Tempo 30 soll im ganzen Dorfkern gelten

GISWIL/SARNEN ⋅ Gleich zwei Gemeinden wollen Tempo 30 auf der Hauptstrasse einführen. In Giswil ist bereits einiger Widerstand zu spüren. Sarnen stimmt am 21. Mai an der Urne darüber ab.
18. April 2017, 05:00

Adrian Venetz

adrian.venetz@obwaldnerzeitung.ch

Dies dürfte in den kommenden Wochen für einige lebhafte Diskussionen sorgen: Sarnen und Giswil (siehe Kasten) wollen auf der Brünigstrasse, der Verkehrsader durchs Dorf, Tempo 30 einführen. In Sarnen soll gar der gesamte Dorfkern zu einer Tempo-30-Zone werden. Am 21. Mai stimmt das Volk an der Urne darüber ab, ob die Gemeinde das entsprechende Gesuch beim Kanton einreichen soll. Danach wäre die Einführung der Tempo-30-Zone nur noch eine Formsache.

Seit Jahren wird in Sarnen über Tempo 30 diskutiert. Nun will man also Nägel mit Köpfen machen und «die Dominanz des motorisierten Verkehrs auf der Kantonsstrasse überwinden», wie die Gemeinde schreibt. Ein Verkehrsgutachten liege vor, sagte Gemeinderätin Anna Kathriner vergangene Woche vor Medien und Parteivertretern. Dass die Brünigstrasse zu einer Tempo-30-Zone werde, sei gesetzlich nicht nur möglich, sondern werde vom Kanton auch begrüsst, betonte sie. «Mit einer Tempo-30-Zone werden die Attraktivität und die Sicherheit im Dorf Sarnen nachhaltig gesteigert.» Die Brünigstrasse ist nur ein Teil der Tempo-30-Zone – sämtliche Strassen im Dorfkern sind betroffen, darunter die Lindenstrasse, Poststrasse, Bahnhofstrasse, Markstrasse. Einzig auf der Kernser­strasse soll weiterhin Tempo 50 gelten, unter anderem um die Vortrittsregeln im Bereich des Bahnübergangs zu erhalten. Andernorts im Dorf wird das Tempo-30-Regime neue Vortrittsberechtigungen mit sich bringen – grundsätzlich gilt Rechtsvortritt. Eine weitere Ausnahme ist die Brünigstrasse. Auf dieser Hauptader sind die Au­- tos weiterhin vortrittsberechtigt. Auch Fussgängerstreifen – in Tempo-30-Zonen sonst unüblich – sollen auf der Brünigstrasse und im Bahnhofbereich erlaubt sein.

Warum nicht im Bereich der Schulen?

Was auffällt: Die Tempo-30-Zone auf der Brünigstrasse reicht etwa vom Kreisel der Nordstrasse bis zur Gemeindeverwaltung – danach gilt wieder Tempo 50. Bei sonst «typischen» Tempo-30-Zonen wie etwa Schule, Spital und Betagtenheim bleibt es in Sarnen bei Tempo 50. An der Parteien- und Medienorientierung sorgte dies denn auch für etwas Stirnrunzeln. Warum macht man nicht die ganze Brünigstrasse im Bereich der Gemeindeschulen und des Gymnasiums zu einer Tempo-30-Zone? In diesem Bereich sei die Brünigstrasse breiter, offener und ohne Querstrassen, erklärte Anna Kathriner. Eine Tempo-30-Zone wäre deshalb nur mit baulichen Massnahmen möglich. Gemeindepräsident Paul Küchler räumte ein, dass eine Tempo-30-Zone, die bereits bei der Kantonsschule beginne, aus Sicht des Gemeinderats durchaus diskutabel sei. Nur: «Wir können das nicht verordnen. Dafür ist die Polizei zuständig.» Und für die Polizei komme dort eine Tempo-30-Zone nicht in Frage.

Sagt das Volk Ja, soll bereits nach den Sommerferien das neue Temporegime gelten. Weiter angedacht ist eine Umgestaltung des Bahnhofplatzes und der Poststrasse. Dies ist aber nicht Gegenstand dieser Abstimmung.

Hinweis

Im Anschluss an die Gemeindeversammlung vom 9. Mai und am Wochenmarkt vom 6. und 13. Mai wird über die Pläne informiert.

«Grosse Chance» für Giswil

Tempo 30 Ein neuer Kindergarten kostet die Gemeinde Giswil fast 30-mal mehr als eine Tempo-30-Zone im Dorfkern. Dennoch gab an einer Infoveranstaltung vergangene Woche das Thema Tempo 30 einiges mehr zu reden als die Investitionen von 2,2 Millionen Franken für den Neubau eines Kindergartens (Ausgabe vom Donnerstag). Der Gemeinderat will die Tempo-30-Zone auf der Brünigstrasse zwischen Bahnübergang und Raiffeisenbank realisieren, also auf einem gut 400 Meter langen Strassenstück entlang des Bahnhofs.

Ein Raunen ging durchs Publikum, als Gemeinderat Kurt Keller sagte, dass drei Strassenschwellen die Autofahrer zur Vorsicht mahnen sollen. Keller und auch Bauamtsleiter René Kiser betonten auf kritische Fragen hin mehrmals, dass es sich hier nicht um jene markanten Kunststoffschwellen handle, über die man nur im Schritttempo fahren kann. Vielmehr seien es «sehr sanfte» Strassenerhöhungen von rund 5 Zentimetern auf einer Länge von jeweils 4 Metern. Es sei also keineswegs so, dass – wie von einem Zuhörer befürchtet – ein Patient in einem Ambulanzwagen durchgeschüttelt werde und sich noch den Rücken breche.

Fahrt dauert nur 15 Sekunden länger

Fast eine Stunde lang dauerte die lebhafte, teils leicht gehässige Diskussion zur Tempo-30-Zone. Die Bürger äusserten sich mehrheitlich kritisch. Braucht es denn ausgerechnet auf der Hauptstrasse durchs Dorf eine Tempo-30-Zone? Ja, findet der Gemeinderat und verweist auf ein Verkehrsgutachten, das die Gemeinde erstellen liess. Die Realisierung einer Tempo-30-Zone werde als «notwendig, zweck- und verhältnismässig beurteilt».

Die Vorteile: «Erhöhung der Sicherheit, Harmonisierung der Geschwindigkeiten zwischen den Verkehrsteilnehmern und Erhöhung der Aufenthaltsqualität.» Für die Gemeinde sei die Einführung einer Tempo-30-Zone eine «grosse Chance» und würde «eine gewaltige Aufwertung» des Dorfzentrums bedeuten, sagte René Kiser. Aus dem Gutachten gehe sogar hervor, dass – bei einer allfälligen Tunnelsperrung und Umleitung durchs Dorf – der Verkehrsfluss grösser sei bei Tempo 30, dies unter anderem wegen fehlender Fussgängerstreifen. Ein Autofahrer verliere gerade mal 15 Sekunden Zeit, wenn er die Strecke mit Tempo 30 statt Tempo 50 fahre.

Aus dem Publikum wurde zudem Kritik laut, da der Gemeinderat das Geschäft vor die Gemeindeversammlung vom 17. Mai bringe und nicht – wie etwa in Sarnen – an die Urne. Mit einem Referendum könnte die Abstimmung an die Urne gebracht werden. Ob dies passieren wird, ist noch offen. (ve)


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