Leitartikel

Ein wichtiger Schritt in der Kinderbetreuung

Leitartikel zu den kantonalen Abstimmungen in Obwalden vom 21. Mai.
15. Mai 2017, 05:00

«Lasst den Kindern nach der Schule ein Zuhause, wo sie ihre Anliegen im Kreis der Familie besprechen können. Der Ausbau von schulergänzenden Tagesstrukturen schwächt aus meiner Sicht die Qualität der Familie.» So wirbt der Sarner FDP-Kantonsrat Thomas Zumstein gegen die Vorlage, über die am 21. Mai in Obwalden abgestimmt wird. Es geht um die Einführung eines Angebots zur Kinderbetreuung über das Vorschulalter hinaus.

Wer in diesem Zusammenhang behauptet, der Staat wolle den Eltern die Kinder wegnehmen, der liegt definitiv falsch. Das Anliegen ist ein ganz anderes, das Regierung und die Mehrheit des Kantonsrats unterstützen. Nicole Wil­disen (SP), «Mutter» dieser Vorlage als damalige Initiantin im Kantonsrat, formulierte es an der ersten Parlamentssitzung so: «Den Eltern in unserem Kanton soll die Wahlfreiheit überlassen werden, ob beide Elternteile erwerbstätig sein wollen oder nicht.» Auch die Wirtschaft sei auf diese Arbeitskräfte angewiesen. «Zudem soll Alleinerziehenden und den sozial schwächer gestellten Eltern eine Berufstätigkeit ermöglicht und somit mehr Eigenverantwortung übertragen werden.»

Alle rufen nach qualifizierten Kräften und mehr inländischen Arbeitnehmern. Aber wenn dann gut ausgebildete Frauen – und Männer – nach der Kleinkindphase ihr Pensum erhöhen oder wieder einsteigen wollen, obwohl ihre Kinder noch nicht flügge sind, sollen sie ans Zuhause gebunden bleiben? Das ist weder im Sinne der Wirtschaft, die Arbeitskräfte braucht, noch der Eltern, für die ein Erwerbseinkommen nicht nur Geld zum Leben, sondern auch eine Gelegenheit ist, ihre Berufserfahrung in die Gesellschaft einzubringen, noch ist es im Interesse der Kinder, denen frühe soziale Kontakte mit «Gspäneli» in einer betreuten Umgebung sicher noch nie geschadet haben.

Natürlich kann man sich fragen, ob dieses Angebot von Kanton und Gemeinden verpflichtend angeboten werden muss. In diesem Bereich funktioniert Freiwilligkeit in der Regel aber nicht. Auch die Betreuung für Kinder im Vorschulalter ist nicht flächendeckend vorhanden. Die Gesetzesänderung sieht übrigens eine lange Übergangsfrist vor und lässt den Gemeinden viele Möglichkeiten offen, die Angebote beispielsweise auch über Tagesfamilien zu lösen. Eltern, die ihre Kinder im Vorschulalter bisher irgendwo in einer Krippe in einer anderen Gemeinde betreuen lassen konnten, stehen derzeit mit Beginn der Schulzeit vor schwierigen Problemen, weil sie örtlich an ihre Wohngemeinde gebunden sind. Und für viele Eltern wären die Tarife wohl zu hoch, um ihre Kinder regelmässig betreuen zu lassen. Darum ist vorgesehen, dass Gemeinden und der Kanton sich beteiligen und so Sozialtarife ermöglichen.

Dass die Angebote von den Gemeinden unter gewissen Bedingungen verpflichtend einzuführen sind, bedeutet nicht gleichzeitig eine Pflicht für Eltern, diese anzunehmen. Aber wer darauf angewiesen ist, soll davon profitieren können. Nicht alle Grosis oder Schwiegerväter wohnen in der Nähe der Kinder oder sind immer verfügbar. Und nicht alle Familien bestehen heute aus zwei Elternteilen. Da wird für eine alleinerziehende Person die fehlende Möglichkeit zu einem regelmässigen Einkommen schnell zur Existenzfrage. Dies immer zur Privatsache zu erklären, schliesst zu kurz.

Es ist nie der richtige Zeitpunkt, mehr Geld auszugeben. Doch in diesem Fall kommt für die rund 500 000 zusätzlichen Franken der öffentlichen Hand etwas zurück. Der Kernser Gemeindepräsident André Windlin (FDP) formulierte es kürzlich so: «Die Kosten dürfen nicht das Thema sein, durch die bessere Ausbildung der Eltern haben diese gute Einkommen und generieren höhere Steuergelder. Wir dürfen niemanden beim Zugang zum Erwerbsleben hemmen.» Seine Gemeinde will am heutigen Angebot auch festhalten, wenn sich der Kanton nicht wie vorgesehen an den Kosten beteiligt. «Wir meinen, wir haben die Entwicklung der Gesellschaft erkannt.» Genau darum geht es den Initianten und Befürwortern zu Recht.

Um Mehrausgaben geht es auch bei der zweiten Vorlage für eine bessere Abgeltung der Arbeit der Kantonsräte. Für Kommissionen, Fraktionen und Präsidien soll es pro Jahr total 45000 bis 65000 Franken mehr «Lohn» geben. Wer sparen will, dem ist auch das zu viel. Wer die Arbeit des Parlaments und die viele geopferte Freizeit honorieren will, der wird ein Ja einlegen. Die Kantonsräte werden auch zu den alten «Tarifen» nicht streiken. Eine Anerkennung, die immer noch moderat wäre im Vergleich mit unseren Nachbarkantonen, könnte aber die Motivation verstärken, nach besten Lösungen für den Kanton zu suchen.

Markus von Rotz, Redaktionsleiter

markus.vonrotz@obwaldnerzeitung.ch


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