Obwaldner Auswanderer: Seilbahnen sind sein Leben

KALIFORNIEN/OBWALDEN ⋅ Er zog vor 55 Jahren des Verdienstes wegen in die USA. Vom Melker arbeitete sich Gerold Burch zum technischen Direktor eines der grössten Skigebiete in Amerika empor. Wir trafen ihn auf Heimatbesuch.
22. Dezember 2017, 05:02

Markus von Rotz

markus.vonrotz@obwaldnerzeitung.ch

Auf dem elterlichen Hof in Giswil gab es zu wenig Auskommen für alle Nachfahren. So entschied sich Gerold Burch mit 22 Jahren für einen mehrmonatigen Aufenthalt in Kalifornien. Und bezahlte damals für den Flug heute unvorstellbare 2140 Franken. Obwohl er «viel Heimweh» hatte, wie er sich heute noch erinnert, sind aus den paar Monaten mittlerweile 55 Jahre geworden. Sein Onkel Gusti hatte ihm damals das Visum für die USA beschafft – ein Geschäftsmann, zu dem er bei dessen Heimatbesuchen emporschaute – einer, der aus dem Nichts in den schwierigen Dreissigerjahren eine riesige Farm mit Früchten aufgebaut hatte.

Seine erste Stelle fand Burch als Melker 80 Kilometer nördlich von San Francisco auf einer Farm mit über 1100 Stück Rindvieh. Durch Kontakte in Schwingerkreisen fand er später eine Anstellung bei der Fleischverwertungsfirma des Alpnachers Frank Halter in Sacramento.

Kürzlich war Burch wieder in seiner alten Heimat. Wir trafen ihn, einen zugänglichen Unternehmer mit Bodenhaftung, bei seinem Freund Erich Amstad im «Bellevue» in Seelisberg, den er Leberli mit Rösti servieren liess. Burch ist jedes Jahr wieder mal in der Schweiz. «Wenn ich heimkomme, bin ich zu Hause in Giswil. Dann möchte ich nicht im Hotel aus dem Koffer leben.»

Liebe auf den ersten Blick an einem Schweizerfest

An einem Schweizerfest 1965 in Squaw Valley, Olympia-Stadt von 1960, zog es dem jungen Obwaldner den Ärmel rein: Er tat sich mit einem anderen Schweizer und zwei Schweden zusammen, um ins Seilbahngeschäft einzusteigen. Nach der Montage von drei Sesselbahnen auf fast 3000 Metern Höhe im Herbst/Winter war das Thema Farm für ihn abgeschlossen. Das Bahnfieber hatte ihn trotz der teils garstigen Bedingungen definitiv gepackt. Er baute mit seiner Frau eine Konstruktionsfirma auf, stellte als Generalunternehmer eine Bahn nach der anderen auf. «Total war ich an 168 Bahnprojekten beteiligt, oft von der ersten Vermessung bis zur Montage der elektrischen Anlagen und der schlüsselfertigen Abnahme.» Skilifte, Bahnen, Seilparks und zwei Monorails in der Stadt Las Vegas wurden sein Metier.

«Superfaire Geschäftsleute»

Von der Zusammenarbeit mit den Amerikanern schwärmt er: «Ich wurde nie reingelegt. Wenn man ein gutes Produkt bringt, sind sie sehr loyal und machen Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Amerikaner sind superfaire Geschäftsleute», schwärmt er. Lob hat er auch für seine zeitweise über 50 «hoch motivierten» Angestellten übrig. «Ich habe vor allem mit älteren Fachleuten sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie kosteten zwar etwas mehr, aber sie hielten den Grundsatz hoch, dass der Kunde König ist.» In Amerika müsse man verlässlich offerieren. «100 Dollar sind nicht 101 Dollar. Kostete eine Anlage mehr als offeriert, interessierten die Gründe niemanden.» Letztlich habe man eine Lizenz und die Abmachungen einzuhalten. «Ich hatte Vorarbeiter, die 30 bis 40 Jahre für mich gearbeitet haben, ich habe auch einige über 60 angestellt.» Qualität und Schweizer Pünktlichkeit waren für ihn wichtig: «Wir haben von mir gebaute Bahnen immer zwei Wochen vor dem Abgabetermin selber intern durchgetestet, da durfte keine Schraube mehr locker sein.» Produzenten wie Garaventa, Doppelmayr, von Roll und Poma wurden für ihn zu wichtigen Partnern.

Ab 1974 war er nicht nur Bahnbauer, sondern auch -betreiber: Er übernahm die Leitung des Heavenly-Valley-Skigebietes, mit 36 Quadratkilometern damals das grösste der USA, und damit die Verantwortung über 50 Angestellte, 31 Bahnen und Skilifte. Das Gebiet ist Teil der Vail Group Ski Corporation mit 15 Skigebieten, Sportgeschäften, Restaurants, 1700 Mitarbeitern, davon alleine 380 Skilehrer und Pistenkontrolleure. Die Leitung des Gebiets am Lake Tahoe im Grenzgebiet von Kalifornien und Nevada gab er vor einem Jahr ab.

Zwischen Sedrun und Stoos auf Achse

Geblieben ist die Faszination für Bahnen. Bei Besuchen in der Heimat ist er laufend zwischen Stoos, Sedrun, Andermatt oder im nahen Ausland unterwegs. «Ich kann nicht anders, Technik fasziniert mich.» Er will à jour bleiben, wissen, was die Franzosen machen, wie man neue Produkte entwickeln kann, im Wissen, dass das Rad nicht neu erfunden werden kann. Von der neuen Stoos-Bahn ist er besonders fasziniert. «Ich bin Unternehmer im Unruhestand», sagt der 77-Jährige selber von sich. Auch wenn er keine Bahnen mehr selber baut. Heute profitiert er davon, dass er mit 30 Jahren in den USA Ski fahren lernte, ein Hobby, das er leidenschaftlich ausübt – auch wenn es aktuell in «seinem» Skigebiet wegen zu wenig Schnee «e Chrampf» sei. Auch auf dem Mountainbike ist er viel unterwegs.

Strengere Auflagen als in der Schweiz

Gerold Burch – von den Amerikanern liebevoll Gary «Böörtsch» ausgesprochen – sagt, er habe «viele Seminare in der Schweiz und in Europa besucht. In unserem Business kann man nicht stillstehen.» Auch in Sachen Sicherheit: Die Auflagen und Kontrollen seien in Amerika eher strenger als in der Schweiz. Auch die Forstingenieure schauten ihm auf die Finger, damit ja kein Wasser Erosionen verursache. Rodungen mussten mit Aufforstungen kompensiert werden. «Für Erdbewegungen auf der Skipiste war es schwierig, eine Bewilligung zu erhalten. Wir durften keinen Baum fällen, ohne dass der Förster sein Ja dazu gab.»

Burch ist in den USA längstens angekommen. Er präsidiert den Sierra Swiss Club mit 120 Mitgliedern. Er sagt, er kenne zwischen San Diego und British Columbia an die 3000 Schweizer. Sehr gerne trifft er diese etwa an Schwingfesten. «Es ging mir immer gut in Amerika, weil die Amerikaner auch immer sehr gut mit mir waren», sagt Burch, immer noch in perfektem Obwaldner Dialekt. Dafür sagt er «tree» (für drei) statt «three», wenn er auf Amerikanisch eine Telefonnummer durchgibt.

Das grosse Seilbahn-Quiz


Frage 1 von 22:

Wie heisst ist die erste rotierende Luftseilbahn der Welt?


Video: Gary Burch - 40 Years at Heavenly

Ein Film über das Schaffen und Wirken von Gerold Burch im Heavenly Valley: (youtube.com, 22.12.2017)




Leserkommentare

Anzeige: