Ein junger Flüchtling packt seine Chance

ASYL ⋅ Als 15-Jähriger flüchtete Mohammed Habach mit seiner Familie vor dem syrischen Bürgerkrieg in die Schweiz. Heute absolviert er eine Lehre als Coiffeur. Mohammed ist dankbar dafür, hier zu leben. Der Krieg verfolgt ihn aber noch immer.
05. November 2017, 05:00

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch

Mohammed Habach ist 18-jährig, wirkt aber älter. Das liegt daran, dass man den jungen Mann – gross gewachsen und kräftig gebaut – auch als gestandenen Spitzensportler durchwinken könnte. Zum anderen scheint nicht nur seine Physiognomie längst dem Teenager-Alter entwachsen. Der Syrer ist reifer und abgeklärter als viele, die fünf, sechs oder sieben Jahrzehnte an Lebenserfahrung mit sich herumtragen.

Das Glück eines Menschen wird auch dadurch bestimmt, wann und wo er zur Welt kommt. Wirkliches Pech haben jene, die in Ländern geboren werden, in denen die politischen Verhältnisse derart zerrüttet sind, dass ein menschenwürdiges Leben kaum oder überhaupt nicht möglich ist.

Abenteuerliche Flucht aus Syrien

Unter diesem Aspekt betrachtet, hat es das Schicksal mit Mohammed Habach nicht gut gemeint. Geboren in Syrien, das seit Jahrzehnten vom Assad-Clan beherrscht wird, schlitterte dieser Staat 2011 in einen Bürgerkrieg. Die traurige Bilanz: Zehntausende Tote und Verletzte, Millionen von Vertriebenen. Im weltweiten Fokus der medialen Berichterstattung stand lange Zeit die zweitgrösste Stadt Syriens, Aleppo. Und in dieser Millionenmetropole nahm das Leben von Mohammed zu Beginn des Jahres 2014 eine einschneidende Wende. Es war der Ort, wo die Flucht begann und der Aufbruch in ein neues Leben seinen Anfang nahm.

Rückblende: Aleppo war damals ein Tor zur Hölle. «Wenn wir uns auf den Strassen bewegten, musste man immer damit rechnen, beschossen zu werden. Wer gegen wen kämpfte, war meist völlig unklar. Bomben detonierten nicht nur in der Nacht, sondern auch tagsüber. Davon träume ich noch heute.» Auch die Familie von Mohammed musste Tote betrauern. Die vielen Verletzten konnten nicht oder nur rudimentär medizinisch versorgt werden. «In den Spitälern lief teilweise gar nichts mehr.»

Ausgesprochen ungemütlich war die Situation von Mohammeds Familie auch aufgrund ihrer kurdischen Wurzeln. Als Angehörige dieses Volkes drohte Ungemach von vielerlei Seiten. Angesichts dieser prekären Verhältnisse kam der Tag, an dem Mohammeds Eltern sich entschieden, zusammen mit den drei Kindern aus Aleppo zu fliehen.

Mohammed erzählt: «Zuerst machten wir uns in Richtung Efrin auf.» Das ist eine Stadt im Grenzgebiet zur Türkei. Der Weg dorthin entpuppte sich jedoch als Spiessrutenlauf. An den zahlreichen Checkpoints musste die Familie sich immer wieder peniblen Kontrollen unterziehen. «Es kam dazu, dass sie meinen Vater zwingen wollten, sich den Kampfverbänden von Assad anzuschliessen.» Mohammeds Vater aber war bereits damals gesundheitlich stark angeschlagen. Die Militärs rückten dann von ihrem Ansinnen ab, forderten dafür aber die Rekrutierung von Mohammed. Aber auch dieses Unheil wurde schlussendlich abgewendet, und es gelang der Familie, in die Türkei einzureisen. Das Türkei-Abenteuer endete in Istanbul. Dort heuerte der Vater einen Schlepper an, bezahlte diesen mit dem Auftrag, seine Frau und die Kinder nach Westeuropa zu bringen. Das Familienoberhaupt selber reiste nochmals nach Syrien zurück und folgte seinen Nächsten Monate später.

Mohammed sagt: «Nach einer mehrtägigen Reise kamen wir schliesslich in Zürich an. Wir kannten niemanden, sprachen kein Wort Deutsch und wussten nicht, wo wir waren.» Mohammed und seine engsten Verwandten gehören somit zu den knapp 16 100 Migranten, die seit 2011 aus Syrien flohen und in der Schweiz um Asyl nachfragten.

In Begleitung zweier Polizisten kam der damals 15-Jährige zusammen mit der Mutter und den zwei Brüdern zuerst ins Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen. Fingerabdrücke wurden genommen, Interviews geführt. Die aus Syrien Geflohenen durften schliesslich in der Schweiz bleiben und fanden später in Obwalden ein Domizil.

Mohammed hat seine Chance genutzt

Mohammed lernte rasch Deutsch, besuchte die 6. Klasse der Primarschule, um nachher in die Oberstufe zu wechseln. Schon in Syrien lautete sein Berufswunsch, als Coiffeur zu arbeiten. Dieses Ziel verfolgt er auch in seiner neuen Heimat. Nach einem Praktikum fand er in einer Filiale der Coiffurekette Gidor eine Anstellung. Dies dank der Unterstützung von Gidor-Miteigentümer Philipp Giger. Mohammed zieht ein Fazit über seine Zeit in der Schweiz: «Die Schweiz tat viel für mich, was für meine Heimat nicht zutraf. Ich sage nicht, dass es hier immer einfach war. Aber ich habe gelernt zu kämpfen.» Oder anders ausgedrückt: Jeder ist in gewissem Masse auch seines Glücks eigener Schmied.


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