«Rückblickend gesehen sind wir vor allem dankbar»

OBWALDEN ⋅ Die Benediktiner in Sarnen feiern zwei grosse Jubiläen. Abt Benno Malfèr wirft einen Blick in die Zukunft und verrät, was er während langer Autofahrten am liebsten tut.

15. Oktober 2016, 05:00

Kommenden Samstag werden gleich zwei Jubiläen gefeiert. Auf den Tag genau vor 50 Jahren wurde die Sarner Kollegikirche, eine der bedeutendsten modernen Sakralbauten der Schweiz, eingeweiht. Und vor 175 Jahren übernahm der Konvent des Klosters Muri den Unterricht an der kantonalen Lehranstalt in Sarnen. An den Feierlichkeiten nimmt auch Benno Malfèr (70) teil. Er wirkt seit 25 Jahren als Abt des Klosters Muri-Gries. Wir haben ihn vorgängig in Sarnen zu einem Gespräch getroffen.

 

Benno Malfèr: Sie sind Abt des Kloster Muri-Gries in Bozen – also in Italien. Wohnen Sie auch dort?

Der Hauptsitz des Klosters Muri-Gries befindet sich in Bozen, und auch ich als Abt habe dort meinen Wohnsitz. Der Abt trägt die Verantwortung über das ganze Kloster und damit auch über die Beziehungen zwischen den Standorten, an denen die Mitbrüder tätig sind. Es war immer auch eine Aufgabe der Äbte, diese Einheit der Gemeinschaft zu bewahren und zu fördern. Die verschiedenen Standorte sind historisch gewachsen und bilden eine Gemeinschaft, auch wenn sie geografisch ziemlich weit auseinanderliegen.

Wie oft sind Sie in Sarnen zu Besuch?

Im Schnitt bin ich etwa eine Woche pro Monat in der Schweiz, abwechselnd in Sarnen und Muri und im Benediktinerinnenkloster Hermetschwil. Die Zeit ist jeweils leider sehr knapp bemessen, sodass für weitere Ausflüge und Musse wenig Zeit bleibt.

Die Fahrt von Bozen nach Sarnen dauert über fünf Stunden. Fahren Sie diese immer selbst?

Ja, ich habe ein Auto. Mein zweiter Job ist es also, Chauffeur des Abtes zu sein (schmunzelt). Die Strecke führt über Österreich und Lichtenstein.

Was macht ein Abt, wenn er mal im Stau steht?

Dann steht er halt im Stau wie alle anderen auch. Die Zeit im Auto ist für mich nicht verlorene Zeit, sondern bietet auch Gelegenheit zum Nachdenken. Es ist Zeit, die mir gehört. Eine grosse Errungenschaft sind für mich Hörbücher – so kann ich im Auto Literatur geniessen.

Sind die häufigen Ortswechsel eher eine Bürde oder eine willkommene Abwechslung?

Weder noch. Es ist einfach ein Teil meines Verantwortungsbereichs. Ich bin dankbar dafür, dass ich mich immer schnell dort zu Hause fühle, wo ich etwas zu tun habe.

Was tun Sie, wenn Sie sich in einer der Aussenstationen aufhalten? Sind da administrative Pflichten oder spirituelle Aufgaben zu erfüllen?

Grundsätzlich trägt der Abt die Gesamtverantwortung für die Gemeinschaft. Das geschieht einerseits «nach innen» – dazu gehören auch seelsorgerische Aufgaben. Er schaut dafür, dass die Klostergemeinschaft auf dem richtigen Weg bleibt. Anderseits geht es darum, das Kloster nach aussen zu vertreten und den Kontakt zum Umfeld zu pflegen – etwa zum Kanton, zu den Gemeinden und Pfarreien. Auch bei besonderen Anlässen und Jubiläen ist der Abt dabei – so zum Beispiel am 22. Oktober in Sarnen.

Ganz einfach gefragt: Was unterscheidet die Benediktiner von anderen Ordensgemeinschaften?

Die Frage ist etwas komplexer, als sie scheint. Es gibt ja verschiedene mögliche Formen der geistlichen Gemeinschaftsbildung – das Leben als Benediktiner ist eine mögliche Form. Die Benediktiner gehören zum monastischen Teil der alten Klöster und leben nach den Regeln des heiligen Benedikt. Ein Merkmal ist, dass jede Gemeinschaft autonom sein soll und für sich die Verantwortung trägt. Zu unterscheiden von monastischen Gemeinschaften sind Ordensgemeinschaften, die eine klar festgelegte Zweckbestimmung haben – zum Beispiel die Dominikaner als Predigerorden oder die Mercedarier, deren Ziel es war, in Sklaverei gelangte Christen wieder freizukaufen. Die Benediktiner haben keine solche spezielle Bestimmung – was aber nicht ausschliesst, dass sie etwas für ihre Mitmenschen tun. So stehen die Benediktiner oft in der Tradition der Bildung und der Schulen – wie das früher in Muri und später in Sarnen der Fall war und heute in Obwalden noch in Engelberg.

1841 übernahmen Benediktiner den Unterricht am Kollegi in Sarnen. 175 Jahre später ist die Kantonsschule völlig abgenabelt von ihnen. Blickt man da als Abt manchmal wehmütig zurück auf die alten Zeiten?

Einige Mitbrüder sind ihr ganzes Leben lang in der Schule tätig gewesen und haben ihre Kräfte der Schule zur Verfügung gestellt. Es ist verständlich, dass es für sie nicht leicht war, mitzuerleben, wie sich die Benediktiner aus der Kantonsschule zurückgezogen haben. Aus einer grösseren Distanz betrachtet muss man aber feststellen: Die Entwicklungen in der Bildungslandschaft liessen es einfach nicht mehr zu, dass wir im Auftrag des Kantons eine Schule führen. Auch die heutigen Anforderungen an einen Lehrer sind anders als früher. Und sicher war der Rückzug aus dem Schulbetrieb auch eine Folge der personellen Entwicklung im Kloster. Unsere Gemeinschaft wurde immer kleiner. Deshalb haben wir die Führung der Kantonsschule 1974 an den Kanton zurückgegeben. Nicht vergessen darf man: Die Benediktiner von Muri-Gries haben das Kollegium in Sarnen nicht gegründet und auch nicht eigenständig, sondern im Auftrag des Kantons geführt. Anders ist dies beispielsweise in Engelberg: Hier gehört die Schule seit jeher dem Kloster und wird auch vom Kloster geführt.

Im Sarner Professorenheim leben gerade mal noch sechs Benediktiner. Stand ein Abschied aus Obwalden und ein Umzug nach Bozen nie zur Diskussion?

Die Gemeinschaft in Sarnen ist klein geworden, keine Frage. Aber es sind Mitbrüder, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Ein Umzug der Gemeinschaft nach Bozen würde bedeuten, die Mitbrüder zu entwurzeln. Auch administrativ wäre es nicht einfach, weil es sich nicht um einen Umzug innerhalb der Schweiz, sondern nach Italien handeln würde. Deshalb ist das keine Option.

Und was passiert in den kommenden Jahren mit dem Benediktinerkollegium in Sarnen?

Die Zukunft einer Klostergemeinschaft ist nur sehr begrenzt voraussehbar. Aber aus heutiger Sicht muss man einsehen, dass die Gemeinschaft in Sarnen wohl bald enden wird. Wann das sein wird, können wir noch nicht sagen. Bereits jetzt stellen wir gemeinsam mit dem Kanton Überlegungen an, wie unsere Gebäude später genutzt werden können – dies betrifft vor allem das Professorenheim. Rückblickend gesehen sind wir vor allem dankbar. Wir hatten hier in Sarnen über lange Zeit hinweg die Möglichkeit, sinnvoll zu wirken.

Gefeiert wird auch das 50-Jahr-Jubiläum der Kollegikirche. Wie sieht deren Zukunft aus?

Hier sehe ich die grösste Herausforderung. Die Kirche wurde als Schulkirche der Benediktiner gebaut. Ursprüngliche Absicht war, dass hier die Klostergemeinschaft zusammen mit der Schulgemeinschaft Gottesdienste feiert. Was passiert damit, wenn hier keine religiöse Gemeinschaft mehr lebt, die diese Kirche täglich als Gottesraum nutzt? In der Absichtserklärung mit dem Kanton haben wir festgehalten, dass auch für die weitere Nutzung der Kirche eine Lösung gefunden werden muss.

Immer wieder wird die schwindende Zahl der Patres thematisiert: «Wie viele von euch gibt es eigentlich noch? Wie lange könnt ihr noch überleben?» Sind Sie dieser Fragen manchmal etwas überdrüssig?

Ja, manchmal haben diese Fragen zur Zukunft der Klöster und diese Fixierung auf die Anzahl der Mönche etwas Mühsames an sich. Denn sie blenden den wichtigsten Teil des Lebens aus – die Gegenwart. Beispiel: Heute in der Früh haben wir in dieser kleinen Gemeinschaft in Sarnen den Gottesdienst gefeiert. Braucht es zur Rechtfertigung dafür den Nachweis, dass dies in 100 Jahren auch noch so sein wird? Wenn zwei Personen sich lieben, dann hat diese Liebe jetzt einen Sinn, ungeachtet der Frage, ob sie das in zehn Jahren auch noch können. Was wir jetzt tun, wird nicht dadurch entwertet, dass es später einmal aufhören wird.

Interview: Adrian Venetz


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