Vom Bauern zum Heiligen: Das Leben des Niklaus von Flüe

BRUDER KLAUS ⋅ Um den berühmten Einsiedler aus Obwalden ranken sich viele Mythen. So auch um seinen Geburtstag – einige glauben, es sei der 21. März 1417 gewesen. Historiker zweifeln. Klar ist: Er wäre heuer 600 Jahre alt geworden.
20. März 2017, 05:00

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch


1417

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| Grafik: Oliver Marx

Niklaus von Flüe wird 1417 im Flüeli in Sachseln geboren. Sein Vater ist Heinrich Robert von Flüe, seine Mutter Hemma Ruobert. Gemeinsam mit Bruder Peter wuchs Niklaus auf einem Bauernhof auf. Die von Flües waren eine für damalige Verhältnisse wohlhabende Bauernfamilie. Über seine Jugendzeit ist sonst nur wenig bekannt.


1431

Mit 14 Jahren ist Niklaus – oder Klaus – stimmfähig und kann an der Landsgemeinde teilnehmen. Diese 1403 erstmals erwähnte Urform der Demokratie, die in Obwalden bis 1998 praktiziert wurde, schulte und prägte auch sein späteres politisches Leben und Verständnis. Die zeremoniell abgehaltene Versammlung war der männlichen, stimmfähigen Bevölkerung vorbehalten. Es wurden Behörden gewählt und über Sach- geschäfte bestimmt.


Um 1440

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| Grafik: Oliver Marx

Der Zeit gemäss beteiligt er sich als junger Mann an militärischen Auszügen. Von Flüe nahm als Söldner und vermutlich auch als «Rottmeister», der für 8 bis 12 Soldaten zuständig war, an den Schlachten der Innerschweizer gegen die habsburgischen Zürcher teil. Der Alte Zürichkrieg dauerte in seiner intensiven Phase von 1440 bis 1446. Ob er auch später, zum Beispiel 1460 bei der Eroberung des Thurgaus, in militärischen Diensten war, ist nicht belegt.


Um 1446

Niklaus von Flüe heiratet Dorothea Wyss. Der Ehe entspriessen 5 Töchter und 5 Söhne. Die Rolle seiner Frau kam erst in der neueren Forschung der vergangenen Jahre in den Fokus. Im Gegensatz zu ihrem Mann gibt es über Dorothea Wyss nur wenige Zeitdokumente. Aus den Aufzeichnungen zu Niklaus von Flüe konnte aber auch über sie einiges in Erfahrung gebracht werden: Dorothea Wyss war eine Ratsherrentochter aus der Schwendi über dem Sarnersee. Als sie Niklaus heiratete, war sie etwa 15 Jahre alt – von Flüe 29. Im 15. Jahrhundert hatte die Frau in Haus, Hof und Familie eine wichtige Stellung. Erst in den späteren Jahrhunderten rückten die Frauen in den Schatten der Männer. Anders aber als heute hatten die mittelalterlichen Menschen die Gemeinschaft und die Grossfamilie im Blick, nicht die Einzelperson. Aufgabe von Dorothea war es demnach, dem grossen Bauernhaushalt vorzustehen und sich um Ernährung, Vorräte, Flachskleidung und die Kindererziehung zu kümmern. Die Söhne kamen ab dem 7. Lebensjahr zum Vater in die Lehre, wo sie Aufgaben auf Feld und Hof übernahmen.


Um 1462

Inzwischen gehört Niklaus von Flüe dem Kleinen Rat, dem höchsten politischen und richterlichen Führungszirkel des Standes Obwalden, an. Eine Kandidatur für das Amt des Landammanns lehnte er jedoch ab. Dies blieb später seinen Söhnen Hans und Welti vorbehalten: Beide schafften den Aufstieg in das höchste Obwaldner Amt. Doch Klaus fand im beachtlichen gesellschaftlichen und beruflichen Erfolg keine Erfüllung. Er stellte sich Fragen nach dem tieferen Sinn des Lebens. Als er 1465 seine politischen Ämter niederlegte, sprach er von Depression, Zweifeln und Niedergeschlagenheit.


1467

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| Grafik: Oliver Marx

Am 16. Oktober 1467 (Gallustag) verlässt er mit Einverständnis seiner Frau die Familie, um Einsiedler zu werden. Er pilgerte zunächst Richtung Hochrhein. Oberhalb Liestals erlebte er eine Vision: Ein Lichtstrahl durchdringt ihn bis ins Innerste und bewegt ihn zur Umkehr. Zunächst zog es ihn auf die Alp Chlisterli ins Melchtal, schliesslich liess er sich in der Ranftschlucht nieder. Ihm erschien auch die Mutter Gottes, auf dem Arm das Jesuskind. Sie wies ihn auf seine Erlöser- aufgabe hin. Er widmete ihr später die Kapelle.


1468

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| Grafik: Oliver Marx

Bruder Klaus errichtet sich im Ranft zunächst ein «Cluselin», eine kleine Klause aus Ästen, Holz und Laub. 1468 helfen ihm die Landsleute beim Bau der Zelle und der Kapelle im Ranft. Bei der Weihe erhält die Kapelle einen Altar – fünf Jahre später werden bereits deren drei erwähnt. An die Rückseite der Kapelle ist die als Zelle bezeichnete Einsiedlerwohnung angelehnt. Der Innenraum ist 3,10 m lang, 2,80 m breit und 1,80 m hoch. Durch zwei kleine Guckfenster dringt Licht in das Gemach. Der Einsiedler kann durch eine Öffnung das Geschehen in der Kapelle beobachten. Nach alten Quellen nächtigte Bruder Klaus auf blossem Boden, wobei er einen Holzblock unter seinen Kopf legte. Im Winter bediente er sich einer alten Decke. Was heute in der Zelle zu sehen ist, eine Bank mit einem Stein, stammt aus neuerer Zeit.


1469

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| Grafik: Oliver Marx

Weihbischof Thomas von Konstanz kommt zur Einweihung der Kapelle und prüft das Wunderfasten des Einsiedlers. Niklaus von Flüe soll die letzten 19 Jahre seines Lebens darauf verzichtet haben, Nahrung zu sich zu nehmen. Dieses Wunderfasten machte ihn für einige Pilger bereits zum lebenden Heiligen. Nach bestandener Prüfung durfte Bruder Klaus die Schutzpatrone wählen, denen seine Kapelle geweiht wurde: Maria, Maria Magdalena, die Kreuzerhöhung und die 10 000 Märtyrer. Der Einsiedler wurde fortan von Menschen aus allen Ständen aufgesucht und in politischen und Lebensfragen um Rat gebeten.


1481

Die Tagsatzung in Stans findet statt, nach schweren Konflikten zwischen Stadt- und Landorten. Es droht der Zerfall der Eidgenossenschaft. In der Nacht auf den 22. Dezember begab sich der Pfarrer von Stans, Heimo Amgrund, zu Niklaus von Flüe und kam mit einem bis heute unbekannten Rat zurück. Der Pfarrer veranlasste die Ratsherren von Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Zürich, Bern und Glarus, nochmals zusammenzutreten. Er richtete ihnen die geheime Botschaft des Einsiedlers aus. Daraufhin kamen die Ratsherren nach nur zwei Stunden zu einer Lösung. Es gab einen erneuerten Bundesschluss mit der Aufnahme der Kantone Freiburg und Solothurn in die Eidgenossenschaft. Das Ereignis ging als Stanser Verkommnis in die Geschichtsbücher ein.


Um 1482

Bruder Klaus stiftet für die Kapelle im Ranft eine Pfründe und erhält einen eigenen Kaplan. Nachdem sein Beitrag zum Stanser Verkommnis die Runde gemacht hatte, wurde er immer wieder als Berater angefragt. Auch von weit her kamen Ratsuchende nun zu ihm. Etwa aus der Stadt Konstanz, dem Predigerkloster Basel, vom Herzog von Mailand und von den eidgenössischen Ständen. Dabei plädierte Bruder Klaus immer für eine gütliche Einigung, denn «ein Gutes bringt das andere», wie er 1482 in einem Brief an die Stadt Konstanz schrieb. «Wird ein Konflikt mit einem Rechtsspruch gelöst, gibt es Unterlegene. Dauerhaft ist nur ein Vergleich» soll dort weiter stehen.


1487

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| Grafik: Oliver Marx

Am 21. März 1487 stirbt Bruder Klaus nach hartem Todeskampf auf dem Boden seiner Zelle. In verschiedenen Quellen wird erwähnt, dass seine Frau Dorothea ihn in seinen letzten schweren Stunden begleitete. Bruder Klaus wurde in der Pfarrkirche Sachseln beigesetzt. Sein unmittelbares Vermächtnis für seine Nachwelt ist das «gewöhnliche Gebet». Es bringt seine tägliche intensive Betrachtung der Passion Jesu und seine vollständige Hingabe zu Gott zum Ausdruck.




 

Was nach seinem Ableben geschah

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