Full-HD-Video­equipment investiert hatten, war der «Point of no return» bereits erreicht. So gesehen: nein. Man muss aber schon überzeugt sein von seinem Projekt, sonst macht man das nicht. Gerade nach dem ersten Drehtag war für mich klar, dass es so chaotisch nicht weitergehen kann. Zwischen dem ersten und letzten Drehtag liegen Welten.

Ihre Haupterkenntnis?

Bei dem Projekt hing alles an mir. Und die anderen hatten noch weniger Ahnung als ich – mein Hauptkameramann Patrick Lussi war gerade mal 14 Jahre alt – und ich hatte nur meine Vision und meine Vorstellungen, da ich die fiktive Geschichte geschrieben habe. Organisatorisch habe ich am meisten dazugelernt. Etwa, wie es Drehtage zu organisieren gilt und wie mit Schauspielern umzugehen ist. Eine weitere Erkenntnis: Wenn man Ruhe sucht, um zu drehen, merkt man plötzlich, wie viele störende Geräusche uns umgeben. So trafen wir paradoxerweise mitten im Wald, wo es nur so von Laub wimmelt, auf einen fleissigen Laubbläser. An so etwas denkt man nie – egal wie gut man vorbereitet ist.

Und filmerisch?

Könnte ich den Film nochmals drehen, würde ich ihn ganz anders aufbauen. Das Buch war viel zu komplex für das Filmformat. Das war ein Riesenfehler. Die erste zusammengeschnittene Fassung war dann auch fünf Stunden lang, weil wir praktisch alles abfilmten und uns fragten: «Genügt das Material wohl für 90 Minuten Film?» Kürzen war so nur noch mit dem Verzicht auf ganze Handlungsstränge möglich.

Macht das den Film nun besser oder schlechter?

(lacht) Es macht ihn vor allem kürzer. Mit Tränen in den Augen habe ich bestimmte Szenen rausgeschnitten – oftmals die aufwendigeren. Der Zuschauer merkt davon aber nichts. In seiner Schlussfassung ist der Film 141 Minuten lang, das ist immer noch eine Überlänge im Vergleich zu Hollywoodstreifen.

Apropos Hollywood: Haben Sie keine Angst vor den Erwartungen des Publikums, das sich Blockbuster mit aufwendigen Effekten gewohnt ist?

Wer einen Hollywoodfilm erwartet, wird enttäuscht. Das kann ich ganz klar sagen. Auch im Filmteam gab es entsprechende Sorgen. Ich pflegte jeweils zu sagen, dass keiner von uns ein Profi ist und wir «nur» unser Bestes geben können. Wenn der Zuschauer das berücksichtigt, darf er sich auf eine schöne Kinogeschichte von leidenschaftlichen Amateuren freuen.

Was war Ihr persönliches Highlight?

Der Höhepunkt war, mit den Schauspielern zu arbeiten und zu sehen, wie sie Plausch am Projekt hatten. Ich liess ihnen die Freiheit, den Text in ihre eigene Sprache zu übersetzen. Einen Profi kann man in eine Rolle hineinpressen. Unsere Schauspieler sollten hingegen nicht künstlich spielen, sondern ihre Rolle als sich selbst ausfüllen. Ich machte damit die besten Erfahrungen.

Ihr Tiefpunkt?

Als wir nur noch drei Drehtage vor uns hatten, erfuhren wir, dass ein Schauspieler eine schwerwiegende medizinische Diagnose erhalten hatte. Das war ein Schock! Doch nicht nur menschlich war das sehr tragisch. Wir standen plötzlich ohne Filmende da. Inzwischen gilt er als geheilt, und der Schluss ist auch im Kasten. Doch in dieser Phase sind wir in ein richtiges Tief gefallen.

Woher stammt eigentlich Ihr Wunsch, zu filmen?

Ich machte früher Karate und war auch mal Schweizer Meister. In den 80er-Jahren drehte ich dann mit Kollegen einen Karatespielfilm auf Super-8, den wir in Jugendlokalen zeigten. So kam ich zum «Film».

Und zum jüngsten Werk?

Ich filme hin und wieder an Hochzeiten und Geburtstagen. Das letzte Geburtstagsprojekt war bei Kollegen so gut angekommen, dass die Idee für einen Spielfilm entstand. Das war im Oktober 2015. Einfach drauflos filmen, wie beim Karatefilm, mochte ich aber nicht mehr. So musste zuerst ein Drehbuch her. Innert 50 Tagen war dieses geschrieben. Daniel von Rotz, der sich um die Finanzen kümmert, und ich gründeten dann mit anderen Begeisterten den Verein Obwaldner Filmemacher.

Sie sprechen die Finanzen an ... Muss der Film im Kino ein Erfolg werden, oder verbuchen Sie es als Abenteuer?

Wir sind ganz klar auf Einnahmen angewiesen und möchten später auch eine DVD herausbringen. Der Film hat uns total rund 80000 Franken gekostet. Die Obwaldner Kulturkommission hat uns netterweise mit einem kleinen Beitrag unterstützt. Für uns hatte dieser vor allem symbolisches Gehalt, da wir so anderen Geldgebern glaubhaft machen konnten, dass die Kommission an uns glaubt.

Jetzt muss ich mal langsam ans Kürzen denken. Können Sie bereits ein neues Projekt ankündigen?

(lacht) Nein. Unser Ziel wäre es aber schon. Unter dem Strich ist es eigentlich erstaunlich, dass wir das alles mit einem Filmteam von fast zehn Personen auf die Beine gestellt haben. Jetzt sind wir gespannt, was das Publikum davon hält.

Hinweis

Infos zum Film und zum Spielplan: www.filmemacher-ow.ch

Interview: Christoph Riebli


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