Engelberger Ehepaar gibt nach 24 Jahren das eigene Hotel auf

OBWALDEN ⋅ Gäste zuerst – nach diesem Motto haben Susanne und Peter Kuhn 24 Jahre lang ihr Hotel Edelweiss in Engelberg geführt. Ende Monat schliesst es. Und damit endet ein Lebenswerk.
15. April 2018, 05:00

Franziska Herger

franziska.herger@obwaldnerzeitung.ch

«Freundlicher Empfang», «familiäres Ambiente», «in die Jahre gekommen, aber gut erhalten» – so beschreiben Gäste das Hotel Edelweiss auf der Reisebewertungsseite Tripadvisor. «Wir ­gehören zu den am höchsten ­bewerteten Hotels in Engelberg», sagt Direktor und Inhaber Peter Kuhn (64) stolz. Doch bald ist es damit vorbei: Ende April schliesst das «Edelweiss» für immer, ab Sommer entstehen im Jugendstilgebäude Wohnungen. Bereits herrscht Aufbruchstimmung. «Die Fische aus dem Aquarium haben wir gestern verschenkt», sagt Direktorin Susanne Kuhn (60). Ihr ist die Wehmut über das Ende ihres Lebenswerkes anzumerken. «Die Gäste werden mir sehr fehlen.» Peter Kuhn dagegen hat nach 44 Jahren Hotellerie und 24 Jahren im «Edelweiss» genug. «Wir haben oft 100 Stunden die Woche gearbeitet. Ich merke, dass ich müde bin.»

Der gebürtige Freiämter aus Wohlen AG und die Süddeutsche lernten sich in ihrer Jugend beim Skifahren in Engelberg kennen. Susanne Kuhn studierte damals unter anderem Mathe, «aber ich träumte immer davon, mit meinem Mann im eigenen Betrieb zu walten». Peter Kuhn arbeitete ­einige Jahre in den USA, dann in Frankfurt, bevor beide lange in Davos landeten, davon fünf Jahre als Gastgeber im Hotel Schatzalp. 1994 fiel ihr Blick auf das zum Verkauf stehende Hotel Edelweiss. «Es war faktisch Konkurs», erinnert sich Peter Kuhn. Die beiden wagten die Selbstständigkeit, mit einer klaren Vision: «Ein 3-Sterne-Familienhotel, geführt wie ein 4-Sterne-Hotel.» Und: «Kundenkontakt ist bei uns Chefsache.» So las Susanne Kuhn den kleinen Gästen Globi-Bücher vor, Peter Kuhn spielte zur Unterhaltung beim Abendessen Dreh­orgel, die Kuhns wanderten und fuhren Ski mit den Gästen – eben wie in einer Familie. «Aber auch wie in einem kleinen Königreich», meint Peter Kuhn. Die «Bühne» werde sie vermissen, sagt Susanne Kuhn, «den ­Moment, wenn ich die Hotelhalle betrete und mich neuen Gästen als Direktorin und Inhaberin vorstelle – einfach unbeschreiblich».

Das Familienleben kam oft zu kurz

19 000 Adressen haben die Kuhns in ihrer Kartei. Über die Jahre sind ihnen viele Gäste ans Herz gewachsen. «Ein jüdisches Paar, das sich in einem Konzen­trationslager kennen gelernt hatte, kam jedes Jahr, die Frau bis zu ihrem Tod mit 102», erzählt Susanne Kuhn. «Heute kommen ihre vier Töchter immer noch zu uns.» Die eigene Familie kam ­daneben oft zu kurz. Die beiden erwachsenen Söhne haben kein Interesse am Hotelgeschäft. «Sie sind ein wenig traumatisiert», meint Peter Kuhn nur halb im Scherz. «Ihre Eltern waren immer zuerst für die Gäste da.»

Doch selbst Susanne Kuhn liebte nicht jeden Moment mit ihren Gästen. «Betrunkene, die den Türcode vergessen hatten und nachts um drei die Klingel drückten, werde ich nicht sehr vermissen», sagt sie schmunzelnd. «Der Monitor der Tür­kamera ist gleich neben unserem Bett», fügt Peter Kuhn an. «Wir haben uns jeweils gefragt: ‹Kennst du den?›, und wenn er uns bekannt vorkam, öffneten wir die Tür.» Einig waren sich die Kuhns in all den Jahren nicht ­immer. Jeden Morgen um sechs halten sie «Geschäftsleitungs­sitzung» bei einer Tasse Tee. «Da knallt es auch mal», sagt Susanne Kuhn. «Aber es ist wichtig, sich auszusprechen, schliesslich hängt das ganze Geschäft an der Beziehung.» Man halte sich als Direktorenpaar gegenseitig den ­Rücken frei, meint ihr Mann. «Zu zweit waren wir immer stärker.»

Jetzt, wo sie bald nicht mehr 24 Stunden am Tag ihren Gästen zur Verfügung stehen, möchten die Kuhns reisen, nach Alaska, Patagonien, Neuseeland. Doch sie verabschieden sich nicht ganz vom Hotelierleben. Mit einer Consultingfirma unter dem ­Namen «Edelweiss» will das Paar andere Hoteliers etwa bei Buchhaltung, Personalführung und Gästeunterhaltung unterstützen.

Ein «Feuerwerk an Unterhaltung» zum Schluss

Und was raten die Kuhns Anfängern, die ins Hotelgeschäft einsteigen möchten? «Es geht nicht, wenn man Menschen nicht liebt», sagt Susanne Kuhn. «Und es geht nicht ohne Mut», fügt ihr Mann an. «Als wir das ‹Edelweiss› übernahmen, sagten alle, das schafft ihr nie. Und auf eine Art haben wir das nun ja auch nicht.» Das «Edelweiss» hat Schulden, brauchte Investitionen von bis zu 12 Millionen.

Die Eurokrise, die Kostentransparenz, «durch die wir uns nach dem billigsten 3-Sterne-­Hotel im Ort richten müssen», und die vergebliche Suche nach Fremdkapital seien ihnen zum Verhängnis geworden, sagt Peter Kuhn. Schon vor drei Jahren verkauften sie ihr Hotel an eine ­Beckenrieder Immobilienfirma. Doch das Direktorenpaar hadert nicht. «Stünden wir noch mal am gleichen Punkt, wir würden es wieder wagen.» Und Peter Kuhn bilanziert: «In all den Jahren ­haben wir sehr vielen Leuten Freude bereitet.»

Für das Ende einer Ära ist im «Edelweiss» alles bereit. Die 20 Mitarbeiter haben neue Stellen gefunden, Ende Mai wird das Inventar öffentlich verkauft. Doch zunächst geht es im Hotel noch einmal, worum es immer ging: die Gäste. In den letzten beiden, fast komplett ausgebuchten Wochen erwartet sie ein «Feuerwerk an Unterhaltung», sagt ­Peter Kuhn. Natürlich und wie ­immer «mit Peter und Susanne».


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