IV-Betrug: Verurteilter gibt sich nicht geschlagen

OBWALDEN ⋅ Ein entlarvter Invalide hat über eine halbe Million Versicherungsgelder kassiert – laut Kantonsgericht zu Unrecht. Der Verurteilte zieht den Fall nun weiter.

02. Dezember 2016, 05:00

«Die Kurzbegründung des Kantonsgerichtes überzeugt mich nicht», sagt Pflichtverteidiger Michael Häfliger. Deshalb zieht er das Urteil gegen seinen Mandanten, einen 58-jährigen Serben, der seit 32 Jahren in Ob­walden wohnhaft ist, ans Obergericht weiter. Die Vorinstanz hatte diesem wegen Versicherungsbetrug eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten aufgebrummt, bedingt auf drei Jahre (Ausgabe vom 23. November).

Zum Fall: Der Serbe war 2000 in eine harmlose Auffahrkollision verwickelt, bei der niemand verletzt wurde. Trotzdem ging er am anderen Tag zum Hausarzt und machte körperliche und psychische Beschwerden infolge eines Schleudertraumas geltend. Die Ärzte eruierten objektiv keine Befunde, höchstens psychosomatische Symptome. Der Serbe behauptete aber weiterhin, er habe seither Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich, könne nicht lange sitzen, sei müde, lärmempfindlich und leide an Schwindel, Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche. Irgendwann erhielt er von der IV-Stelle Obwalden eine volle Rente sowie Zahlungen der Mobiliar-Versicherung.

Staatsanwaltschaft ist mit Urteil zufrieden

Da die Mobiliar aber an seiner Invalidität zweifelte, liess sie ihn von einem Detektiv observieren. Dieser fand keinerlei Hinweise auf körperliche oder psychische Beschwerden. Dennoch forderte der Anwalt des Serben an der Gerichtsverhandlung einen Freispruch. Bereits in seinem Plädoyer wies er jede Schuld seines Mandanten ab. «Es gab für ihn keinen Grund für eine Flucht in die Sozialversicherung.» Dies hätte nicht nur seinem Stolz, sondern seiner ambitionierten Art diametral widersprochen, begründete der Verteidiger. Ein männliches Familienoberhaupt gerade aus Serbien versuche nicht als Schwächling oder gar als Versager dazustehen. Weiter sagte der Verteidiger: «In seinem Kulturkreis sind Ehre und Integrität grossgeschrieben.» Bereits jetzt drohe seine Familie wegen dieses Strafverfahrens auseinanderzubrechen. Die beiden Töchter hätten sich bereits von ihrem Vater abgewandt.

Zufrieden mit dem Urteil ist Oberstaatsanwältin Esther Omlin. «Ich werde das Urteil nicht weiterziehen», sagt sie auf Anfrage unserer Zeitung, selbst wenn sie eine Busse von 5000 Franken gefordert hatte. Das Kantonsgericht hatte darauf verzichtet. Auch sind ihm nur ein Teil der Verfahrenskosten und das Honorar des Verteidigers dem Staat auferlegt worden. «Mit höheren Kosten hätte sich der Täter zumindest eingestehen müssen, dass sich ein solches Verbrechen nicht lohnt», so Esther Omlin.

Nun wird sich zeigen, zu welchem Schluss das Obergericht kommt. Zum selben wie die Vorinstanz? Oder vermindert oder verschärft es gar das Urteil?

Kurt Liembd


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