Firma tüftelt an der «Mensch-Maschine»

OBWALDEN/ZÜRICH ⋅ Exoskelette und intelligente Prothesen sind ein wachsender Markt. Maxon Motor ist auf diesen Zug aufgesprungen – mit Erfolg. Gestern kamen ihre Motoren beim weltweit ersten Cybathlon zum Einsatz.

09. Oktober 2016, 05:00

Es hat etwas von Science-Fiction: Querschnittgelähmte können dank am Körper tragbarer Roboter laufen. Sie tragen diese wie Orthesen an den Beinen, die Motoren übernehmen die Bewegung der Hüften und Knie. Armamputierte können mit ihren Gedanken ihre Prothesen steuern und komplizierte Bewegungen ausführen. Solche Beispiele konnten gestern in Zürich-Kloten Besucher des weltweit ersten Cybathlons erleben (siehe Kasten).

Mit rund 100 Mitarbeitern – darunter Techniker, Ingenieure und Firmenangehörige als Zuschauer – war auch die Maxon Motor AG dabei. Das Sachsler Unternehmen, bekannt geworden durch seine Motoren in Mars-Fahrzeugen, stellte für die Athleten in Zürich eine Werkstatt für dringende Reparaturen.

Maxon spielt in der obersten Liga mit

Die Maxon-Motoren sind im Bereich Prothetik gut vertreten: «Wir sind eigentlich überall dabei, wo etwas bewegt wird», sagt Eugen Elmiger, Geschäftsführer bei Maxon, und zählt Beispiele auf von hochkomplexen Handprothesen, die gleich 17 verschiedene Motoren für unterschiedliche Funktionen benötigen.

Allein der Bereich Medizintechnik spielt in der Gesamtproduktion von Maxon mit 45 Prozent eine gewichtige Rolle. Dazu zählt eine breite Palette von Anwendungen wie Laborautomaten, Knochenbohrmaschinen, Insulinpumpen. Motoren für Prothesen und Exoskelette machen zwar heute ein geringes, aber mittlerweile stark steigendes Segment aus. Den weltweiten Marktanteil kann Eugen Elmiger schwer abschätzen. «Dieses Gebiet ist erst am Wachsen. Es gibt aber kaum ein Exoskelett, in dem kein Produkt von Maxon drin ist. Wir sind an vorderster Front dabei.» Die Entwicklung auf dem Markt gestalte sich spannend: Allmählich kämen viele Erfindungen in Serienreife. Am Cybathlon stand gestern vor allem die Alltagstauglichkeit auf dem Prüfstand. Die Anforderungen an die Motoren, die in der Prothetik zum Einsatz kommen, sind hoch: Sie müssen ein hohes Mass an Sicherheit bieten, leise, vor allem aber so leicht wie möglich sein. Auch müssen sie sehr agil sein, um den Anwender im Extremfall schnell aus der Gefahrenzone zu bringen. Zudem brauchen sie einen hohen Wirkungsgrad, um netzunabhängig (mit Batterie) lange nutzbar zu sein.

Kosten für ein Exoskelett sind noch sehr hoch

Die Motoren funktionieren grundsätzlich wie in jedem anderen Roboter. Sie werden mit Hilfe von Kraftsensoren gesteuert. So können sie im richtigen Moment die benötigte Gegenkraft aufbringen, etwa bei Vorgängen wie dem Aufstehen. Die Anwendung von intelligenten Prothesen oder Exoskeletten – die Verschmelzung von Mensch und Technik – ist anforderungsreich und muss von den Trägern oft monatelang trainiert werden. Die Kosten für ein Exoskelett liegen derzeit noch bei rund 100 000 Franken. Angestrebt würden langfristig Preise von rund 10 000 Franken, sagt Maxon-CEO Eugen Elmiger.

Die Forschung an robotergesteuerten Prothesen für den Mensch begann Mitte der Sechzigerjahre. Noch vor rund 15 Jahren sahen die Motoren an Exoskeletten aus wie kleine Flaschen, die rechts und links der Hüften in den Raum ragten. Die 25 bis 30 Zentimeter grossen Antriebe sind bis heute auf eine Grösse von 20 bis 30 Millimeter geschrumpft – ein extremer Vorteil ist das für den Nutzer hinsichtlich des Gewichts und der Beweglichkeit.

Die Maxon Motor AG ist Sponsor des Cybathlon. «Ich fand den Event eine coole Idee», sagt Elmiger. «Da müssen wir dabei sein, das ist unsere Zukunft.» Auch sonst engagiert sich das Nidwaldner Unternehmen in der Forschung. Mit dem «Young Engineers Program» (YEP) hat es ein Unterstützungsprogramm für junge Unternehmen und Forscherteams ins Leben gerufen.

«Für mich ist das die nächste Revolution, dass Menschen mit den Robotern den Alltag bewältigen werden», bekennt Eugen Elmiger. Was wird sich bis 2050 seiner Einschätzung nach tun? «Dann bin ich fast neunzig. Exoskelette werden bis dahin in Hosen integriert sein, mit denen man auf den Pilatus laufen kann», so seine kühne Vision.

Marion Wannemachermarion.wannemacher@ obwaldnerzeitung.ch


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