«Nichts ist so lernfähig wie unser Gehirn»

OBWALDEN ⋅ «Beim Lernen passiert immer noch mehr, als das, was man gerade wahrnimmt», sagte Bildungsdirektor Franz Enderli zur Eröffnung des Bildungstags 2017. Und genau diese Erfahrung machten über 600 Lehrpersonen theoretisch und praktisch.
18. März 2017, 09:58

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

«Der Bildungstag ist wirklich eine einmalige Gelegenheit für den Bildungsdirektor, er hat die gesamte Lehrerschaft von der Volksschule, Kantonsschule, Berufsschule, Stiftsschule, Sportmittelschule und auch Privatschulen vor sich», freute sich Landammann Franz Enderli. Schön, dass so etwas über Stufen und Schulhäuser hinweg in Obwalden noch möglich sei, eine einmalige Chance, die es zu nutzen gelte. Unter dem Tagungs­titel «Die andere ‹Saite› des Lernens» wolle man für einmal eben auch die sonst eher verborgenen Aspekte des Lernens aufklingen ­lassen. So ein bisschen nach dem Motto von Erich Kästner: «Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen sollen büffeln.»

Auch das Gehirn muss erst reifen

Praktisch einig waren sich die 600 ansonsten sehr verschiedenen Lehrpersonen in der Obwaldner Kantonsschul-Aula in einer Beurteilung: Ein Höhepunkt dieses Bildungstags war zweifellos das Eingangsreferat des Zürcher Uni-Professors und Hirnforschers Lutz Jäncke unter dem Titel «Vom Hirn zum Lernen». In brillanter Rhetorik ­beschrieb er das menschliche ­Gehirn als faszinierendes Organ: Es bestehe aus tausend Milliarden Nervenzellen und sei im menschlichen Körper ein wahrer Energievampir. «Und dieses einzigartige Netzwerk modulieren wir anhand unserer eigenen individuellen Erfahrungen selber, von Minute zu Minute, von Jahr zu Jahr», eröffnete Jäncke.

In der Anpassungsfähigkeit des Gehirns befinde sich auch die Grundlage des alltäglichen Lernens. Nur: Auch das Gehirn benötige seine Zeit für den Reifungsprozess. Brauche Jahre, um in den erwachsenen Zustand zu gelangen. Gerade deswegen müssten Lehrpersonen Kinder anders behandeln als Erwachsene. Vor allem eben in der Pubertät, wo Kontrollfähigkeit, Emotionalität, Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin noch nicht aus­gereift seien. Und dann erteilte Jäncke, der eigentlich in seinem Vortrag den Mahnfinger nicht erheben wollte, den Anwesenden doch einen Ratschlag: «Bleiben Sie entspannter mit pubertierenden Kindern. Die werden Ihnen, wenn sie älter sind, ähnlicher als Ihnen lieb ist.» Schallendes Gelächter und viel Applaus, weil doch alle wussten, wovon er da sprach.

Mit Kreativität Konflikte lösen

Die Obwaldner Lehrpersonen hatten an diesem Bildungstag «echt» die «Qual der Wahl». Zwischen nicht weniger als 15 Workshops mit lauter überaus kreativen Ansätzen für ihren eigenen Unterricht konnten sie wählen. Nur zwei Beispiele: Unter dem Titel «Konflikten eine Bühne geben» zeigten der Schulmediator Andreas Hausheer und die Theaterpädagogin Murielle Jenni, wie man im Unterricht ­sozusagen «spielend» Streitigkeiten klären könnte. Mit lebenden und stehenden Szenen lernten die Teilnehmer, Konflikte zu thematisieren. Dina Mazzotti rief den Teilnehmern in ihrem Workshop zu: «Seid mal kreativ!» Doch: Auf Befehl kreativ sein, kann man das? Von Kindern verlange man dies oft genug im Unterricht, meinte Mazzotti. Und sie zeigte eine ganze Reihe kreativfördernde Techniken auf, die weit über Brainstorming und Mindmap hinausgehen. Die Teilnehmer wurden selber kreativ, staunten und schmunzelten über das, was in ihnen steckt.

 

Das sagen Lehrer nach dem Bildungstag

Unterstufenlehrerin Livia Oberholzer: «Konflikte gehe ich künftig anders an»
Unterstufenlehrerin Livia Oberholzer aus Kerns nimmt aus dem Atelier «Konflikten eine Bühne geben» neue Erkenntnisse mit. Sie sagt: «In unserem Job tauchen Konflikte eigentlich täglich auf, und doch gibt es kein Rezept, wie man damit umgehen soll. Dieses Atelier zeigte mir eine Methode, wie ich Konflikte anders angehen kann: indem man sie szenisch darstellt, nachspielt und dann von aussen betrachtet. Oft kommt dabei heraus, dass etwas gar nicht so ist, wie man erst dachte.»

Françoise Lardon vom Brückenangebot der Berufsschule: «Beim Vorbereiten werde ich daran denken»
Vom Bildungstag habe sie viel profitiert, sagt Françoise Lardon vom Brückenangebot der Berufsschule: «Mir ist in Erinnerung gerufen worden, wie wichtig das Gehirn ist und wie man am besten unterrichtet. Im Atelier ‹Nun seid mal kreativ› habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht einfach ist, auf Knopfdruck kreativ zu sein. Was ich an einer solchen Tagung höre, regt mich zu Neuem an. Und dann nehme ich mir vor, das nächste Mal, wenn ich vorbereite, an all die Sachen zu denken.»

Kantonsschul-Musiklehrer Daniel Mattmann: «Ich erhielt anderen Blick auf die Schüler»
Kantonsschul-Musiklehrer Daniel Mattmann erklärt: «Höchst spannend war das Referat von Hirnforscher Lutz Jäncke. Er eröffnete mir einen andern Blick auf Schüler. So hörte ich, dass gewisse Dispositionen, die wir als Lehrpersonen bei Schülern erwarten, in der Entwicklung des Gehirns erst am Anfang des Erwachsenseins angelegt werden. Solche Zusammenhänge einmal nicht aus pädagogischer, sondern aus der Sicht der Gehirnforschung zu betrachten, fand ich bereichernd.»

Orientierungsstufenlehrer Berti Kübler: «Am Montag werde ich die Schüler verblüffen»
Der Lungerer Berti Kübler, an der Orientierungsstufe und in der Schulleitung tätig, erzählt begeistert: «Im Atelier ‹Mit Zauberkunst die Mathematik zum Klingen bringen› zeigte uns der Leiter Tricks mit Karten und Zahlen, die alle auf mathematischen Erkenntnissen wie Arithmetik, Primzahlen, Wahrscheinlichkeitsberechnung oder Kombinatorik basieren. Wir wären im ersten Moment nie auf die Lösungen gekommen. Am Montag werde ich mit meinem neuen Wissen Schüler verblüffen.»


Leserkommentare

Anzeige: