Nun ruft der Berg auf sanftere Art

LUNGERN ⋅ Nach 30 Jahren zieht sich Thomas Gasser aus seinem Unternehmen zurück. In dritter Generation hat er die Gasser Felstechnik AG landesweit bekannt gemacht. Seit acht Jahren lebt der passionierte Wanderer mit der Diagnose Parkinson.
17. September 2017, 05:00

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@ obwaldnerzeitung.ch

Vielleicht ist es Galgenhumor, wenn Thomas Gasser trocken bemerkt: «Ich wollte in meinem Leben immer 50 Jahre alt werden. Dieses Ziel habe ich ja schon mal erreicht.» Mittlerweile ist der Vollblutunternehmer, der die bekannte Gasser Felstechnik AG zu ihrem heutigen Ruf geführt hat, 60 Jahre alt. Und im Begriff, das Steuerrad weiterzugeben. Vor acht Jahren erhielt er die Diagnose Parkinson. Durch eine Störung im Bewegungsablauf, ähnlich wie ein Muskelkater, habe er bemerkt, dass etwas nicht stimme. «Das positioniert einen neu», kommentiert er nüchtern die Gewissheit über die als unheilbar bekannte Nervenkrankheit, an der etwa auch Muhammad Ali oder Papst Johannis Paul II. litten.

Es sei ein Glück, dass er so gut auf die Medikamente anspreche, sein Krankheitsbild sei sehr positiv. Thomas Gasser spricht offen darüber. «Ich möchte das nicht verstecken, irgendeinmal schlägt es durch, das ist fast ein Muss für einen Patron, das zu kommunizieren.» Die Reaktionen seien sehr erfreulich. «Vielfach sagen die Leute ‹Chapeau› oder ‹Kompliment›», erzählt er.

Schon vor zehn Jahren, also vor der Diagnose, habe er begonnen, seine Nachfolge zu regeln. Tochter Mira und die Söhne Sebastian und Ambros Gasser werden die Aktien ihrer Eltern zu 100 Prozent übernehmen, das fachliche Wissen steuern Matthias von Ah, seit vier Jahren CEO, sein Stellvertreter Tom Aschwanden in der Firmenleitung und seine Verwaltungsräte bei.

In Zeiten von Bergstürzen künftig noch gefragter

Auf die Frage, auf welche Projekte er besonders stolz sei, sagt der Unternehmer: «Es ist die gesamtheitliche Betrachtung. Ich bin zufrieden, dass wir mit den Mitarbeitern ein Team, eine Unternehmung bilden, die breit aufgestellt ist, das für die verschiedensten Herausforderungen Lösungen aufzeigen kann und längerfristig Zukunft hat.» Als Beispiel nennt er die Felsstürze von Gurtnellen, bei denen Gesamtlösungen für die Nationalstrasse (2006) und die Bahn (2012) gefordert gewesen seien. Gasser rechnet damit, dass in Zeiten sich häufender Bergstürze solche Lösungen künftig noch mehr gefragt sein werden.

In Erinnerung bleiben ihm die grösste Sprengung der Schweiz mit 200000 Kubikmetern gelöstem Gestein am Grimselpass, die Wiedererschliessung Engelbergs nach dem Hochwasser 2005 oder die Sicherung am Lopper nach dem Steinschlag 2009. Wenn Spezialisten am Berg gefragt sind, kommt immer wieder die Lungerer Firma zum Zug. Mindestens genauso wichtig sei ihm persönlich aber die Ausbildung der 20 bis 22 Lehrlinge, «das stille Wirken im Hintergrund», wie er sagt. Gasser gilt als sozialer Arbeitgeber, öffentlich hat er sich mehrfach «gegen Lohnexzesse» überbezahlter Manager eingesetzt.

Gibt es Ereignisse, bei denen er gern das Rad zurückdrehen würde? «Die Unfälle, die einen mit Abstand am meisten belastet haben.» Allerdings lägen die Zahlen der Gasser Felstechnik AG unter dem landesweiten Schnitt der Bauunfälle. «Wir können belegen, dass Unfälle nie aus Fahrlässigkeit, technischen Gründen oder Ausbildungsmangel passiert sind, sondern aufgrund von Ereignissen in der Natur.» Nahegegangen sind sie ihm trotzdem.

Fussstapfen hat Gasser auch in seinem Heimatkanton hinterlassen: Die einzigartige unterirdische Schiessanlage und der Brandschutztunnel in Lungern, in dem auch ausländische Feuerwehren üben. Ausserdem gilt er als einer der Wegbereiter für das gegenwärtige Hochwasser-Stollenprojekt. So ganz untätig bleibe er auch in naher Zukunft nicht. Diverse Mandate und Ämter in Verwaltungsräten ausserhalb der Firma Gasser laufen erst nach und nach aus. Häufig wird er gefragt, ob er denn jetzt verreise. «Nein, das nicht», sagt Gasser. «Ich habe vor, ähnlich weiterzuleben wie jetzt. Vielleicht etwas langsamer – und mit mehr Zeit für meine Hobbys Wandern, Schwimmen, Kochen und Lesen.»


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