Ältere Behinderte: Kanton ist gefordert

OBWALDEN ⋅ Mit der gestiegenen Lebenserwartung erreichen auch immer mehr Menschen mit einer Beeinträchtigung das AHV-Alter. Der Kanton will darauf reagieren und hat ein Konzept erarbeitet.
02. Dezember 2017, 05:00

Matthias Piazza

matthias.piazza@obwaldnerzeitung.ch

Die Lebenserwartung in der Schweiz steigt. Viele Menschen mit Behinderungen erreichen nun ebenfalls das AHV-Alter, etwas, was vor wenigen Jahrzehnten noch eine Ausnahme war. Auch sie erleben nun altersbedingte Herausforderungen: Die Tagesstrukturen nach der Pensionierung fallen weg, der Pflegebedarf nimmt zu. 141 Menschen mit Behinderung leben in Obwalden zurzeit in einer eigenen Wohnung oder bei Angehörigen und nehmen als Externe an einem Angebot der Tagesstruktur (Beschäftigung, geschützte Arbeit) in einer Institution für Menschen mit Behinderung teil; 11 von ihnen sind über 60 Jahre alt, 27 sind zwischen 50 und 59 Jahre alt, wie der Kanton zum Konzept «Menschen mit Behinderungen werden älter» scheibt, das er erarbeitete.

Klärungsbedarf bestehe vor allem beim Wohnen im Alter in Institutionen für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und bei der Durchlässigkeit zwischen Institutionen für Menschen mit Behinderungen und Pflegeheimen. Weitere Verbes­serungsmöglichkeiten sieht die Analyse bei den Entlastungsmöglichkeiten für Angehörige und der rechtzeitigen Förderung des Ablösungsprozesses, den betreuten Wohnformen für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung ­ im Alter, der Verfügbarkeit von ­bezahlbarem hindernisfreiem Wohnraum und der Förderung geeigneter ambulanter Unterstützung.

Rütimattli statt Altersheim

Der Kanton hat aus diesen Erkenntnissen Empfehlungen abgeleitet. Eine davon lautet, dass er abklären soll, inwieweit er den Ausbau der Pflegekompetenz der Stiftung Rütimattli im Rahmen der Leistungsvereinbarung un­terstützen und fördern will. «Menschen mit Behinderung, welche zu Hause betreut wurden und ins AHV-Alter kommen, können nicht mehr ins Rütimattli eintreten, obwohl diese Einrichtung eventuell für sie besser wäre», erläutert Regierungsrat Christoph Amstad. Diese müssten heute ihren Lebensabend in einem Alters- oder Pflegeheim verbringen. Denn an den Kosten für den Aufenthalt im Rütimattli beteilige sich der Kanton, während die Gemeinden finanziell für die Senioren zuständig seien, die in einem Alters- oder Pflegeheim wohnten. Sämtliche Massnahmen für Personen im AHV-Alter betreffen finanziell ausschliesslich die Gemeinden.

Im Weiteren erwähnt er auch die Förderung ambulanter Angebote, die als weitere Empfehlung im Konzept aufgeführt sind. Christoph Amstad denkt etwa an die Spitex oder die Pro Infirmis, die sich auf Menschen mit Behinderungen ausrichten. Damit falle es den Menschen leichter, sich vom familiären Umfeld zu lösen bei einem relativ späten Übertritt in eine stationäre Institution. Zu fördern seien insbesondere durchmischte Formen der Wohn- und Tagesgestaltung, heisst es dazu im Konzept des Kantons weiter.

Im Weiteren wird empfohlen, dass der Kanton die Voraussetzungen für die freie Wahl einer Institution schafft, die dem individuellen Bedarf angepasst ist. «Dafür müssen die Rahmenbedingungen geklärt werden, unter denen ein Eintritt in eine Institution für Menschen mit Behinderungen nach Erreichen des AHV-Alters ermöglicht werden kann», heisst es dazu weiter.

Bis 2019 sollen die Ergebnisse vorliegen

Das Konzept verschwindet vorerst in der Schublade. «Wir warten den Bericht der Zentralschweizer Regierungskonferenz zum Thema ‹Wohnen und Arbeiten für Menschen mit Behinderungen innerhalb und ausserhalb sozialer Einrichtungen› ab und werden die Ergebnisse abgleichen», hält Amstad fest. Er rechnet mit den Ergebnissen 2019. Danach wird das Sozialamt Massnahmen zur bedarfsgerechten Weiterentwicklung des Angebots ableiten und dem Regierungsrat vorschlagen.


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