13. Mai 1955: Die Steinböcke sind zurück

AUSWILDERUNGEN ⋅ Auf der letzten Jagd durften Obwaldner Jäger drei Steinböcke und sieben Steingeissen erlegen. Der Bestand ist auf 215 Tiere angestiegen. Kaum zu glauben, dass das edle Tier einst ausgerottet war.
08. August 2017, 04:38

Romano Cuonz

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Unser historisches Bild stammt vom 13. Mai 1955. Darauf zu erkennen sind Obwaldner Wildhüter und ihre Helfer. Eben haben sie grosse geflochtene Körbe auf die Alp Vormatt im Grossen Melchtal gebuckelt. Darin befinden sich zwei Steinböcke und eine Steingeiss, angereist aus dem fernen Kanton Graubünden. Gleich wird man sie wieder auswildern: mehr als 100 Jahre nach ihrer Ausrottung. Im eidgenössischen Jagdbanngebiet Huotstock. An diesem Tag lässt sich der kleine Innerschweizer Kanton auf ein Abenteuer ein, das ihn in den nächsten Jahrzehnten – ja bis in die heutige Zeit – landesweit bekannt machen wird: Er bietet nämlich wie kein anderer ausgerotteten Tierarten eine neue Heimat an.

Oberförster Leo Lienert als Pionier

Zu verdanken war dies vor allem der Initiative des rührigen Obwaldner Oberförsters und Naturschützers Leo Lienert. Er setzte sich damals wie kaum ein anderer mit viel persönlichem Engagement für die Rückkehr von ausgerotteten Tieren ein. Nicht zuletzt dafür erhielt er auch die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich. Nach dem Steinbock hiess er bald auch den Hirsch wieder willkommen. Als Gegengeschäft handelte er mit den Jägern das Recht aus, nun auch den Luchs wieder zurückzubringen. Ausgerechnet nach Obwalden! Nur, die getupfte Raubkatze war kaum willkommen. Teils gehässige Proteste und ein Pressewirbel begleiteten ihre Rückkehr. Einige Gegner haben sich heute noch nicht beruhigt. Zwar nicht mehr Leo Lienert, dafür sein Sohn Peter durfte miterleben, wie am 31. Mai 2015 auch der Bartgeier wieder eine erste «Flugbewilligung» für die Innerschweiz erhielt: in Obwalden! Daniel Hegglin (Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier) lobte denn auch: «Obwalden ist, wenn man all diese Grosstaten zusammenzählt, wirklich ein ‹wilder› Kanton!»

Steinböcke fühlten sich nach Auswilderung wohl

Blenden wir zurück in die 50er- Jahre des letzten Jahrhunderts. In jene Zeit eben, in der das historische Bild entstanden ist. Kurz zuvor – am 2. März 1955 – hatte der Obwaldner Regierungsrat einstimmig einen wichtigen Beschluss gefasst: Der Steinbock sollte auch zwischen Brienzer Rothorn, Titlis und Pilatus wieder heimisch werden. Man hatte nämlich vernommen, wie sich Zuchttiere, die in Tierpärken gehegt und gepflegt worden waren, nach ihrer Auswilderung in freier Wildbahn wieder sehr wohl fühlten. In Pontresina sei ihre Zahl sogar derart gross geworden, dass die Bündner gerne einige Tiere ins «Unterland» schicken würden. Als Geschenk selbstverständlich! Als damit auch der eidgenössische Jagdinspektor Alfred Kuster einverstanden war, durften im Bannbezirk Piz Albris vorerst einmal drei Tiere eingefangen werden. 1955, auf ihrer Reise in die Innerschweiz, begleitete sie der legendäre Bündner Wildhüter und Schriftsteller Andreas Rauch gleich selber. Im gleichen Jahr kamen nochmals ein kräftiger Bock und zwei Geissen hinzu. Der damalige Obwaldner Polizeichef Hans Bürgi hielt in seinem Rapport fest: «Wir haben die schweren Tiere stundenlang bergwärts tragen müssen, bevor wir sie auf Alp Vormatt über der Stöckalp in ihre neue Heimat springen liessen.» Das Steinwild gedieh hier prächtig. Bald unternahmen die Tiere auch grosse Wanderungen. Schon 1956 sichtete man sie in Tannalp, am Geissberg und am Schwarzhorn. Riesig war die Freude, als Wildhüter Hans Schälin ein erstes Steinkitz beobachten konnte. Bis 1956 wurden sechs Kitze gesetzt. Einige Tiere wechselten allerdings nach Nidwalden. Oder ins Berner Oberland. Aber auch am Huetstock war der Bestand bis zum Sommer 1956 auf gesicherte 14 Tiere angewachsen. Dieser Erfolg kam der Pilatus-Bahn-Gesellschaft zu Ohren. 1960 teilte sie den Regierungen von Obwalden, Nidwalden und Luzern in einem Schreiben mit: «Da wir glauben, dass das Vorkommen von Steinwild im Pilatusgebiet für unsere Jugend sowie für Besucher des Berges eine grosse Attraktion sein wird, haben wir eine allfällige Aussetzung prüfen lassen.» Trotz einiger Bedenken wurde am Steiglihorn – mit Hilfe des Kantons Obwalden – eine Kolonie errichtet, und ab Mai 1961 konnten Touristen drei Böcke und zwei Geissen vom Kulm aus beobachten. Auch am Giswilerstock gab es inzwischen Steinböcke. Aus dem Berner Oberland waren sie eingewandert. Interessant ist auch, dass Steinwild, das man in Ob- und Nidwalden an zwei verschiedenen Orten ausgesetzt hatte, sich bald einmal fand, friedlich beisammen lebte und Junge in die Welt setzte.

Steinböcke wieder im Visier der Jäger

Was noch 1925, als die Versuche zur Wiedereinbürgerung in der Schweiz begannen, niemand zu hoffen gewagt hätte, ist heute selbstverständlich: Die gewaltigen Hörner lassen sich wieder an jeder Trophäenschau bestaunen. 1979 hatte der Bestand mit 300 Tieren seine Kapazitätsgrenze erreicht. Ab jetzt bekamen Obwaldner Hubertusjünger Jahr für Jahr Tiere zugelost, die sie als «Hegeabschuss» unter Aufsicht des Wildhüters erlegen durften. Einer der ersten Böcke wird im Gebiet Tannenstöckli von Niklaus von Rotz (Manzigä Glais), Wildhüter Walter Amrhein und Robi Durrer erlegt. Die Gemeinde Sachseln erhält von der Jagdverwaltung ein mächtiges Gehörn geschenkt. Weil sie doch das Tier – als Symbol für Kraft und Kühnheit – in ihrem Wappen führt.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Das alte Bild» stellen wir in loser Folge historische Fotografien vor und blicken auf die Geschichten dahinter. Alle bisherigen Beiträge unter www.nidwaldnerzeitung.ch/serien


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