«Emotionen gibt es hier gratis»

OBWALDEN ⋅ Die Stiftung Rütimattli in Sachseln feiert Geburtstag. Sie bietet Menschen allen Alters mit vielen verschiedenen Behinderungen ein Zuhause, Betreuung, Arbeit und Ausbildung und ist damit in der Schweiz einmalig.
11. September 2017, 07:34

Franziska Herger

franziska.herger@obwaldnerzeitung.ch

Es ist kurz vor 8 Uhr im Rütimattli hoch über dem Sarnersee. Noch herrscht idyllische Ruhe in der Stiftung für Menschen mit Behinderung, die am Samstag 50-jährig wird (siehe Kasten). Doch ­damit ist es bald vorbei. In Bussen und Taxis treffen Schüler und Erwachsene ein, begrüssen sich lautstark und machen sich auf den Weg in die Schule, die Tagesstätte, zur Arbeit oder in die Therapie. Beim Eingang wartet Guido Seeberger auf den Bus, der ihn nach Sarnen in die Werkstatt bringt, ein ruhiger Pol mitten im Trubel. Der 49-Jährige ist seit 30 Jahren im Rütimattli. «D Arbed gfallt mer mängisch, mängisch ai nid», erzählt er verschmitzt.

Er ist einer von 300 Personen, die das Angebot des Rütimattlis nutzen, von Kleinkindern bis zu Senioren und mit einem breiten Spektrum an geistigen, körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Die Stiftung vereint Wohnen, Arbeit und Ausbildung und die heilpädagogische Schule. «Mit diesem grossen Angebot sind wir schweizweit einzigartig», sagt Peter Truttmann, seit letztem November Geschäftsführer und Nachfolger von Gerda Lustenberger.

Für fünf Kinder hat der Unterricht gerade begonnen: Heute machen sie Fruchtsaft. Mit Hilfe von Bildern wählen die Sieben- bis Zwölfjährigen ihre Wunschfrucht. Corinne von Deschwanden, Fachfrau für unterstützte Kommunikation, hilft Selina beim Aussuchen. «Die Verständigung ist gleichzeitig die grösste Herausforderung und das Schönste an meinem Job», sagt sie. Ihr Tipp im Umgang mit Menschen mit einer Beeinträchtigung ist einfach: «Man sollte die Person in den Vordergrund stellen. Die Behinderung ist nur ein Teil des ganzen Menschen.» Peter Truttmann stimmt dem zu. Die Erwachsenen im Rütimattli werden von ihm gesiezt. «Auch Menschen mit einer Behinderung muss mit dem nötigen Respekt begegnet werden», sagt der Geschäftsführer.

Die Finanzierung ist eine Herausforderung

Eine, die im Rütimattli gross geworden ist, wirkt heute in der Küche: Käthi Abplanalp ist dabei, den Geschirrspüler auszuräumen. 1978 kam sie in die Schule im Rütimattli, besuchte dort später die Hauswirtschaftsschule und arbeitet nun seit 28 Jahren im Hausdienst. Wie das Rütimattli wird sie dieses Jahr 50 und freut sich daher gleich doppelt auf das Jubiläum: «Es kommen sicher viele Leute. Ich werde auch selber mithelfen.» Abplanalp lebt mit sechs Mitbewohnern in einer externen Wohngruppe. «Die Betreuer kommen nur am Abend zwischen 17 und 22 Uhr», erzählt sie stolz.

Für diejenigen Bewohner, die intensivere Betreuung brauchen, gibt es fünf frisch renovierte Wohnhäuser. Das letzte ist gerade erst einzugsbereit. Weitere Investitionen in neue Gebäude stehen in nächster Zeit nicht an, so Truttmann. «Die Finanzierung ist eine Herausforderung.» Ein Tag Schwimmunterricht pro Woche im Therapiebad musste schon gestrichen werden. «Auf nächstes Jahr fordert die Regierung noch einmal drei Prozent Einsparungen. Wir müssen das Notwendige vor das Wünschenswerte stellen.» Trotzdem schätzt Truttmann, im Nebenamt Gemeindepräsident von Ennetbürgen, die Zusammenarbeit mit den Behörden. «Die Wege in Obwalden sind sehr kurz. In meiner ersten Woche habe ich gleich vier Regierungsräte kennen gelernt.»

Gleich vor den Wohnhäusern tummeln sich Enten, Hasen, Schweine und zwei Islandpferde in einem grosszügigen Gehege. Die kleine Elin ist gerade mit Therapiepferd Oskar unterwegs, sanft geführt von ihrer Threapeutin. In langsamem Trott verschwinden sie um die Ecke. «Das ist der Vorteil dieser abgeschiedenen Lage», sagt Truttmann. «Wir können die Leute etwas gehen lassen, ohne uns gleich Sorgen zu machen.»

Integration ist Truttmann trotzdem wichtig: «Wir machen das zum Beispiel mit unseren Werkstätten in Sarnen und indem wir immer wieder versuchen, Ausgebildete in der Privatwirtschaft unterzubringen.» In seinem ersten Jahr sei ihm vor allem die grosse Sympathie aufgefallen, die der Stiftung in Obwalden entgegengebracht wird, sagt Truttmann. «Menschen mit einer Behinderung verstecken sich heute im Unterschied zu früher nicht mehr. Das Rütimattli ist eine Marke.» Und mit 200 Angestellten (124 Vollzeitstellen) auch ein namhafter Arbeitgeber in Obwalden.

Rütimattli will ohne viel Pomp Danke sagen

Pirmin von Deschwanden und Vinzenz Murer sind derweil gerade dabei, das Pferdegehege zu reinigen. Murer ist 26, und «Pirmin ist 28, das weiss er nie», so Vinzenz. Er kümmert sich rührend um seinen Kollegen. «Ein eingespieltes Team», sagt Truttmann. Murer gibt das Kompliment zurück: «Wir haben einen coolen Chef.» Der ist sichtlich gerührt: «Ich sage immer, die Emotionen erhält man in diesem Job hier gratis.»

Den 50. Geburtstag des Rütimattlis will der Geschäftsführer schlicht begehen. «Erstens, weil das Jubiläumsbudget nicht so gross ist», sagt er lachend, «und zweitens, weil wir vor allem Danke sagen wollen, ohne viel Pomp.» Truttmanns Vision für die nächsten 50 Jahre Rütimattli: «Wir wollen auch in Zukunft Arbeitsplätze, Integration und ein Zuhause für Menschen mit Behinderungen bieten.»


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