Wirtshäuser und Frauen waren den Internierten in Obwalden verboten

GISWIL ⋅ Die Ausstellung «Interniert in Obwalden» erhellt ein bisher unbeachtetes Kapitel kantonaler Geschichte. Sie ergänzt eine schweizweite Wanderausstellung über Polenwege.
16. April 2018, 05:00

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@obwaldnerzeitung.ch

Jeder kennt in Obwalden die «Polenstrasse» zwischen Sarnen und Flüeli-Ranft oder die «Polenkapelle» in Giswil. Aber wer kennt schon den Hintergrund der in Obwalden internierten Polen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs? Allein 1943 waren in Obwalden 1150 Polen interniert. Die polnischen Soldaten, die auf Seite der Franzosen gegen die Deutschen unterlegen waren und nun in die Schweiz drängten, blieben ganze fünf Jahre bis Kriegsende. Sie durften sich nicht frei bewegen, mussten in Internierungslagern leben und für Kost und Logis arbeiten.

In dieser Zeit bauten die polnischen Soldaten in der Schweiz 274 Kilometer neue Strassen und reparierten 200 Kilometer vorhandene. Laut Urs Schorno vom Vorstand der Heimatkundlichen Vereinigung Giswil am meisten in Graubünden gefolgt von Obwalden.

Von Beruf war Schorno vor seiner Pensionierung Tierarzt, historische Themen faszinieren ihn seit je. «Ich bin beeindruckt über die enorme Arbeitsleistung der hier internierten Polen», sagt er im persönlichen Gespräch. «Sie waren fünf Jahre weg von daheim, eingeschlossen. Es war sehr gut, dass sie arbeiten konnten. Sie haben bleibende Werke geschaffen.»

Akribische Recherche der regionalen Geschichte

Schorno hat innerhalb von einem Jahr ihre Geschichte in Obwalden akribisch Dokumente durchforstet und auf 120 Seiten zusammengeschrieben. Seine Arbeit ist Grundlage für die Ausstellung «Interniert in Obwalden». Diese regionalisiert die schweizweite Wanderausstellung des Polenmuseums in Rapperswil und des polnischen Instituts für nationales Gedenken in Warschau zum Thema «Auf Polenwegen durch die Schweiz.»

Darin geht es nicht nur um die zahlreichen Arbeitseinsätze, den Weg zum Sattelpass, die Glaubenbielenstrasse, die «Tremola in Alpnach», die Strasse am linken Sarnerseeufer oder etwa den Polenweg Eichibrücke bis Ennetmoos. Urs Schorno trug auch die Alltagsgeschichten und persönlichen Schicksale zusammen. Spannend ist beispielsweise die Erkenntnis, dass die Internierten zum Teil beispielsweise so gut Fussball spielten, dass sie gegen die besten Schweizer Mannschaften spielten. «Sehr geholfen hat mir das Material, das mir Christian Stachon zur Verfügung gestellt hat», erklärt er. Stachons Vater war selbst interniert und schrieb mit an einer Lagerzeitung. Heute lebt Christian Stachon in Neuenkirch und sammelt weiter Zeugnisse polnischer Internierter. Für die Ausstellung in der Turbine Giswil hat er einen Film verfasst.

Diese eröffnete am Freitagabend der polnische Botschafter Jakub Kumoch. «Wir wissen, wie die Schweiz den unterdrückten Polen geholfen hat», äusserte er. Beat von Wyl, Gemeindepräsident von Giswil hob hervor, dass es der Schweiz und dem Kanton Obwalden in der angespannten Situation des Zweiten Weltkriegs gelungen sei, in kurzer Zeit sehr viele Ausländer aufzunehmen, zeitweise habe der Bevölkerungsanteil der Polen ganze fünf Prozent der Obwaldner insgesamt ausgemacht. Sehr herzlich seien die Polen von den Obwaldnern aufgenommen worden.

Von Wyl bedankte sich stellvertretend beim polnischen Institut für das, was die Internierten für Giswil und den Kanton geleistet haben. Die Ausstellung bezeichnete er als sehr wertvoll. Zum stimmungsvollen Rahmen trug der «polnische Soldatenchor» des Theaters Giswil und das Quartett «Escalier Bleu» bei, in dem der Giswiler Christoph Blum sang und Bass spielte.

Beziehungen zum Groll der einheimischen Männer

Auch Zeitzeugen waren an der Vernissage zugegen. Als 18-Jähriger kümmerte sich Josef Gasser ums Vieh. Der Hof lag direkt angrenzend zum Lager im Riedli. Nein, grossen Kontakt habe man nicht gehabt, versichert er. Dieser war auch verboten, wie ein authentisches Plakat an einem Wachhäuschen verdeutlicht. Die Rechte der Internierten waren stark eingeschränkt: Sie durften keine Wirtshäuser betreten, Velos benutzen, geschweige denn einheimische Frauen heiraten. «Es sind daher auch alle auf eine solche hinzielenden Beziehungen mit Internierten untersagt», heisst es. Vielfach nahmen die Obwaldnerinnen die jungen Männer als attraktiv wahr. Zum Groll der Einheimischen ergaben sich trotz aller Verbote Beziehungen. Offiziell geht man in der Schweiz von 330 polnischen Vaterschaften aus. Die Zahl von allein 100 illegitimen Kindern allein in Sarnen ist aber widerlegt worden.

Hinweis
Ausstellung «Auf Polenwegen durch die Schweiz und Internierte in Obwalden», täglich von 14 bis 19 Uhr in der Turbine Giswil noch bis Sonntag, 22. April.


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