Der lange Weg bis zum Heiligen

BRUDER KLAUS ⋅ Über 300 Jahre dauerte es, bis Niklaus von Flüe vom Papst heiliggesprochen wurde. Der ehemalige Obwaldner Staatsarchivar stieg tief ins Archiv, um die Geschichte des ewigen Hin und Her erstmals aufzuarbeiten.
14. Mai 2017, 05:30

Angelo Garovi

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Im Bruderklausenjahr soll der langwierige Weg bis zur Heiligsprechung des Ranft-Eremiten – von 1591 bis 1947 – nachgezeichnet werden. Die vorwiegend lateinisch verfassten Akten in den Obwaldner Archiven und im Vatikanischen Archiv zeigen das ewige Hin und Her in Sachen Heiligsprechung (Kanonisation) von Niklaus von Flüe.

Grund für Verzögerungen waren nicht nur die formalistischen Vorschriften betreffend Kanonisation von Papst Urban VIII. von 1625. Es fehlte im 17. Jahrhundert an der Unterstützung in der römischen Kurie, und letztlich lag es auch an den Finanzen.

In Rom stellte man zuerst Formfehler fest

Als die Nachricht vom Tod des «lebenden Heiligen» nach dem 21. März 1487 in fernste Gaue drang, bezeugte Heinrich von Gundelfingen, früherer Professor der freien Künste in Freiburg im Breisgau, seine Verehrung für Niklaus von Flüe durch das Verfassen einer Biografie (Historia) und eines Officium (kirchliche Tagzeiten). Er schrieb diese im festen Glauben, dass «Bruder Klaus bald vom Papst in die Zahl der heiligen Eremiten und Bekenner aufgenommen» werde.

Einen Monat nach Vollendung dieser Handschrift von Gundelfingen werden Mitte September 1488 im Kirchenbuch von Sachseln Zeugenaussagen über das Leben und die Wunder (Mirakel) nach dem Tode von Bruder Klaus aufgeschrieben. Auch diese «offiziellen» Aufzeichnungen sollten die Heiligsprechung ermöglichen. Doch das 16. Jahrhundert war mit der Reformation, dem Konzil von Trient und den Mailänder- und Hugenottenkriegen für die Aufnahme eines Kanonisationsprozesses nicht günstig. Erst der hundertste Jahrestag des Todes, 1587, wurde zum Ausgangspunkt dieser Bemühungen. An der Landsgemeinde von Obwalden beschloss man, nach Mitteln zu suchen, «um den seligen Mann zu erheben», also heiligzusprechen. 1591 begannen auf dem Rathaus in Sarnen die Verhandlungen. Die Akten wurden von Melchior Imfeld und Ritter Melchior Lussi im Namen der katholischen Eidgenossenschaft in Rom überbracht. Dort wurden aber Formfehler festgestellt, sodass der Prozess resultatlos verlief.

Ebenfalls ohne Erfolg verliefen die Prozesse von 1618, 1621 und 1625. Anfang 1630 wurde der letzte Prozess (von 1625) wieder aufgenommen, und im März 1630 schrieb Gardehauptmann Fleckenstein an die Regierung von Obwalden: «Der Prozess ist vor acht Tagen gänzlich valid und gültig, von der Rota (Gericht) erkannt und bestätigt worden.»

Von da an aber gelangen die Nachrichten aus Rom wieder ins Stocken. Grund dafür waren die strengeren Vorschriften von Papst Urban VIII. betreffend die Beatifikation (Seligsprechung) und Kanonisation. Eine Seligsprechung – nach den neuen Vorschriften eine Bedingung zur Heiligsprechung – war ausnahmsweise auch durch den Nachweis der Verehrung seit mehr als hundert Jahren möglich. Die hängigen Prozesse wurden für zehn Jahre sistiert mit Ausnahme der Prozesse für den Kapuziner Felix von Cantalice und für Maria Magdalena von Pazzis (gestorben 1607 in Florenz), eine Verwandte des Papstes. Ein Grund für die Verschleppung war aber auch das fehlende Geld für die Prozessführung, das Obwalden und die katholischen Orte nicht aufbringen konnten. Am 6. Juli 1647 wurde der Prozess auf Drängen des Bischofs Franz Johann von Konstanz nochmals aufgenommen. Die Prozessakten umfassen 156 Folioblätter. Ende 1648 erklärte dann die Ritenkongregation, dass der dem Bruder Klaus erwiesene Kult über hundert Jahre andaure und somit unter die Ausnahmefälle des Dekrets Urbans VIII. falle. Papst Innozenz X. stimmte diesem Beschluss zur Seligsprechung am 1. Februar 1649 zu. Obwalden feierte den glücklichen Abschluss des Seligsprechungsprozesses.

Bischof fährt nach Sachseln und verhört 135 Zeugen

Nun konnte also zum Kanonisationsprozess geschritten werden. Während man in Rom rasch mit dem Prozess voranschritt, ging es diesmal in der Eidgenossenschaft nur langsam vorwärts. Der Bauernkrieg nahm die Regierungen bis 1653 allzu stark in Anspruch: Man musste um Verlängerung für den Prozess vor Ort in Rom nachsuchen. Am 10. Juni 1654 traf dann der Bischof Franz Johann von Konstanz zur Vornahme des Heiligsprechungsprozesses in Sachseln ein. Man verhörte während sechs Wochen 135 Zeugen, besichtigte die geweihten Denkmäler, besiegelte am 23. Juli das 327 Folioblätter enthaltende Protokoll und sandte es nach Rom. Drei Jahre später wurde in Anwesenheit von Papst Alexander VII. die Gültigkeit des Prozesses anerkannt.

Für eine eigentliche Heiligsprechung im 17. Jahrhundert fehlte aber offenbar die Patronage, wie sie etwa beim gleichzeitigen Prozessverfahren des spanischen Erzbischofs Olegario festzustellen ist, das 1630 begonnen und 1675 mit der Kanonisation abgeschlossen wurde – mit Unterstützung des katalonischen Hofes in Barcelona und spanischer Kardinäle. Der einfache Bauer und verheiratete Laie Bruder Klaus hatte aber keinen fürstlichen Hof und keine Kardinäle als Fürsprecher.

Das Wunder: Zwei Frauen aus Solothurn geheilt

Die Initiative zur Wiederaufnahme des Prozesses im 19. Jahrhundert wurde auf Anregung des Bischofs von Basel, Eugenius Lachat, vom Schweizer Pius-Verein ergriffen. Das geschah am 24. August 1865 an einer Versammlung in Sachseln. Der Nuntius riet, eine aktenmässige Darstellung des bisher Geschehenen nach Rom zu schicken und anzufragen, was zu tun sei. Im Mai 1866 wurde das vom früheren Lungerer Pfarrer Johann Ming verfasste lateinische Memorial durch den Nuntius nach Rom gesandt. Und bereits am 30. Oktober 1866 kam aus Rom der Entscheid, der Ritenkongregation genüge der Nachweis, dass die Prozesse des 17. Jahrhunderts vorschriftsgemäss geführt worden seien. Mit dem Dekret Pius’ IX. vom 3. Oktober 1872 über den Nachweis der Tugenden wurde der Heiligsprechungsprozess bis auf den Wunderprozess abgeschlossen.

Aber erst im 20. Jahrhundert, nach zwei Weltkriegen, konnte der Prozess der Kanonisation des Friedensstifters Bruder Klaus erfolgreich abgeschlossen werden. Mit den Daten 16. Juni 1937 und dem 18. Mai 1939 traten zwei entscheidende Ereignisse in der langen, mehr als dreihundert Jahre dauernden Heiligsprechungsgeschichte ein, welche nun die seit 1657 und 1872 immer noch offen gebliebene Lücke füllten: die Wunderheilungen auf die Fürbitte von Bruder Klaus an zwei Frauen aus dem Kanton Solothurn. Von der Ritenkongregation wurden die Heilungen als Wunder anerkannt – und es konnte endlich zur Heiligsprechung geschritten werden. Am 15. Mai 1947 fand der feierliche Akt der Heiligsprechung durch Papst Pius XII. im Petersdom in Rom statt.

Hinweis

Angelo Garovi (73) war von 1980 bis 2007 Staatsarchivar des Kantons Obwalden.


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