Gletscher leidet ähnlich wie im Hitzesommer 2003

ENGELBERG ⋅ Nach zwei «ruhigeren» Sommern setzt die Hitze in diesem Jahr dem ewigen Eis wieder stärker zu. Aber auch heftige Regengüsse spielen eine Rolle. Die Gletscherschmelze am Titlis bedingt Anpassungen bei der Linienführung des Skilifts.
08. August 2017, 05:00

Martin Uebelhart

martin.uebelhart@obwaldnerzeitung.ch

Gletscher, die sich immer mehr zurückziehen, haben kürzlich an verschiedenen Orten Leichen lange vermisster Personen freigegeben. Kann dies auch am Titlis eintreffen? Ihnen sei derzeit nichts bekannt über Vermisste, die unter den Gletschermassen wieder zum Vorschein kommen könnten, sagt Peter Reinle, Marketingleiter und stellvertretender Geschäftsführer der Titlisbahnen. Im Hitzesommer 2003 war beim Firnalpeli­gletscher ein junger Alpinist gefunden worden, der 1985 verunglückt war. Zwei Jahre später gab das Eis auch seinen Kameraden frei.

Fest steht aber: Der diesjährige Sommer setzt auch dem Gletscher am Titlis zu. «Es ist vergleichbar mit 2003», sagt Reinle. «Nur war damals das Eis noch dicker.» Heute seien es an der dicksten Stelle wohl noch so 40 bis 50 Meter, schätzt Reinle. Genaue Zahlen über das Abschmelzen des Gletschers am Titlis haben die Bahnen nicht. Von den rund 700 Gletschern in der Schweiz wird nicht jeder im Detail vermessen. Doch auch die vorliegenden Zahlen machen Eindruck. 1850 hatte der Gletscher eine Fläche von 2,71 Quadratkilometern. 2010 waren es noch 0,93. «Seit 1970 ist der Gletscher etwa um die Hälfte zurückgegangen», betont Reinle.

Untergrund ist teilweise instabil

Die Veränderungen am Gletscher stellen die Verantwortlichen der Titlisbahnen vor etliche Herausforderungen. «Wir müssen die Infrastruktur immer anpassen.» Die Hauptinstallationen wie Tal- und Bergstationen, aber auch jene des Gletscherlifts, seien zwar fest im Fels verankert. «Doch die Stützen stecken im Eis, und da müssen wir ab und zu Anpassungen an der Linienführung vornehmen. So auch diesen Sommer», erzählt Reinle. Zweimal schon ist die Linienführung des Lifts komplett geändert worden.

Die Infrastruktur für den Schneesportbetrieb ist aber nicht das Einzige, das überwacht und angepasst werden muss. «Wenn das Eis verschwindet, ist der drunterliegende Grund nicht zwingend stabil», weiss Reinle. «Es kann zum Beispiel vermehrt zu Steinschlägen kommen.» Darum würden die Mitarbeiter auch immer mal wieder ein Schutznetz anbringen.

Hoffen auf eine Schneedecke

Wie sich der Gletscher weiter entwickelt, sei schwierig abzuschätzen, so Reinle. 2015 und 2016 seien nicht so schlimm gewesen. «Das ist immer sehr unterschiedlich». Im Moment liege praktisch kein Schnee mehr auf dem Eis. «Was dem Gletscher zusätzlich zu schaffen macht, sind die extremen Regenfälle. Sie schwemmen auch noch den letzten Rest Schnee weg, und das Eis liegt an der prallen Sonne. Es wäre nicht das Schlechteste, wenn wieder etwas Schnee fallen würde. Wenn eine Schicht von nur 30 Zentimeter auf dem Eis liegen würde, würde das etwas bringen.» Die Wetterprognosen für die zweite Wochenhälfte lassen hoffen. Schlimm wäre zudem ein trockener Herbst ohne Niederschläge oder Regen bis in grosse Höhen, so der Marketingleiter weiter. Schon seit Jahren überlassen die Titlisbahnen das Schicksal des Gletschers aber nicht alleine der Natur. Eine Fläche von rund 7000 Quadratmetern wird mit einem Vlies abgedeckt. «An dieser Stelle schmilzt das Eis deutlich geringer und langsamer, als wenn wir es nicht abdecken würden.»

Zudem entsteht derzeit eine Leitung für eine Beschneiungsanlage beim Gletscher. Diese soll nicht nur während der Wintersaison zum Einsatz kommen. «Wir möchten Erfahrungen sammeln, ob wir in Sommernächten mit Minustemperaturen ebenfalls beschneien können. Um dank der Schneeschicht das Abschmelzen des Eises zu verzögern.» Andernorts habe man damit schon positive Erfahrungen gesammelt, sagt er.

Der Tatsache der stetig abschmelzenden Gletscher müsse man jedoch ins Auge sehen, so Peter Reinle weiter. «Wir machen Symptombekämpfung.» Es sei nicht nur ein Problem am Titlis, sondern ein globales.


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