Hier gibts viel Wortwitz aufs Ohr

ENGELBERG ⋅ Moderner Dichtwettstreit: Im Klosterdorf trafen sich alte und neue Gesichter der Schweizer Poetry-Slam-Szene.

25. September 2016, 20:47

 

Reimen, Dichten, Fabulieren – sechs Slam-Poeten präsentierten sich am Freitagabend im «Alpenclub» in Engelberg einem kritisch lauschenden Publikum im literarischen Wettstreit um die obligate Flasche Whisky. Frische Gesichter massen sich mit gestandenen Poetry-Haudegen innerhalb von zwei Wettkampfrunden und einem Finale. Dabei wurde an schlagfertigen Wortwitzen und pointierten Anekdoten nicht gespart. Die sechsköpfige Künstlerauswahl repräsentierte mit ihren verschiedenen Dialekten, Hintergründen und Altersklassen die tonangebende Bandbreite der Schweizer Slamszene. Dabei wurde die jeweils knapp 6 Minuten dauernde Performance mit reichhaltigen Reimen, tiefgründigen Texten und träfen Kalauern gefüllt.

«Respect the poet» – mit diesem Grundsatz wurden die zahlreich erschienenen Zuhörer zu Beginn mit einer Grundregel der Poetry-Slam-Kultur vertraut gemacht. Die Darbietung der Poeten soll nicht nur respektiert, sondern mit Applaus entlöhnt werden. Erwartungsvoll spitzte das Publikum seine Ohren für die eifrig vorgetragenen Wortspiele und das anschliessende Urteil der zufällig zusammengestellten Jury. Die Interaktion der Künstler mit dem Publikum füllte die rustikale Beiz mit einer kreativen Atmosphäre. «Diese Wortgewandtheit, in der eine Anekdote nach der anderen aneinandergereiht wird, ist beeindruckend», sagte eine begeisterte Stimme aus der Hörerschaft. Begeistert vom grossen Aufmarsch und der dichterischen Eloquenz war Reto Bugmann vom Kulturverein Engelberg. «Unser Ziel war es, die bisher eher unbekannte Poetry-Slam-Kultur nach Engelberg zu bringen», meinte der Initiant des literarischen Events mit zufriedenem Blick auf die bunt gemischte Menschenmenge. Tatsächlich schien für jede Art von Humor etwas dabei zu sein. Die Anekdoten waren aus dem Leben gegriffen: Man mokierte sich über Gesellschaftsphänomene, prangerte weitverbreitete Verhaltensmuster an oder brachte die Zuhörerschaft mit einem pointierten Schwank aus dem Alltag zum Lachen.

Whisky hilft gegen Krankheiten

Nach zwei Wettkampfrunden voller Witz und Ironie landeten drei Poeten mit den meisten Punkten im Finale: Lisa Brunner, Jonas Balmer, U-20-Meister im deutschsprachigen Raum, sowie Remo Zumstein, aktueller Schweizer Meister. Letzterer wurde schliesslich vom Publikum zum Gewinner gekürt und durfte den wohlverdienten ersten Schluck aus der Whiskyflasche geniessen, bevor diese nach alter Tradition die Runde unter den anderen Teilnehmern machte. Gerüchten zufolge soll der hochprozentige Whisky die Übertragung von Krankheiten verhindern, was bei anfänglichen ­Poetry-Slam-Events in den Achtzigerjahren in Chicago ein ernsthaftes Problem gewesen sei.

Von Chicago aus verbreitete sich die Veranstaltungsform in den Neunzigern weltweit. Heute gilt die deutschsprachige Slam-Szene nach der englischsprachigen als die zweitgrösste der Welt.

Gewinner überrascht sich selbst

Remo Zumstein zeigte sich überrascht über seinen Sieg: «Mit zwei neuen Texten auftretend, wusste ich nicht, wie die Reaktion der Zuschauer ausfallen würde. Umso grösser ist nun die Überraschung über den Erfolg.» Das Wichtigste sei, sich vollständig in die Dynamik des Textes einzubringen, um die Begeisterung auf das Publikum übertragen zu können, erklärt der hauptberufliche Slam-Poet. «Literatur soll lebendig sein und auch genauso ausdrucksvoll vorgetragen werden.»

Anna Burchredaktion@obwaldnerzeitung.ch


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: