Der vergessene Enkel von Bruder Klaus

NIDWALDEN ⋅ Bruder Konrad Scheuber war Bauer, Landammann, Soldat und Eremit. Er verteidigte die Schwachen und warnte die Mächtigen vor dem Verderben. Zur Heiligsprechung reichte es trotzdem nicht.
14. September 2017, 05:00

Franziska Herger

franziska.herger@nidwaldnerzeitung.ch

Bruder Klaus ist 600 Jahre nach seiner Geburt überall. Dieses Glück haben nicht alle Eremiten. In Vergessenheit geraten ist etwa Bruder Konrad Scheuber aus Wolfenschiessen, Enkel des berühmten Klaus und einst als Landespatron Nidwaldens verehrt. «Ihn möchten wir wieder in Erinnerung rufen», sagt Brigitt Flüeler, Präsidentin des Historischen Vereins. Dieser lädt am Samstag in die Kirche Wolfenschiessen ein, um ihn wiederzuentdecken. Sigrist Klaus Zumbühl wird auch persönliche Gegenstände von Bruder Scheuber zeigen: «Neben seinem Gebetsbuch und seinem Rosenkranz ist auch sein Degen bis heute erhalten.»

Um Scheuber ranken sich viele Legenden: Er habe Visionen gehabt, die Zukunft voraussehen und geistig an andere Orte reisen können. Nach seinem Tod wurde er wie ein Heiliger verehrt, bei Schlechtwetterperioden gab es Wallfahrten zu ihm, um die Ernte zu retten. Doch obwohl ihm 1679 als erstem Nidwaldner eine Biografie gewidmet wurde, der drei weitere folgten, ist wenig in seinem Leben verbürgt: Er wurde 1481 als Sohn von Dorothee Scheuber-von Flüe, einer Tochter des Bruder Klaus, und Johann Scheuber aus Altzellen geboren. «Sein Grossvater hat Scheuber sicher inspiriert», sagt Brigitt Flüeler. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass er Bruder Klaus vor dessen Tod 1487 getroffen hat.»

Im bereits touristischen Ranft fand er keine Ruhe

Doch für lange Zeit führte Scheuber ein weltliches Leben. Als wohlhabender Bauer wurde er Ratsherr, Richter und 1543 gar Landammann. Gegen seinen Willen, sagt die Überliefererung. Scheuber sei gar zu Hause geblieben, statt an der Landsgemeinde teilzunehmen – und habe doch sofort von seiner Wahl gewusst. «Scheuber gehörte nicht zu einer der traditionellen Nidwaldner Landammann-Familien», sagt Christoph Baumgartner, Archivar im Staatsarchiv. «Das Volk muss ihm vertraut haben.» Grund dafür könnte sein Einsatz für die Schwachen gewesen sein. Zwischen 1520 und 1543 berichten verschiedene Quellen, wie er als Vormund, Friedensrichter und Zeuge Konflikte schlichtete und wehrlose Frauen verteidigte.

Kaum war sein Amtsjahr als Landammann zu Ende, verliess Scheuber mit 63 Jahren Frau und zwei erwachsene Töchter in Richtung Ranft und wurde Eremit wie sein Grossvater. Doch er fand keine Ruhe. «Der Pilgertourismus hatte im Ranft bereits ein beträchtliches Ausmass angenommen», sagt Brigitt Flüeler. So liess er sich in der Bettelrüti in Wolfenschiessen ein Waldbruderhäuschen erbauen, wo er bis zu seinem Tod 1559 sehr einfach lebte und sich auch so ernährte: «Von Fleisch, Fischen und Eiern enthielt er sich gänzlich», schreibt Scheubers erster Biograf Franz Josef Andermatt.

Untergang eines Königshauses vorausgesagt

Immer wieder warnte Scheuber vor zukünftigem Verderben, so die Überlieferung. Er habe etwa den Untergang des französischen Königshauses Valois vorausgesagt. Die Nidwaldner Landsgemeinde teilte dies König Heinrich III. mit, der unbeeindruckt blieb. Doch tatsächlich: Das Königsgeschlecht starb mit Heinrich aus. Auch Ritter Melchior Lussy, Anführer der päpstlichen Schweizer Truppen, ignorierte Scheubers Rat, er solle 1557 nicht in die Schlacht von Paliano ziehen. Prompt habe Lussy viele Männer verloren und sei auf dem Stanser Dorfplatz von den Witwen der Gefallenen mit Messern bedroht worden. Als junger Mann war Scheuber selber in den Krieg gezogen. Bei der Schlacht von Novara für den Herzog von Mailand habe er sich «das Blut und Hirn der erschlagenen Feinde mit Messern ab den Kleidern schaben können», schreibt Biograf Andermatt. Ein Gegensatz zu seinem späteren Leben? «Nur aus heutiger Sicht», erklärt Christoph Baumgartner. «Damals war der Kriegsdienst in der Fremde für die Nidwaldner Normalität.» Auch der Rückzug in die Einsamkeit erschien im 16. Jahrhundert weniger extrem als heute, fügt Brigitt Flüeler an. «Nidwalden war ein Zentrum der Eremitentradition. Immer wieder wählten Waldbrüder ein abgeschiedenes Leben, um Gott näher zu kommen.»

Doch was ist von den Legenden um Bruder Scheuber heute zu halten? «Die mündliche Überlieferung hatte damals, als die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten, einen hohen Stellenwert», sagt Baumgartner. «Die Geschichten über Bruder Scheuber sind daher wohl zuverlässiger als oft gedacht.»

Trotz der grossen Verehrung wurde Bruder Scheuber nie selig oder heilig gesprochen. Die letzte Wallfahrt fand 1954 statt, danach ging der Eremit mit der schwindenden Bedeutung der Kirche immer mehr vergessen. «Er hatte aber schon zu Lebzeiten eine geringere Strahlkraft als Bruder Klaus, obwohl sich ihre Lebensgeschichten sehr ähnelten», erklärt Baumgartner. Ob das Bruder Scheuber wohl gestört hat? Baumgartner verneint: «Wenn wir der Überlieferung auch nur ein bisschen glauben können, war er ein bescheidener Mann, der mit seinen Fähigkeiten nur den Menschen helfen wollte.»

Hinweis: Am Samstag von 14 bis 17 Uhr kann man sich in der Kirche Wolfenschiessen in das Leben von Bruder Scheuber vertiefen. Weitere Infos: www.hvn.ch


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