Raser in Lungern: Gericht weist abgekürztes Verfahren ab

OBWALDEN ⋅ Ein Auto- und ein Töfflenker, die in Lungern ausserorts über 140 Stundenkilometer schnell fuhren, hatten sich gestern vor dem Kantonsgericht zu verantworten. In beiden Fällen endete es mit einer Überraschung.
10. August 2017, 05:00

Markus von Rotz

markus.vonrotz@obwaldnerzeitung.ch

53 Fahrzeuge sind an jenem Sonn­­tag dank Lasermessung mit «teilweise massiven Geschwindigkeitsüberschreitungen» erwischt worden, wie die Polizei damals meldete. Zweieinhalb Stunden war sie am 16. Oktober 2016 vor Ort. 9 Fahrer wurden verzeigt, 2 Töff- und ein Autofahrer waren mit 140 km/h und mehr unterwegs. Erlaubt sind auf der Strecke nach dem Brünig-Schwingplatz in Richtung Luzern 80 km/h. Die drei gelten als Raser im Sinne des Gesetzes. Zwei hatten sich gestern vor Kantonsgericht zu verantworten – der dritte Fall wird später verhandelt. Die Täter waren geständig, Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren sich im Sinne des abgekürzten Verfahrens einig übers Strafmass. In solchen Fällen leitet der Gerichtspräsident als Einzelrichter die Verhandlung.

Wegen Notfall den Termin verpasst

Es hätte also schnell gehen können. Doch im ersten Fall eines 38-jährigen Töfffahrers aus Stuttgart kam es gar nicht zur Verhandlung, weil dieser fernblieb. In einer vom Gericht angeordneten Pause konnte der Verteidiger seinen Mandanten endlich erreichen und erfuhr, dass dieser wegen eines Notfalls im Geschäft den Termin verpasst habe. Er bedaure das sehr und sei nach wie vor sehr interessiert am abgekürzten Verfahren. Er würde gar auf eine weitere Befragung verzichten. Weil der Angeklagte aber laut Gesetz anwesend sein muss, bot Gerichtspräsident Roland Infanger auf Antrag des Verteidigers einen neuen Termin an.

Der Deutsche und der gestern ebenfalls angeklagte 36-jährige Autofahrer aus Mazedonien, der im Kanton Bern wohnt, waren damals fast gleichzeitig innert zehn Minuten erwischt worden. Für beide lautete die Anklage auf «qualifiziert grobe Verletzung» von Verkehrsregeln mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten und einer Busse von 600 Franken. Der Deutsche darf zwei Jahre in der Schweiz nicht mehr fahren, der Mazedonier muss den Ausweis mindestens zwei Jahre abgeben – das Verfahren läuft noch.

Und der Fall dauert nun noch länger. Ende Juli hatte Gerichtspräsident Roland Infanger Staatsanwalt und Verteidigerin nämlich mit der Nachricht überrascht, er finde aufgrund der Videoaufzeichnung, man sollte diesen Fall auch zusätzlich auf «waghalsiges Überholen» überprüfen. Der Staatsanwalt bezweifelte, dass solche Abklärungen hilfreich sein könnten, zumal die Polizei diesen Vorwurf nicht gemacht habe und es damals auch keine Reaktionen vom Gegenverkehr gegeben habe. Dieser Meinung war auch die Verteidigerin. Sie plädierte gegen eine solche Ausweitung der Anklage, auch weil dazu das rechtliche Gehör in der kurzen Zeit nicht möglich gewesen sei. Nach kurzer Beratung eröffnete Infanger zur Überraschung beider, er könne das abgekürzte Verfahren nicht akzeptieren. Die Strecke sei gefährlich, ein Autofahrer habe zum Überholen angesetzt und abgebrochen. Das müsse nochmals neu angeschaut werden. «Ich kann es nicht verantworten, das unter den Teppich zu wischen.» Wann und in welcher Form der Fall weitergeht, blieb damit gestern offen.

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