Sie schnitzen 16 Meter unter der Gletscheroberfläche

SACHSELN ⋅ Arbeiten im ewigen Eis. Dieser Traum erfüllte sich für die beiden Obwaldner Bildhauer Toni Steininger und Reto Odermatt in der Eisgrotte Zermatt.

05. Oktober 2016, 05:00

Marion Wannemacher

Funkelnde Eiskristalle und pastellfarben beleuchtete Eiswelten. Gletschergrotten haben einen eigenen bizarren Charme. Fast ihr halbes Leben haben sich die beiden Bildhauer Toni Steininger aus Sachseln und Reto Odermatt aus Flüeli-Ranft vom Eis bezaubern lassen. Jetzt ging für sie ein Traum in Erfüllung. Die Zermatt Bergbahnen AG fragte Eiskünstler Steininger an, den Gletscherpalast mit bis zu 300 Quadratmetern Fläche auf dem Klein-Matterhorn neu zu gestalten. Der 46-Jährige holte seinen Kollegen Reto Odermatt ins Boot.

Von Juni bis September überarbeiteten die beiden in fünf Etappen vorhandene Skulpturen und realisierten neue eigene. Eine Arbeit im ewigen Eis, 16 Meter unter der Gletscheroberfläche – fast 4000 Meter über dem Meeresspiegel. «Das Gletschereis ist Hunderte, Tausende von Jahren alt, da ist eine Geschichte dahinter», schwärmt Toni Steininger. «Allein die Maserung ist hochinteressant», ergänzt Reto Odermatt. Im Eis würden die Zeitalter so sichtbar wie bei den Jahresringen eines Baumstamms.

Besucher stellten immer dieselben Fragen

Genauso fasziniert wie die beiden Bildhauer vom Schaffen mit Eis waren die Besucherinnen und Besucher der Grotte. «Es kamen immer wieder dieselben Fragen», erzählt der gebürtige Brienzer: «Wie lange arbeitet ihr daran, wie kalt ist es hier, macht euch das Arbeiten in der Kälte nichts?» Nicht die Kälte habe ihnen zu schaffen gemacht, erklären beide. «In der Grotte sind es konstant minus vier Grad.» Eher die Höhen-meter und die Temperaturschwankungen machten sich bemerkbar. Das Krasseste was beide erlebten, war eine Heimfahrt von Zermatt nach Obwalden. In Visp zeigte das Aussenthermometer des Autos 34 Grad an. Wie müde man sei, merke man häufig erst abends im Tal. «Auf 4000 Meter Höhe atmest du schwerer», erklären sie. Und die Finger in den Gummihandschuhen werden nass und klamm.

Die Eisskulpturen der Bildhauer richten sich zum Teil nach Kundenwünschen. So meisselten sie für den Sponsoren ein originalgrosses Audi-Modell in Eis und auf Wunsch des Tourismusvereins einen chinesischen Drachen. Dieser bewacht einen Stein, den Delegierte aus der chinesischen Partnerstadt Lijang als Geschenk nach Zermatt mitgebracht hatten.

Im Atelier von Reto Odermatt entstand das Modell für ein typisches Walliser Sujet: die Ehringer Kuhkämpfe. Dazu brauchten die beiden fünf Tonnen künstliches Eis. Dieses wird vor Ort in Blöcken von je einem Meter mal 50 mal 25 Zentimeter hergestellt und mit Wasser «verleimt». Das Wasser ist während des Gefrierprozesses ständig in Bewegung, damit es klar gefriert. Beim Arbeiten an den Kühen lagen die Künstler zum Teil unter einer Tonne Eis. «Das ist schon speziell», gibt Reto Odermatt zu. Angst, dass die Skulptur über ihm zusammenbreche, habe er aber nie gehabt.

Eisschnitzen in Houston gelernt

Die beiden Künstler haben das Eisschnitzen unabhängig voneinander bei Reto Odermatts Onkel in Houston, Texas, während eines eineinhalbjährigen Aufenthalts gelernt. Odermatt absolvierte nach einer Lehre als Koch in der Brienzer Schnitzerschule seine Ausbildung zum Bildhauer. Toni Steiniger kam nach seiner Bildhauerausbildung in Brienz nach Houston. Vom Eis war er derart fasziniert, dass er mit dem Gedanken spielte, dorthin auszuwandern. Doch stattdessen betrieb Steininger hier eine eigene Firma, die sich mit Kochartistik befasste. Dort konnten Gastronomie-Betriebe Eis-, Schoggi- und Butterskulpturen, Schnitzkunst aus Gemüse und Früchten bestellen und ihre Köche weiterbilden lassen. Mittlerweile arbeitet er in der Kältetechnikbranche, hauptsächlich mit Eis, zu einem kleinen Teil als Bildhauer und Gestalter. Der Auftrag in Zermatt kam wie gerufen. «Wir werden allmählich das ganze Konzept überarbeiten und rechnen damit, dass wir in fünf Jahren nur noch eigene Skulpturen präsentieren», sagen beide. Im nächsten April geht es weiter.


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