Die grösste «Volkszählung» im Sarnersee: Fische lassen Experten staunen

OBWALDEN ⋅ Vier Tage lang haben Wissenschafter und einheimische Helfer im Sarnersee Fische gefangen und vermessen. Dabei sind ihnen auch seltene Arten ins Netz gegangen.
16. September 2017, 05:00

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Eben graut der Tag. Über den ­Obwaldner Bergen hängen dicke Wolken, immer wieder regnet es. Alles ist noch verschlafen und still. Nur am Ufer des Campingplatzes am Sarnersee herrscht ­bereits reges Leben. Eine Equipe von nicht weniger als 13 Fachpersonen und zahlreiche einheimische Helfer richteten sich diese Woche fürs «Projet Lac» am Sarnersee ein. Etwas populärer ausgedrückt: Für die grösste «Volkszählung», die Sarnersee-Fische je über sich ergehen lassen mussten (wir berichteten).

Die Männer spannen Regendächer auf. Auch werden zahlreiche Utensilien bereitgestellt, mit denen man gefangene Fische später bestimmen, untersuchen, messen und wägen wird. Schon am Vorabend hatte man an verschiedenen Stellen im See – vom Sandbett bis zum Hahnenried und Forst – Netze verankert und an der Seeoberfläche durch rote Bojen und blinkende weisse Lampen signalisiert. Im Ganzen sollen während der vier Tage nicht weniger als 90 Vertikal­netze und 56 Grundnetze gesetzt werden.

Fische sind wichtiger Indikator für das Ökosystem

Pascal Vonlanthen, Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft Teleos und Aquabios, die die Erhebung am Sarnersee durchführt, und sein Bootsfahrer Daniel Schluncke sind äusserst gespannt. Zwar hat man in den letzten Jahren schon über 25 voralpine Seen untersucht. Der Sarnersee jedoch war nicht dabei. Welche Überraschungen wird er bringen? Schon bei den ersten Netzen, die hochgezogen werden, kommt von den beiden Männern das eine oder andere «Ah» und «Oh». Da zappeln im Netz gewichtige, wunderschöne Egli in erstaunlicher Zahl. Auch eine Trüsche holt man vom Grund. So richtig anzusehen ist den beiden Männern die Freude, als eine kleine, aber in vielen Seen sehr selten gewordene Groppe – andernorts auch Rotzkopf oder Mühlkoppe geheissen – in den Maschen ist.

«Wir können so viel und so lang in den See schauen, wie wir wollen, die Fische in der Tiefe sehen wir nicht», sagt Melanie Hodel. Sie ist die zuständige wissenschaftliche Mitarbeiterin in Obwaldens Abteilung Umwelt. Um die Artenvielfalt, die Häufigkeit und die Biomasse (Gewicht in einem bestimmten Lebensraum) der Fischfauna und die Verteilung der Fische im See abzuschätzen und zu dokumentieren, hat Obwalden den Auftrag für ein «Projet Lac plus» mit umfang­reicher Befischung erteilt. Melanie Hodel dazu: «Fische sind ein wichtiger Indikator fürs ganze Ökosystem, deshalb sind wir ­gespannt auf die Resultate.» Nur wenn man sie kenne, könne man Lebensräume der Fische gezielt erhalten und aufwerten. «Gespannt bin ich etwa, ob die vor ­einigen Jahren eingesetzten ­Seesaiblinge noch zu finden sind oder ob es im See viele standortfremde Arten wie Sonnenbarsch oder Kaulbarsch gibt», sagt Melanie Hodel.

Über ein Meter grosser Hecht gefangen

Fürs «Projet Lac» am Sarnersee werden bewährte Methoden aus Frankreich und nach EU-Norm angewandt. Jedoch nicht einfach so: «Hier kombinieren wir die Methoden erstmals, um ihre Schwächen zu eliminieren und die Mortalität der Fische gering zu halten», erklärt Pascal Vonlanthen. Und er freut sich, dass diese Ziele erreicht sind.

Und doch sind nicht alle Sportfischer begeistert über die Forscher. Ein Leser hatte zum Artikel unserer Onlineausgabe kommentiert: «So macht man keine Fischzählung, so werden Fischbestände ausgerottet oder noch mehr dezimiert.» Pascal Vonlanthen beruhigt: «Wir ­fischen Informationen, nicht nur Fische.» Bis sämtliche Daten ­ausgewertet und frei zugänglich sind, wird es noch ein halbes Jahr dauern. Einige überraschende Ergebnisse aber verrät Vonlan­then schon heute: «Wir staunten etwa über die guten Bestände ausgewachsener Egli im Sarnersee. Zum überhaupt ersten Mal haben wir Nasen, eine Karpfenart, oder die seltene Felche Sarner Balchen im Netz gehabt. Auch einen Hecht von einem Meter und zwölf Zentimetern haben wir in all den bisher untersuchten Seen noch nie gefangen.»


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