In Engelberg nahm schon mancher Olympiatraum seinen Anfang

OBWALDEN ⋅ 24 Zentralschweizer kämpfen an den Olympischen Spielen um Medaillen. Darunter sind auffällig viele aus dem Klosterdorf. Die Sportmittelschule ist nicht der einzige Grund dafür.
10. Februar 2018, 18:59

Lena Häcki, Denise Feierabend, Michelle Gisin, Marc Gisin, Fabian Bösch: Diese fünf Athleten haben mehrere Gemeinsamkeiten. Einerseits gehören sie zu den 24 Zentralschweizer Sportlern, die an den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang um Medaillen kämpfen. Der andere gemeinsame Nenner ist die Herkunft. Sie alle kommen aus Engelberg wie auch Dominique Gisin, die an den Olympischen Winterspielen vor vier Jahren in Sotschi die Goldmedaille in der Abfahrt geholt hat.

Für diesen ausgeprägten Sportsgeist im Klosterdorf mit 4430 Einwohnern sind laut Eskil Läubli, Geschäftsführer der dort ansässigen Sportmittelschule, verschiedene Faktoren verantwortlich. «Engelberg bietet mit seiner Landschaft, dem schneesicheren Wintersportgebiet und den verschiedensten sehr aktiven Sportvereinen die besten Voraussetzungen für eine Sportlerkarriere. In fünf bis zehn Minuten ist man vor Ort.» Dank der gut strukturierten Sportklubs wie dem Skiclub Engelberg setze die Begabtenförderung früh ein. Mit dem jährlichen Skisprung-Weltcup sei das Klosterdorf auch selber Austragungsort eines wichtigen sportlichen Wettkampfs.

Kein Wunder, dass bei diesen idealen Bedingungen 1995 die Sportmittelschule ins Leben gerufen wurde, um die Nachwuchssportler noch optimaler zu fördern. Die fünf diesjährigen Engelberger Olympiateilnehmer wie auch Dominique Gisin haben diese sportliche Kaderschmiede durchlaufen. Die Ansprüche sind hoch. Von den knapp 70 Anwärtern schaffte im vergangenen Jahr knapp die Hälfte die Aufnahme in die Sportmittelschule mit rund 100 Schülern. Dabei werden nicht einfach die Besten genommen. Eskil Läubli spricht von einer objektiven Potenzialbeurteilung. «Wir versuchen abzuschätzen, wie viel Leistungssteigerung bei den Kandidaten möglich ist. Dabei bevorzugen wir Kandidaten mit dem grössten Potenzial.» Zwölf Trainer versuchen, die Sportler optimal zu fördern. Parallel zum intensiven Training erwerben die Schüler im halbtägigen Unterricht die gymnasiale Matura oder den Fähigkeitsausweis als kaufmännischer Angestellter (mit anschliessendem Praktikum).

«Es ist eine enorme Belastung, neben bis zu 1000 Trainingsstunden jährlich noch für die Schule zu lernen», betont Eskil Läubli (45), der als studierter Sportwissenschafter und diplomierter Trainer für Spitzensport seit 1999 an der Sportmittelschule arbeitet und sie seit 2005 leitet. «Alles dreht sich um den Sport. Der Stundenplan der Schule wird bei Bedarf entsprechend angepasst. Wenn ein Sportler sieben Tage die Woche auf die Piste muss, dann ist das eben so», macht er ein Beispiel. «Nach einem Trainingswinter wird es im Frühling schulisch besonders streng, wenn Stoff nachgeholt werden muss.» Für ihn ist darum klar: «Eigentlich müssten alle Absolventen der Sportmittelschule einen Weltmeistertitel bekommen.» Total reisen 14 ehemalige und 2 aktuelle Sportmittelschüler nach Pyeongchang. An den Olympischen Winterspielen in Sotschi waren es 11 ehemalige und 4 Schüler, die damals noch an der Sportmittelschule trainierten. Das ist in etwa gleich viel wie am Sport-Gymnasium Davos, wo heuer 2 aktuelle und 15 ehemalige Schüler an die Olympischen Winterspielen gefahren sind. Das Sport-Gymnasium beherbergt 136 Schüler.

«Die abermals hohe Teilnehmerzahl ist natürlich schön und ist ein Zeichen dafür, dass wir vieles richtig gemacht haben», so Eskil Läubli. Doch er mahnt zur Vorsicht: «Eine Schule auf diesen Wert zu reduzieren, wäre gefährlich. Eine Olympiamedaille sagt ja nur etwas über das eine Rennen aus, ist eine Momentaufnahme. Ein Gesamtweltcup-Sieg gibt ein viel aussagekräftigeres Bild über die Leistung während der ganzen Saison.»

«Medaillen würden uns extrem freuen»

Trotzdem sei Olympia das grosse Thema an der Sportmittelschule Engelberg. «Wir verfolgen das Geschehen in Südkorea intensiv von Engelberg aus und sind mit unseren Teilnehmern in Kontakt. Medaillen würden uns natürlich extrem freuen.» Die Zeichen stünden gut: «Das Potenzial ist grösser geworden. Freestyler, die vor vier Jahren noch extrem jung waren, sind heute medaillenverdächtig», so Läubli. Zu diesem Medaillenglück soll auch ein kleiner Plüschtiger beitragen, der im Gepäck der ehemaligen und der aktuellen Sportschüler mitreisen darf. Ein grosser Plüschtiger hingegen bleibt in Engelberg – und wartet auf einen allfälligen Olympia­sieger.

 

Matthias Piazza

matthias.piazza@obwaldnerzeitung.ch


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