Von der Kollegi-Bühne in die Traumfabrik

SARNEN ⋅ Ihre Zukunftsträume entstanden im Kino Seefeld. Dorthin kehrt Bernadette Bürgi nun zurück, aus Hollywood – mit ihrem ersten Spielfilm im Gepäck.
17. Januar 2015, 05:01

Primus Camenzind

Am Donnerstagabend zeigte Bernadette Bürgi auf Einladung des Rotary Club Obwalden im Rahmen einer schweizerischen Vorpremiere den von ihr in Hollywood, Kalifornien, produzierten Spielfilm «Posthumous» (siehe Kasten). Wie die ehemalige Gymnasiastin am Kollegi Sarnen ihren Weg in die bedeutendste Filmmetropole der Welt beschritten hatte, erzählte sie den rund 100 Gästen vor Beginn der Aufführung im nahe gelegenen Seerestaurant ­Eleven.

Wahlheimat Los Angeles

Stunden zuvor traf sich die 40-jährige Sarnerin zu einem lockeren und gleichzeitig aufschlussreichen Gespräch mit unserer Zeitung. Sie ist längst zur Weltenbürgerin geworden. Im jugendlichen Alter dachte Bernadette Bürgi: «Nichts wie weg hier.» Je mehr sie jedoch unterwegs ist, kommen heute bei ihr heimatliche Gefühle auf. Besonders wenn sie Obwalden und ihre Familie besucht. «Zürich ist mein Arbeitsort in der Schweiz, Berlin war Drehort des Films ‹Posthumous›, und Los Angeles ist ganz klar meine Wahlheimat. Ich schätze die Energie dieser Stadt!»

«Film war immer mein Thema, schon als Kind», sagt sie. «Ich abonnierte sämtliche Filmheftli und ging ständig ins Kino.» Ein realistisches Berufsthema war diese Branche für das Obwaldner Mädchen damals natürlich noch nicht. ­Leidenschaftlich Theater spielte die Gymnasiastin vor allem an der Sarner ­Kollegi-Bühne. «Wäre ich Schauspielerin geworden, dann nur auf der Bühne», erklärt sie, «denn im Film ist Schauspielerei etwas ganz anderes!» Immerhin: In Los Angeles besuchte Bernadette Bürgi zusammen mit ihrer Regisseurin und Produktionspartnerin Lulu Wang Schauspielkurse. «Das verschafft uns zusätzliche Kompetenz für die Dreharbeiten.»

Risikofreudig

Die Faszination ihrer Arbeit besteht für die Obwaldner Produzentin darin, dass ein Spielfilm eigentlich dreimal entsteht: «Erstmals in Gedanken und mit vielen Ideen aufgrund des Drehbuchs, dann konkret bei den Dreharbeiten und schlussendlich nochmals in der Endfassung beim Schnitt», sagt Bernadette Bürgi. Sie liebt das Risiko, denn nach dem Studium, ihrer Arbeit im Bereich Marketing und mit ihren hervorragenden Berufsaussichten in der Branche zog sie aus nach L. A., um den Filmemachern über die Schulter zu gucken. «Risiko!? Fragen Sie doch meinen Vater», meint sie zu diesem Thema.

Hermann Bürgi äusserte sich anlässlich der Vorpremiere des Films zu den damaligen Träumen seiner Tochter wie folgt: «Ich glaubte eigentlich nicht daran, hatte jedoch gleichwohl Verständnis dafür, dass sie es probieren und ihren eigenen Weg gehen wollte. Irgendwie hat sie heute eines ihrer grossen Ziele erreicht, und das freut mich ganz besonders», gab uns der inzwischen 83-jährige erfolgreiche Bauunternehmer zu verstehen.

Haifischbecken Hollywood

Auch beim Erstlingswerk, welches nach der Gründung einer gemeinsamen Produktionsfirma mit Lulu Wang im Jahr 2008 vergangenen Herbst auf den Markt kam und über ein «low, low budget» von weniger als 5 Millionen Franken verfügt, blieb den beiden Frauen der Sprung ins viel zitierte «Haifischbecken Hollywood» nicht erspart. «Beim Engagement von Schauspielern bekommt man es mit Agenten und Anwälten zu tun, die in der Regel mit harten Bandagen verhandeln. Darunter gibt es solche, die den Produzenten damit drohen, sie würden beim Scheitern ihres Streifens nie mehr einen Fuss in die Filmmetropole setzen», erzählt die Filmschaffende. «Man findet in der Branche aber auch Partner, die positiv reagieren. Natürlich muss man dafür etwas liefern», meint Bernadette Bürgi.

Unter Erfolgsdruck

Nach kleinen Aufträgen wie Firmen- oder Musikvideos in Amerika wurden im Herbst 2012 in Berlin die Dreharbeiten zum ersten abendfüllenden Film in Angriff genommen. Die deutsche Hauptstadt sollte für einmal als Szenerie für einen romantischen Liebesfilm und nicht wie üblich für einen Nazi- oder Agentenfilm dienen. Während sechs Wochen an 33 Drehtagen waren bis zu 80 Personen am Set – darunter tagtäglich auch Bernadette Bürgi. Zwei Drittel des Budgets hat die Produzentin durch institutionelle Anleger (solche, die regelmässig in die Filmbranche investieren) oder durch private Geldgeber und Kunstfreunde decken können, ein Drittel kommt von der Filmförderung, von Steuererleichterungen in Deutschland und durch Rückstellung von Kaderlöhnen. «Posthumous» verzichtet auf Sex, Gewalt und Politik, «was die Vermarktung in manchen Ländern erleichtert», begründet Bürgi. Deutschland, die Schweiz, Australien, Kanada, der Nahe Osten, Israel, die Türkei und Südkorea nennt sie als jene Länder, die vertraglich bereits unter Dach und Fach sind.

«Wenn der Film auch administrativ erledigt und dessen Erfolg sichergestellt ist, setzen sich Lulu und ich wieder konkret mit der Zukunft auseinander», verrät uns die Filmfrau. Laut nachgedacht haben Bernadette Bürgi und Lulu Wang bereits über einen Schweizer Film oder auch über einen Western im amerikanischen Staat Utah, «wo ausgiebig gerauft wird», ergänzt die Obwaldnerin mit unübersehbarem Schmunzeln.

Eine romantische Liebeskomödie

cam. Der erste Hollywood-Spielfilm, den Bernadette Bürgi 2014 produzierte, erzählt die Liebesgeschichte zwischen Liam Price (Jack Huston) und McKenzie Grain (Brit Marling). Er ist ein um die Existenz ringender Künstler, der aufgrund eines Missverständnisses um seinen vermeintlichen Tod die lang erhoffte Anerkennung der Kunstszene erhält; sie eine Reporterin, die versucht, Liam als Betrüger zu entlarven. «Posthumous» ist eine zeitlose, romantische Geschichte. Sie hinterfragt gängige Sichtweisen in allen Lebensbereichen, von Kunst und Schönheit bis hin zu Liebe und Beziehungen. Die Handlung spielt in Berlin. Die deutsche Hauptstadt wird im Film mit faszinierenden und wenig klischierten Bildern gezeigt.

HINWEIS
Weitere Aufführungen im Kino Seefeld in Sarnen: Sa/So, 17./18. Januar, jeweils 17 Uhr; Mo/Di/Mi, 19./20./21. Januar, jeweils 20.15 Uhr.


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