Sie wurde zur Baumeisterin wider Willen

OBWALDEN ⋅ Nach fast zehn Jahren als Geschäftsleiterin der Stiftung Rütimattli in Sachseln geht Gerda Lustenberger in Pension. Sie hat vieles bewegt. Und: Die 63-Jährige empfand ihre Arbeit vor allem als bereichernd.

17. Oktober 2016, 05:00

Es ist Freitag: Vor der Gärtnerei der Stiftung Rütimattli leuchten in den Harassen knackige Äpfel in kräftigem Rot. Auf dem Parkplatz steht ein Karussell. Alles ist parat zum Erntefest. Das Bild könnte treffender nicht sein für die Situation von Gerda Lustenberger, Geschäftsleiterin der Institution. Mit 63 Jahren geht sie in Pension. Viel hat sie erreicht in ihrer Zeit: Planung, Umbau und Sanierung der Wohnhäuser wurden in Angriff genommen und sind Etappe um Etappe bei laufendem Betrieb realisiert worden. 2013 wurden das erste Wohnhaus und das Therapiebad eingeweiht, in einigen Monaten wird das letzte Wohnhaus fertig.

Als letztes Bauprojekt hat Gerda Lustenberger den Umbau der Holzwerkstatt in Angriff genommen. Diese muss aus der Industriestrasse raus und kommt in der Industriehalle der Imfeld AG vis-à-vis der Sika unter. Die Halle wird auf einer Fläche von 850 Quadratmetern umgebaut und ist im Dezember bezugsbereit. Baubeginn war im Juli. «Wir sind sehr sportlich», sagt die gebürtige Bündnerin nicht ohne Stolz und bekennt: Wenn ihr vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass sie einst bauen würde, hätte sie als Pädagogin Nein gesagt. Im Nachhinein betrachtet empfindet sie es als «Privileg».

Behinderte sind direkt, «das ist herrlich»

Zu ihrer Bewerbung als Geschäftsleiterin musste sie damals erst ermuntert werden. Die «Institution» Oskar Stockmann, aus dessen Händen sie den Betrieb nach 40 Jahren Leitung übernahm, flösste ihr «hohen Respekt» ein, wie sie sagt. Aufgewachsen ist Gerda Lustenberger in Davos, nach ihrer Schulzeit besuchte sie das Lehrerseminar in Chur, studierte Psychologie, Pädagogik und Zivilrecht in Zürich, wo sie ihren späteren Mann kennen lernte, der in Obwalden die Eltern- und Jugendberatungsstelle aufbaute. Zwölf Jahre blieb die vierfache Mutter daheim, stieg dann in die Politik ein, zunächst als Schulrätin, später als Sarner SP-Kantonsrätin. Im Departement für Bildung und Kultur Luzern leitete sie Entwicklungs- und Reorganisationsprojekte, vier Jahre führte sie die Fachstelle für Schulberatung des Kantons Luzern.

Arbeit half ihr über Verlust hinweg

Die Arbeit im Rütimattli empfindet sie vor allem als Bereicherung: «Ich finde die Vielfalt der Stiftung total lässig, die pädagogischen Fragestellungen, die psychologischen, politischen und handwerklichen – die ganze Palette.» Dazu gehörte das Erarbeiten von Konzepten, die Reorganisation in einzelnen Abteilungen. Neu für sie war der Kontakt mit Menschen mit Behinderung. «Es ist spannend, mit ihnen zusammenzuarbeiten, denn sie sind direkt, das ist herrlich.»

Aus ihrer Sicht gelungen ist ihr der Aufbau einer guten personellen Struktur mit zufriedenen Mitarbeitern. Deren Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren von 170 auf 210 angewachsen. 2006 nutzten noch 250 Menschen mit Behinderungen das Angebot, heute sind es 300. Alle 56 Wohnplätze sind vergeben. Aktuell zählen die Werkstätten 170 Beschäftigte, über 90 Prozent von ihnen kommen aus Obwalden, die übrigen aus der Zentralschweiz.

Geholfen hat ihr ihre Arbeit beim Verlust des Ehemannes, der vor fünf Jahren an Krebs starb. «Es ist mir gelungen, mich auf die spannenden Themen in der Arbeit zu fokussieren», sagt sie. Am 28. Oktober ist für Gerda Lustenberger der letzte Arbeitstag. «Der Gedanke ist speziell, denn ich wechsle nicht den Job, sondern in den dritten Lebensabschnitt.» Sie gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ganz unprätentiös fügt sie hinzu: «Es ist gut, dass jemand Neues neutral und frisch daherkommt, das tut der Stiftung gut.» Pläne und Aufgaben gehen ihr unterdessen nicht aus: Spanisch lernen, weil die Tochter mit einem Katalanen verheiratet ist, die Arbeit im Vorstand von Pro Senectute Obwalden, und sie kann dann ihren gesellschaftspolitischen Interessen wieder intensiver nachgehen.

Marion Wannemachermarion.wannemacher@ obwaldnerzeitung.ch


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