«Den Schnee werde ich nicht vermissen!»

MELCHSEE-FRUTT ⋅ Während 35 Jahren waren Fredy und Hanny Lochmatter ausgezeichnete Gastgeber im Obwaldner Hochtal. Nun treten sie in den Ruhestand, bleiben aber mit der Frutt verbunden.

14. Oktober 2016, 05:00

Leise rieselte der Schnee am vergangenen Samstag auf Melchsee-Frutt. Die wenigen Zentimeter Schnee kündigten nicht nur den nahenden Winter an, sondern umrahmten auch den «Austrinket» im Hotel Gemsy und das Ende der langjährigen Gastrotätigkeit von Fredy und Hanny Lochmatter-Zihlmann auf der Frutt. Während 12 Jahren hatten die beiden als Geranten im Hotel Alpina gearbeitet, und von 1993 bis Ende Sommersaison 2016 führten sie als Pächter das Hotel Gemsy mit grossem Erfolg.

Winterliche Verhältnisse mit dichtem Nebel und leichtem Schneefall herrschten auch bei unserem Besuch vom Dienstag im inzwischen geschlossenen Hotel, das derzeit für die Übergabe an die neue Eigentümerin vorbereitet wird. Der bisherige Eigentümer Noldy Hess aus Sarnen hatte das «Gemsy» an die Frutt Resort AG verkauft. «Diese Handänderung», so der 62-jährige Fredy und die um zwei Jahre ältere Hanny Lochmatter, «war der Auslöser, uns nach 35 Jahren vom Gastrogewerbe zu verabschieden.» Lochmatters machen Noldy und Ruth Hess aber keinen Vorwurf, denn die Pensionierung war ungefähr in diesem Alter geplant. «Wir hatten mit unserem Verpächter stets ein ausgezeichnetes Verhältnis und konnten während 23 Jahren zu einem fairen Pachtzins arbeiten.»

Der Wunsch nach Selbstständigkeit

Fredy Lochmatter aus Sankt Niklaus bei Zermatt und Hanny Zihlmann aus Schüpfheim hatten sich 1978 in einem Walliser Hotel kennen gelernt. Fredy arbeitete dort als gelernter Kellner, Hanny, die eine Banklehre absolviert hatte, wechselte damals als Recéptionistin ins Hotelfach. Im Wallis entdeckten sie 1981 ein Zeitungsinserat, in welchem ein Gerantenpaar fürs Hotel Alpina auf Melchsee-Frutt gesucht wurde. Ende September machten sie sich auf, um Melchsee-Frutt und das Hotel Alpina kennen zu lernen. «Im Tal war es grau und trüb, und auf der Fahrt nach Melchsee-Frutt begegneten wir einer Alpabfahrt.» Und weiter erzählen sie: «Plötzlich kamen wir aus dem Nebel heraus, ein strahlend blauer Himmel und ein prächtiges Gebirgspanorama öffneten sich uns.» Da sei der Funke rasch übergesprungen, «und wir entschlossen uns, die Gerantenstelle im Hotel Alpina anzunehmen.

Nach 12 Jahren im «Alpina» hatten sie den Wunsch, selbstständig arbeiten zu können. Im «Alpina» war dies nicht möglich, sodass das Ehepaar Lochmatter 1993 das Angebot von Noldy und Ruth Hess annahm, das damals umfassend umgebaute Hotel Gemsy in Pacht zu übernehmen. Das Hotel mit seinen 44 Betten in 12 Zimmern, die Restaurants und die Terrasse verlangten vom Hotelierpaar und den bis zu acht Angestellten grossen Einsatz. Fredy Lochmatter machte sein Können als früherer Hobbykoch in der Küche zum Beruf, während Hanny neben den täglich anfallenden Gastro-Arbeiten den Büro- und Buchhaltungsbereich betreute. «Während der Winter- und Sommersaisons waren 7-Tage-Wochen normal», so Hanny Lochmatter heute. Und dann waren ja auch Sohn Stefan und Tochter Claudia da, die Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchten. Längere Freizeit und Ferien konnte sich das Ehepaar Lochmatter nur in den Zwischensaisons gönnen, in denen die Familie im Tal wohnte.

Wo waren Schweizer Investoren?

Nicht leicht fällt es Hanny Lochmatter, künftig keine Stammgäste mehr verwöhnen zu können. Zu diesem Kreis gehörten viele Familien und vor allem auch Fischer, denen im «Gemsy» eine gute Infrastruktur für die Ausübung des Hobbys und die Präparierung und Aufbewahrung der Fische zur Verfügung standen. «Das laufend verbesserte Fischereiangebot in den Seen hat die Gästefrequenzen in der Sommersaison sehr positiv beeinflusst», bilanziert Fredy Lochmatter, der selber passionierter Fischer ist.

In all den Jahren hätten sie von vielen Stammgästen Lob und Anerkennung erhalten, berichtet Hanny Lochmatter. «Diese Wertschätzung und Dankbarkeit sind uns heute beim Abschied besonders wichtig», betont sie. «Wir werden euch sehr vermissen und stets in liebevoller Erinnerung behalten», heisst es denn auch in einem Abschiedsflyer an die Gäste. Rund zwei Drittel der Gäste stammten aus der Schweiz, der Rest vor allem aus Deutschland.

In den vergangenen 35 Jahren haben die Lochmatters auf der Frutt vielfältige Entwicklungen, schöne und auch tragische Ereignisse wie den «Kurhaus»-Brand erlebt. Dass die Frutter Hotellandschaft nicht verkümmerte und «zwei wunderschöne Hotels gebaut worden sind», sei vor allem der Initiative von Toni Eberli und Toni Bucher zu verdanken, sagt Fredy Lochmatter. Und er hört es nicht gerne, wenn die hohen chinesischen Investitionen auf der Frutt kritisiert werden. «Schweizer Banken und Investoren wären höchst willkommen gewesen», blickt er zurück, «doch niemand war bereit dazu, obwohl immer wieder die grosse Bedeutung der Tourismusbranche für die Schweiz betont wird.»

Den Sommer verbringen sie auch künftig auf der Frutt

Skeptisch äussert sich Fredy Lochmatter auch zu einem allfälligen Zusammenschluss Engelberg-Titlis/Hasliberg/Melchsee-Frutt. «Pflegen wir doch unser eigenes überschaubares und schönes Gebiet und bauen es aus», wünscht er sich. Beispielsweise mit einem schmucken Hotel auf der Tannalp und einer neuen Bahn Tannalp–Bonistock, um diesen Kreis zu schliessen.

Die ersten Vorboten des Winters in den vergangenen Tagen lassen bei Lochmatters keine Sehnsucht nach einer weiteren Wintersaison auf der Frutt aufkommen. «Der Entschluss, jetzt aufzuhören, war richtig», betont Hanny, und Fredy ergänzt: «Obwohl die Wintersaisons für die Frutt ertragsmässig im Vordergrund stehen, war ich nie ein Freund des Schnees», bekennt er. «Den Schnee werde ich als Pensionierter sicher nicht vermissen.» Das Ehepaar Lochmatter wohnt künftig unten in Kerns und will vermehrt auf Reisen gehen, «aber nur in warme Regionen». Auf der Frutt haben Lochmatters in den vergangenen 35 Jahren starke Wurzeln geschlagen. So wollen sie den Sommer auch künftig in einer Ferienwohnung im Hochtal verbringen. «Dann habe ich endlich genug Zeit und Gelegenheit zum Fischen», sagt Fredy Lochmatter. Auch sonst ist der Name Lochmatter auf der Frutt präsent: Sohn Stefan führt nämlich seit 2013 zusammen mit seiner Freundin Vendula das Berggasthaus Tannalp.

Robert Hess


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