Wie Engelberg aus Abfall Strom macht

OBWALDEN ⋅ Die Abwasserreinigungsanlage Engelberg verwertet, was andere loswerden wollen. Sie erzeugt Strom und Heizwärme auch aus Molke – und spart so 2000 Liter Heizöl ein.
23. Dezember 2017, 12:16

Der Schnee ist da, und im Wintersportort Engelberg herrscht Hochbetrieb. In der Zwischensaison aber war Flaute – in jeder Beziehung. Weniger Touristen bedeuten nicht nur weniger Einnahmen, sondern auch weniger Abwasser. Ein Problem für die Energieproduktion der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Engelberg, mit der das eigene Gebäude beheizt wird, sagt Bereichsleiter Robert Schleiss. «In den vergangenen Jahren mussten wir daher ab Mitte Oktober jeweils zwei Monate lang Heizöl dazukaufen.»

Die Alternative dazu ist naheliegend, zumindest geografisch: Molke von der Schaukäserei Kloster Engelberg, wo sie als Abfall aus der Käseproduktion anfällt. Gemäss eigenen Angaben stockt die ARA Engelberg als einzige in der Zentralschweiz damit ihre Energieproduktion auf. Seit dem 24. Oktober verarbeitete sie bis vor kurzem täglich bis zu 2000 Liter Molke.

Die ARA verwertet bereits seit Jahren das Speisefett aus den Fettabscheidern von heimischen Hotel- und Restaurantbetrieben. «Molke jedoch ist in der Abwasserszene nicht alltäglich», sagt Schleiss. Die Idee sei entstanden, weil die Schaukäserei die Transportwege für die Entsorgung habe verkürzen wollen, sagt ­deren Geschäftsführer Walter Grob. «Einen Teil verwenden wir für unsere Molke-Kosmetik. Der Rest wurde bisher an Schweinemästereien im Unterland geliefert. Durch die Zusammenarbeit mit der ARA können wir Transportkosten sparen und die Molke gleichzeitig ökologisch sinnvoll entsorgen.»

Die Energieproduktion hat ihre Tücken

Molke besteht zwar zu fast 90 Prozent aus Wasser, doch die restlichen 10 Prozent haben es in sich: Milchzucker, Fette und Eiweiss sind sehr energiereich. Seit einiger Zeit hat die ARA Engelberg mit Hilfe von externen Fachleuten die zusätzliche Energieproduktion mit Molke getestet und dokumentiert. Sie hat ihre Tücken: «Molke braucht mindestens 25 Tage, um zusammen mit den Feststoffen aus dem Abwasser im Faulraum zu gären», erklärt Schleiss. So entsteht Methangas. Ist der Faulraum zu klein oder wird die Minimaltemperatur von 33 Grad unterschritten, wird der Gärungsprozess verlangsamt oder kann im Extremfall gar nicht stattfinden. Auch sei Molke sehr sauer, weshalb der pH-Wert im Faulraum sorgfältig überwacht werden müsse, erklärt Robert Schleiss. Das Methangas wird anschliessend mit dem betriebseigenen Blockheizkraftwerk verbrannt. So entsteht thermische Energie, um den Faulraum selbst und auch die Betriebsgebäude der ARA zu heizen.

Ein nachgeschalteter Generator produziert zudem elektrische Energie, zusammen mit einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach der ARA und dem betriebseigenen Kleinwasserkraftwerk. «Im laufenden Jahr hat die Anlage so 100 Prozent ihrer benötigten Wärme und Elektrizität selber hergestellt», sagt Bereichsleiter Robert Schleiss stolz. Das sind 450000 Kilowattstunden. Zudem habe ein beachtlicher Überschuss von 120000 Kilowattstunden ins Stromnetz eingespeist werden können.

Durch die Molke konnte das Produktionstief in der Zwischensaison aufgefangen werden. Ob sich die Molkeverwertung auch finanziell lohne, sei schwer zu sagen, meint Schleiss. «Einerseits haben wir in dieser kurzen Zeit rund 2000 Liter Heizöl eingespart. Andererseits verursacht die Molke auch zusätzliche Kosten, so müssen etwa deren Reststoffe entsorgt werden. Ein Geschäft machen wir sicher nicht.»

Robert Schleiss und Walter Grob können sich vorstellen, die Molke der Schaukäserei auch im nächsten Herbst wieder in der ARA Engelberg zu verwerten. Es ist sogar ein Ausbau der Zusammenarbeit angedacht, zumal eine Erweiterung des Produktionsbereichs der Schaukäserei geplant ist. Käserei-Geschäftsführer Walter Grob dazu: «Wir stellen unseren Käse aus reiner Engelberger Milch her. Da ist es doch schön, wenn auch die Molke im Tal verwertet werden kann.»

 

Franziska Herger

franziska.herger@obwaldnerzeitung.ch


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